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Robert Walser · Kapitel 30 von 49

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Berlin W

 

Es scheint hier jedermann zu wissen, was sich schickt, und das erzeugt eine

gewisse Kälte, und es scheint ferner, daß hier jedermann sich durch sich selbst

behauptet, und dies ruft die Ungestörtheit hervor, die der Neuling hier

bewundert. Die Armut scheint hinausgeschoben in die Viertel, die an die offenen

Felder streifen oder nach innen ins Düster und Dunkel der Hinterhäuser

gedrängt, die von den herrschaftlichen Vorderhäusern verdeckt werden wie von

mächtigen Körpern. Es scheint, als habe hier die Menschheit aufgehört zu

seufzen und angefangen, ihres Lebens und Daseins endgültig froh zu sein. Doch

der Schein trügt, und die Pracht und Eleganz sind nur ein Traum. Aber auch das

Elend ist vielleicht nur eine Einbildung. Was die Eleganz des Westens von Berlin

betrifft, so scheint sie ausgezeichnet durch Lebhaftigkeit und zugleich ein wenig

verdorben durch die Unmöglichkeit, sie ruhig zu entfalten. Es steckt hier

übrigens alles in einer fortlaufenden Entfaltung und Veränderung. Die Männer

sind ebenso bescheiden wie unritterlich, und man kann sehr glücklich darüber

sein, denn die Ritterlichkeit ist stets zu drei Vierteln unpassend. Die Galanterie

ist etwas außerordentlich Dummes und Vorlautes. Es gibt hier demnach wenig

gefühlvolle Auftritte, und wo sich irgendein feinsinniges Abenteuer entspinnt,

merkt man es gar nicht, das ist doch immerhin sehr fein. Die Herrenwelt ist

heute eine Geschäftswelt, und wer Geld verdienen muß, hat keine oder wenig

Zeit, sich auffallend schön zu benehmen. Daher eine gewisse rauhe abfertigende

Tonart. Im allgemeinen gibt es viel Amüsantes im Westen; die Lächerlichkeiten

leben so reizend und hübsch, wie man es sich nur träumen kann, weiter. Da ist

die Emporkömmlingin, eine Gewaltsdame, naiv wie ein kleines Kind. Ich

persönlich schätze sie sehr, weil sie so üppig und zugleich so drollig ist. Da ist

die »Kleine vom Kurfürstendamm«. Sie gleicht einer Gemse, und es ist viel

Braves und Liebes an ihr. Da ist der Lebegreis. Es spazieren nur noch sehr

wenige Exemplare dieses Kalibers in der Welt, die zu leben weiß, herum. Die

Sorte ist im Aussterben begriffen, und ich finde, daß das sehr schade ist. Ich sah

neulich einen solchen Herrn, er kam mir wie eine Erscheinung aus verschwundenen Zeiten vor. Da haben wir wieder etwas anderes, den

reichgewordenen ländlichen Ansiedler. Er hat sich noch nicht abgewöhnt, Augen

zu machen, wie wenn er über sich selbst und über das Glück, in dem er sitzt,

staune. Er benimmt sich viel zu sittsam, so, als fürchte er, zu offenbaren, woher

er stamme. Da haben wir wieder die ganz, ganz gestrenge Gnädige aus der

Bismarckzeit. Ich bin ein Bewunderer von strengen Gesichtern und von ins

Wesen des Menschen übergegangenen guten Manieren. Mich rührt ja überhaupt

das Alte, sowohl an Bauten wie an Menschengestalten; deswegen erquickt mich

aber das Frische, Neue und Junge nicht weniger; und jung ist's hier, und gesund

scheint mir der Westen zu sein. Sollte eine gewisse Portion Gesundheit eine

gewisse Portion Schönheit verdrängen? Mitnichten. Das Lebhafte ist zuletzt das

Schönste. Nun ja, vielleicht wedle und scharwenzle und schmeichle ich jetzt ein

bißchen; wie z. B. durch folgenden Satz: Die hiesigen Frauen sind schön und

anmutig! Die Gärten sind sauber, die Architektur ist vielleicht ein wenig

drastisch, was kann das mich kümmern. Es ist heute ja jedermann überzeugt, daß

wir Stümper sind im Großen, Stilvollen und Monumentalen und wahrscheinlich

deshalb, weil in uns zu sehr der Wunsch lebt, Stil, Größe und Monumentalität zu

besitzen oder zu erzeugen. Wünsche sind schlimme Dinge. Unser Zeitalter ist

entschieden das Zeitalter der Empfindlichkeit und Rechtlichkeit, und das ist

doch sehr hübsch von uns. Wir haben Fürsorgeanstalten, Krankenhäuser,

Säuglingsheime, und ich bilde mir gerne ein, das sei doch auch etwas. Wozu

alles wollen? Man denke an die Schauder der alten Fritzen-Kriege und an sein –

Sanssouci. Wir haben wenig Gegensätze; das beweist, daß wir uns danach

sehnen, ein gutes Gewissen zu haben. Aber wie schwenke ich da nur ab. Darf

man das? Es gibt einen sogenannten alten Westen, einen neueren Westen (rund

um die Gedächtniskirche) und einen ganz neuen Westen. Der mittlere ist

vielleicht der netteste. Ganz bestimmt trifft man in der Tauenzienstraße die

höchste und meiste Eleganz an; der Kurfürstendamm ist reizend mit seinen

Bäumen und seinen Kaleschen. Ich sehe mich mit großem Bedauern schon an

den Rahmen meines Aufsatzes anstoßen, in der fatalen Überzeugung, daß ich

vieles, was ich unbedingt habe sagen wollen, gar nicht gesagt habe.