Aufsätze

Robert Walser · Kapitel 18 von 49

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Aufsätze

Ein Genie

 

Ich bereite mich gegenwärtig darauf vor, Schauspieler zu werden. Mein

erstes Auftreten auf den Brettern ist nur noch die übliche Frage der Zeit.

Momentan lerne ich Rollen auswendig. Den ganzen Tag, trotz des herrlichsten

Wetters, sitze oder stehe ich aufrecht in meiner Bude und deklamiere in allen

Tonarten. Ich bin vollständig vom Theaterteufel verschlungen. Meine

Nachbarschaft bringe ich durch mein Brüllen zur Verzweiflung. Was soll aus mir

werden? Aber das hat so kommen müssen. Ich erblicke in dem Mimenberuf die

höchste und reinste Menschenaufgabe, und ich glaube nicht, daß ich mich

täusche. Ich werde fürs erste in das Heldenfach eintreten, später wird es sich

dann zeigen, ob ich der Mann dazu bin, in Charakterrollen hinüberzuspringen.

Ich bin, was meine ganze Naturanlage betrifft, einer der süßlichsten Kerls in

Europa, meine Lippen sind Zuckerfabriken, und mein Benehmen ist ein total

schokoladenes. Dagegen gibt es in mir und an mir eine Art Männlichkeitston,

der reine Fels. Ich kann plötzlich, wenn ich es für gut finde, Stein sein, oder

Holz; das wird den Liebhabern, die ich spielen werde, notwendigerweise zu

statten kommen. Von meiner Figur, die eine sehr altbackene ist, wird

Erschütterung ausgehen, meine Augen werden faszinieren, mein Betragen wird

blenden, denn es besteht aus lauter Glühstrümpfen. Ich habe einen etwas

krummen Rücken nebst einem kleinern Buckel. Diese Verunstaltung meines

Körpers wird hinreißen, denn ich gedenke sie vergessen zu machen durch die

plastische Darstellung meiner zahlreichen innern Vollkommenheiten. Man wird

etwas Häßliches und zugleich etwas Schönes sehen, und das Schöne wird den

Sieg davontragen. Mein Kopf ist mächtig groß, meine Lippen sind dick wie

starke Folianten, meine Hände gleichen den Füßen von Elefanten, und dazu

besitze ich eine furchtbar modulationsfähige Stimme. Wenn jener

melancholische Königssohn sagen konnte, er habe Dolche geredet, so darf ich

behaupten, und zwar füglich, ich rede und schwatze Schwerter. Schon als Junge

bin ich einmal im dramatischen Verein »Edelweiß« aufgetreten, nämlich als

Hausknecht, ich spielte schlecht, denn ich fühlte mich zu Höherem berufen. Nunmehr ist die Sache ja für mich entschieden. Nächste Woche findet mein

Debüt statt, das Stück heißt: »Du lachst dich kaput«. Hoffentlich erscheinen nun

die billettlösenden Herrschaften recht zahlreich, wenn nicht, dann eben nicht,

umbringen wird mich die Gleichgültigkeit eines verständnislosen Publikums

niemals.