Aufsätze

Robert Walser · Kapitel 37 von 49

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Büchners Flucht

 

In der und der geheimnisvollen Nacht, durchzuckt von der häßlichen und

entsetzlichen Furcht, durch die Häscher der Polizei arretiert zu werden,

entwischte Georg Büchner, der hellblitzende jugendliche Stern am Himmel der

deutschen Dichtkunst, den Roheiten, Dummheiten und Gewalttätigkeiten des

politischen Gaukelspiels. In der nervösen Eile, die ihn beseelte, um schleunigst

fortzukommen, steckte er das Manuskript von »Dantons Tod« in die Tasche

seines weitschweifigen, kühn geschnittenen Studentenrockes, aus welcher es

weißlich hervorblitzte. Sturm und Drang fluteten, einem breiten königlichen

Strom ähnlich, durch seine Seele; und eine vorher nie gekannte und geahnte

Freude bemächtigte sich seines Wesens, als er, indem er mit raschen und großen

Schritten auf der mondbeglänzten Landstraße dahinschritt, das weite Land offen

vor sich daliegen sah, das die Mitternacht mit ihren großherzigen, wollüstigen

Armen umarmte. Deutschland lag sinnlich und natürlich vor ihm, und es fielen

dem edlen Jüngling unwillkürlich einige alte schöne Volkslieder ein, deren

Wortlaut und Melodie er laut vor sich hersang, als sei er ein unbefangener,

munterer Schneider- oder Schustergeselle, befindlich auf nächtlicher

Handwerkswanderung. Von Zeit zu Zeit griff er mit der schlanken feinen Hand

nach dem dramatischen, nachmals berühmt gewordenen Kunstwerk in der

Tasche, um sich zu überzeugen, daß es noch da sei. Und es war noch da, und ein

fröhliches, lustsprudelndes Gewaltiges überkam und überrieselte ihn, daß er sich

in der Freiheit befand, eben da er in das Kerkerloch des Tyrannen hatte wandern

sollen. Schwarze, große, wildzerrissene Wolken verdeckten oft den Mond, als

wollten sie ihn einkerkern, oder als wollten sie ihn erdrosseln, aber stets wieder

trat er, gleich einem schönen Kind mit neugierigen Augen, aus der Umfinsterung

an die Hoheit und an die Freiheit hervor, Strahlen auf die stille Welt

niederwerfend. Büchner hätte sich vor lauter wilder, süßer Flüchtlingslust auf die

Knie an die Erde werfen und zu Gott beten mögen, doch er tat das in seinen

Gedanken ab, und so schnell er laufen konnte, lief er vorwärts, hinter sich das

erlebte Gewaltige und vor sich das unbekannte, noch unerlebte Gewaltige, das ihm zu erleben bevorstand. So lief er, und Wind wehte ihm in das schöne

Gesicht.