Aufsätze

Robert Walser · Kapitel 16 von 49

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»Guten Abend, Jungfer!«

 

Wurm, Haussekretär des Präsidenten. Welch eine merkwürdige Figur. Dieser

großartig angelegte Schleicher. In seiner Seele hat einstmals jugendliches Feuer

gebrannt. Man muß sich einen Wurm als jung denken. Damals hat er noch

weinen, beben, beten und hell auflachen können. Es ist möglich, daß er sogar

Gedichte geschrieben hat, und jetzt! Er möchte gern etwas ganz Großes sein, er

hat Phantasie, und er ist in den Bezirken des Hohen und Guten wie zu Hause.

Aber er hat es zu nichts Hohem und Fertigem gebracht, zu nichts

Befehlshaberischem. Da er sich vor unfeinen, ja scheußlichen Gewalten bücken

muß, hat er sich auf die betörende Grausamkeit verlegt, das zeigt unanfechtbar

deutlich an, daß er die Hoheit des Schönen und Guten schauerlich empfindet. Er

wäre ein guter Kerl, wenn ihm ein schöner Mund zulächeln wollte. Da schleicht

er nun, wie so ein vollendeter Schleicher, das vollkommene Bild eines

lebentötenden und -vergiftenden Schurken, und hat doch eine krankhafte

Sehnsucht nach dem Lieblichen. Wie wünscht er, gut und rechtschaffen und

wohlwollend zu sein. Schon allein seine Klugheit wünscht das. O, er weiß in

allen Herzenssachen so trefflich Bescheid, er kennt die Welt, und er weiß, daß er

das beste Weltgeschäft verpaßt hat: Zündende Wärme und Liebe. Und da geht er

nun hin, eines Abends, es fängt schon zu dunkeln an, zu Luise, die er anbetet,

und will nun um sie werben, obschon er von der Nutzlosigkeit seiner Absichten

überzeugt ist. Und nun beginnt diese furchtbare Folterung der liebenden Seelen.

Unzweifelhaft ist Wurm ein Schurke, es macht ihm Spaß, zu quälen, aber ebenso

gewiß tut er sich weh, er liebt, und das ist sehr wichtig. Denn nun tut sich vor

unsern Augen da eine wahre Seelenschmerzenhölle auf, es regnet in dieser

herrlichen Abendszene Qualen. Das Luisen-Zimmer ist gleichsam tapeziert mit

Bildern der unnennbarsten Pein. Rache und Zärtlichkeit, körperliche Lust und

Bosheit, Schurkerei und herrische Standhaftigkeit, wie wimmelt das kraß

durcheinander. Wurm ist Weltmann, er besitzt die solide Bildung eines Mannes

mit guten Beziehungen, er ist genau informiert über die Charaktereigenschaften

des Heldenmädchens. Er bewundert sie ohnegleichen in dem Moment, wo sie sich seinen entsetzlichen Plänen überliefert. Er fühlt die grenzenlose Verachtung,

welcher er sich aussetzt, er hält das aus, ja, er übersteigt noch die Grenze, er

zwingt sich zuletzt noch zu Widerlichkeiten. Er steht unbedingt groß da, er ist

Held. Inwiefern Ferdinand Kavalier ist, kann er stolz sein, durch so kühne

Intrigen zu fallen.