Aufsätze

Robert Walser · Kapitel 20 von 49

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Kino

 

Graf und Gräfin sitzen beim Frühstück. In der Tür erscheint der Diener und

überreicht seiner gnädigen Herrschaft einen anscheinend gewichtigen Brief, den

der Graf erbricht und liest.

Inhalt des Briefes: »Sehr geehrter, oder, wenn Sie lieber wollen,

hochwohlgeborener, nicht genug zu rühmender, guter Herr, hören Sie, Ihnen ist

eine Erbschaft zugefallen von rund zweimalhunderttausend Mark. Staunen Sie

und seien Sie glücklich. Sie können das Geld persönlich, sobald es Ihnen beliebt,

in Empfang nehmen.«

Der Graf setzt seine Frau von dem Glück, das ihm in den Schoß gefallen ist,

in Kenntnis, und die Gräfin, die einige Ähnlichkeit mit einer Kellnerin hat,

umarmt den höchst unwahrscheinlichen Grafen. Die beiden Leute begeben sich

weg, lassen aber den Brief auf dem Tisch liegen. Der Kammerdiener kommt und

liest, unter einem teuflischen Mienenspiel, den Brief. Er weiß, was er zu tun hat,

der Schurke.

»Bier, wurstbelegte Brötchen, Schokolade, Salzstangen, Apfelsinen gefällig,

meine Herrschaften!« ruft jetzt in der Zwischenpause der Kellner.

Der Graf und der Kammerdiener, das ungetreue Scheusal, als welches er sich

nach und nach entwickelt, haben sich aufs Meerschiff begeben, und jetzt sind sie

in der Kajüte. Der Diener zieht seinem Herrn die Stiefel aus, und letzterer legt

sich schlafen. Wie unvorsichtig das ist, soll sich alsbald zeigen, denn nun

entpuppt sich der Schurke, und ein mörderischer Kammerdiener gießt seinem

Gebieter eine sinnberaubende Flüssigkeit in den Mund, den er gewaltsam

aufreißt. Im Nu sind dem Herrn Hände und Füße gefesselt, und im nächsten

Augenblick hat der Räuber den Geldbrief an sich gerissen, und der arme Herr

wird in den Koffer geworfen, worauf der Deckel zugeklappt wird.

»Bier, Brause, Nußstangen, Schokolade, belegte Brötchen gefällig, meine

Herrschaften«, ruft wieder das Ungeheuer von Kellner. Einige der anwesenden

Vorortherrschaften genehmigen eine kleine Erfrischung.

Nun prunkt der verräterische Diener in den Anzügen des vergewaltigten Grafen, der in dem Amerikakoffer schmachtet. Dämonisch sieht er aus, der

unvergleichliche Spitzbube.

Es rollen noch weitere Bilder auf. Zuletzt endet alles gut. Der Diener wird

von Detektivfäusten gepackt, und der Graf kehrt mit seinen

zweimalhunderttausend Mark glücklich, obgleich unwahrscheinlich, wieder nach

Hause.

Nun folgt ein Klavierstück mit erneuertem »Bier gefällig, meine

Herrschaften«.