Aufsätze
Büchners Flucht
In der und der geheimnisvollen Nacht, durchzuckt von der häßlichen und
entsetzlichen Furcht, durch die Häscher der Polizei arretiert zu werden,
entwischte Georg Büchner, der hellblitzende jugendliche Stern am Himmel der
deutschen Dichtkunst, den Roheiten, Dummheiten und Gewalttätigkeiten des
politischen Gaukelspiels. In der nervösen Eile, die ihn beseelte, um schleunigst
fortzukommen, steckte er das Manuskript von »Dantons Tod« in die Tasche
seines weitschweifigen, kühn geschnittenen Studentenrockes, aus welcher es
weißlich hervorblitzte. Sturm und Drang fluteten, einem breiten königlichen
Strom ähnlich, durch seine Seele; und eine vorher nie gekannte und geahnte
Freude bemächtigte sich seines Wesens, als er, indem er mit raschen und großen
Schritten auf der mondbeglänzten Landstraße dahinschritt, das weite Land offen
vor sich daliegen sah, das die Mitternacht mit ihren großherzigen, wollüstigen
Armen umarmte. Deutschland lag sinnlich und natürlich vor ihm, und es fielen
dem edlen Jüngling unwillkürlich einige alte schöne Volkslieder ein, deren
Wortlaut und Melodie er laut vor sich hersang, als sei er ein unbefangener,
munterer Schneider- oder Schustergeselle, befindlich auf nächtlicher
Handwerkswanderung. Von Zeit zu Zeit griff er mit der schlanken feinen Hand
nach dem dramatischen, nachmals berühmt gewordenen Kunstwerk in der
Tasche, um sich zu überzeugen, daß es noch da sei. Und es war noch da, und ein
fröhliches, lustsprudelndes Gewaltiges überkam und überrieselte ihn, daß er sich
in der Freiheit befand, eben da er in das Kerkerloch des Tyrannen hatte wandern
sollen. Schwarze, große, wildzerrissene Wolken verdeckten oft den Mond, als
wollten sie ihn einkerkern, oder als wollten sie ihn erdrosseln, aber stets wieder
trat er, gleich einem schönen Kind mit neugierigen Augen, aus der Umfinsterung
an die Hoheit und an die Freiheit hervor, Strahlen auf die stille Welt
niederwerfend. Büchner hätte sich vor lauter wilder, süßer Flüchtlingslust auf die
Knie an die Erde werfen und zu Gott beten mögen, doch er tat das in seinen
Gedanken ab, und so schnell er laufen konnte, lief er vorwärts, hinter sich das
erlebte Gewaltige und vor sich das unbekannte, noch unerlebte Gewaltige, das ihm zu erleben bevorstand. So lief er, und Wind wehte ihm in das schöne
Gesicht.