Aufsätze
Guten Tag, Riesin!
Es ist einem, als schüttle da eine Riesin ihre Locken und strecke ein Bein
zum Bett heraus, wenn man am frühen Morgen, noch ehe die Elektrischen
fahren, von irgendeiner Pflicht angetrieben, in die Weltstadt hineingeht. Kalt und
weiß liegen die Straßen wie ausgestreckte Menschenarme da; man läuft, reibt
sich die Hände und sieht, wie zu den Toren und Türen der Häuser Menschen
heraustreten, als speie ein ungeduldiges Ungeheuer seinen warmen, flammenden
Speichel aus. Augen begegnen dir, wenn du so dahergehst, Mädchen- und
Männeraugen, trübe und frohmütige; Beine laufen hinter und vor dir, und du
selber beinelst auch, was du nur kannst und schaust mit deinen eigenen Augen,
mit denselben Blicken, wie alle blicken. Und die Brüste tragen alle irgendein
verschlafenes Geheimnis, und in den Köpfen allen spukt irgendein wehmütiger
oder anspornender Gedanke. Herrlich, herrlich. Da ist es also kalter, halb
sonniger, halb trüber Morgen, viele, viele Menschen liegen noch in ihren Betten,
Schwärmer, die die Nacht und den halben Morgen durchgelebt und -
geabenteuert haben, Vornehme, zu deren Lebensgewohnheiten es gehört, spät
aufzustehen, faule Hunde, die zwanzigmal erwachen, gähnen und wieder
einschnarchen, Greise und Kranke, die sich überhaupt nicht mehr, oder nur
mühsam erheben können, Frauen, die geliebt haben, Künstler, die sich sagen: a
was, quatsch, früh aufstehen, Kinder von reichen, schönen Eltern, fabelhaft
gepflegte und behütete Wesen, die in ihren eigenen Stuben, hinter schneeweißen
Fensterumhängen, das Mündchen offen, märchenhaft träumend, bis neun, zehn
oder elf Uhr schlafen. Was zu solch früher Morgenstunde aus den wild
ineinander verschlungenen Straßen gramselt und ameiselt, das sind, wenn nicht
Dekorationsmaler, so doch vielleicht Tapezierer, Adressenschreiber, kleine,
lausichte Agenten, Menschen auch, die einen frühen Eisenbahnzug nach Wien,
München, Paris oder Hamburg erreichen wollen, kleine Menschen in der Regel,
Mädchen von allen möglichen Erwerbszweigen, Erwerbende also. Einer, der
dem Rummel zusieht, muß das notwendigerweise einzig finden. Er geht dann so
und meint beinahe, auch rennen, atempusten und seine Arme hin und her schwenken zu müssen; das Treiben und Emsigtun ist ja so ansteckend, wie etwa
ein schönes Lächeln ansteckend sein kann. Nein, nicht so. Der frühe Morgen ist
noch etwas ganz anderes. Er schleudert aus Kneipen etwa noch ein paar
schmierig gekleidete Nachtgestalten mit ekelhaft rotbemalten Gesichtern auf die
blendend-staubig-weiße Straße hinaus, wo sie eine gute Weile, den Hakenstock
an der Schulter tragend, blödsinnig stehen bleiben, um Vorübergehende
anzuöden. Wie ihnen die trunkene Nacht zu den schmutzigen Augen
hinausblendet! Weiter, weiter. Bei Besoffenen hält sich das blauäugige Wunder,
der frühe Morgen, nicht auf. Er hat tausend schimmernde Fäden, womit er dich
weiterzieht, er schiebt dich von hinten und lockt und lächelt dich von vorne an,
du siehst hinauf, wo ein weißlich verschleierter Himmel ein paar zerrissene
Stücke Blau hervorläßt; hinter dich, um einem Menschen, der dich interessiert,
nachzuschauen, neben dich, an ein reiches Portal, hinter dem ein fürstliches
Palais verdrossen und vornehm emporragt. Statuen winken dir aus Gärten und
Parkanlagen entgegen; immer gehst du und hast flüchtige Blicke für alles, für
Bewegliches und Feststehendes, für Droschken, die träge fortrumpeln, für die
Elektrische, die jetzt zu fahren beginnt, von der herab Menschenaugen dich
ansehen, für den stupiden Helm eines Schutzmannes, für einen Menschen mit
zerrissenen Schuhen und Hosen, für einen zweifellos ehemals Gutsituierten, der
im Pelzmantel und Zylinder die Straße fegt, für alles, wie du selber für alles ein
flüchtiges Augenmerk bist. Das ist das Wunder der Stadt, daß eines jeden
Haltung und Benehmen untertaucht in all diesen tausend Arten, daß das
Betrachten ein flüchtiges, das Urteil ein schnelles und das Vergessen ein
selbstverständliches ist. Vorüber. Was ist vorüber? Eine Fassade aus der
Empirezeit? Wo? Da hinten? Ob sich da einer wohl entschließen kann, sich
nochmals umzudrehen, um der alten Baukunst einen Extrablick zu schenken? I
woher. Weiter, weiter. Die Brust dehnt sich, die Riesin Weltstadt hat jetzt in aller
üppigen Gemächlichkeit ihr schimmernd-durchsonntes Hemd angezogen. So
eine Riesin kleidet sich eben ein bißchen langsam an; dafür aber duftet und
dampft und pocht und läutet jede ihrer schönen, großen Bewegungen. Droschken
mit Amerikakoffern obenauf poltern und radebrechen vorbei, du gehst jetzt im
Park; die stillen Kanäle sind noch mit grauem Eis bedeckt, die Matten frieren
dich an, die schlanken, dünnen, kahlen Bäume jagen dich mit ihrem zitternd-
frörlichen Aussehen flugs weiter; Karren werden geschoben, zwei
herrschaftliche Fuhrwerke aus der Remise irgendeines Menschen von offiziellem
Gepräge, jedes zwei Kutscher und einen Lakaien tragend, jagen vorüber; immer
ist etwas, und jedesmal ist das Etwas, wenn man es näher betrachten will,
verschwunden. Natürlich hast du eine Unmenge Gedanken während deines
einstündigen Marsches, du bist Dichter und kannst dazu ruhig deine Hände in den Taschen deines hoffentlich anständigen Überziehers behalten, du bist Maler
und hast vielleicht bereits während deines Morgenspazierganges fünf Bilder fix
und fertig gemacht. Du bist Aristokrat, Held, Löwenbändiger, Sozialist,
Afrikaforscher, Tänzer, Turner oder Kneipenwirt gewesen, hast flüchtig
geträumt, eben jetzt dem Kaiser vorgestellt worden zu sein. Er ist vom Thron
herniedergestiegen und hat dich in ein halbstündiges, vertrauliches Gespräch, an
welchem sich auch die Frau Kaiserin dürfte beteiligt haben, gezogen. Du bist in
Gedanken Stadtbahn gefahren, hast Dernburg seinen Lorbeerkranz vom Haupte
gerissen, geheiratet und dich in einer Ortschaft in der Schweiz heimisch
niedergelassen, ein bühnenfähiges Drama geschaffen – lustig, lustig, weiter, he
da, was? Sollte das? Ja, da ist dir dein Kollege Kitsch begegnet, und da seid ihr
zusammen nach Hause gegangen und habt Schokolade getrunken.