Aufsätze

Robert Walser · Kapitel 27 von 49

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Markt

 

Ein Wochenmarkt ist etwas Helles, Lebendiges, Reichliches und Lustiges.

Durch die breite, sonst so stille Straße ziehen sich zwei lange, von Lücken

unterbrochene Reihen Warenstände, belegt und behängt mit allem, was

Haushaltungen und Familien tagtäglich nötig haben. Die Sonne, die sonst hier

herum herrisch und träge liegen kann, hat heute zu springen und zu blitzen,

sozusagen zu fuchteln, denn jedes bewegliche Ding, das hier herumrührt, jeder

Gegenstand, jeder Hut, jede Schürze, jeder Topf, jede Wurst, alles will

angeblendet sein. Würste in Sonnenschein gebadet sehen prächtig aus. Das

Fleisch prahlt und prunkt von den Haken, an denen es hängt, stolz und purpurrot

herunter. Das Gemüse grünt und lacht, Apfelsinen scherzen in prachtvoll gelben

Mengen, Fische schwimmen in breiten wassergefüllten Kübeln. Man steht so,

und dann tut man einen Schritt. Man tut. Es kommt so genau nicht darauf an, ob

der geplante, probierte und ausgeführte Schritt wirklich ein wahrhaftiger Schritt

ist. Dieses fröhliche, einfache Leben, wie es bescheiden anzieht, wie es einen

kleinbürgerlich und häuslich anlacht. Dazu ist der Himmel von einem

allererstklassigen Blau. Erstklassig! Man will sich nicht zu dem Wort »süß«

versteigen. Wo man Poesie empfindet, bedarf's keinerlei poetischer

Anwandlungen. »Drei Abbelsinen for'n Jroschen.« Wie oft, Mann, hast du das

eigentlich schon bald mal gesagt? Welche Auswahl prächtiger, dicker Weiber.

Unfeine Menschenfiguren mahnen so recht an die Erde, an das Landweben und -

leben, den Gott selbst, der sicher auch keinen gar so übertrieben schönen Leib

hat. Gott ist das Gegenteil von Rodin. Wie entzückend ist das: an etwas

Bäurischem ein wenig, wenn auch nur für einen »Jroschen« Geschmack

empfinden zu dürfen. Frische Eier, Landschinken, Land- und Stadtleberwürste!

Ich muß es heraussagen: ich stehe und taugenichtse gern in der Nähe von

lockenden Eßwaren umher. Wieder erinnert's ans lebhaft Vergängliche, und das

Lebendige ist mir lieber als das Unsterbliche. Hier sind Blumen, dort

Kachelgeschirre, nebenan Käse, Schweizer, Tilsiter, Holländer, Harzer, und

entsprechender Geruch dazu. Wenn man nun in die Ferne schaut, so wimmelt es von Landschaftsmalmotiven, schaut man zur Erde, so entdeckt man Schalen von

Äpfeln und Nüssen, Fleischabfälle, Papierreste, halbe und ganze Weltblätter,

einen Hosenknopf, ein Strumpfband. Blickt man hoch auf, so ist es ein Himmel,

blickt man gerade vor sich, so ist es ein Durchschnittsmenschengesicht, von

Durchschnittstagen und -nächten redet man nicht, von einer Durchschnittsnatur

auch nicht. Ist denn nicht das Durchschnittliche das Festeste und Beste? Ich

bedanke mich für Genietage und -wochen, oder für einen außergewöhnlichen

Herrgott. Das Bewegliche ist stets das Gerechteste. – Und wie zierlich können

einen Bauernweiber angucken. Mit welch seltsamen leisen Gebärden sich hin

und her drehen. Der Markt läßt immer ein Stück Landahnung im Stadtviertel

zurück, gleichsam, um es aus seinem monotonen Hochmut aufzurütteln. Wie

hübsch ist das, daß alle diese Kaufgegenstände in der freien, frischen Luft

liegen. Jungens kaufen sich warme Würste, sie lassen sich dieselben der ganzen

saftigen Länge nach an- und abstreichen, damit sie sie gleich kunstgerecht

verzehren können. Essen paßt so gut unter den blauen, hohen Himmel. Wie

reizend sehen mir da die üppigen Blumenkohlbüschel aus. Ich vergleiche sie

(nicht ganz gern) mit weiblichen straffen Brüsten. Der Vergleich ist impertinent,

wenn er nicht klappt. Wieviel Frauen da um einen herum sind. Aber der Markt

geht, sehe ich, zu Ende. Die Zeit des Abrüstens ist da. Obst wird in Körbe

zusammengescharrt. Bücklinge und Sprotten werden eingepackt, Buden

abgeschlagen. Das Gewimmel hat sich verzogen. Nach kurzer Zeit wird die

Straße wieder ihr vorheriges Aussehen zurückerwischt haben. Adieu Farben.

Adieu vielerlei. Adieu Gesprenkel von Lauten, Düften, Bewegungen, Schritten

und Lichtern. Übrigens habe ich ein Pfund Wallnüsse eingehandelt. So kann ich

nun nach Hause traben, in meine Wi-wi- und Wä-wä-Kindergeschrei-Wohnung.

Ich esse so ziemlich alles gern, aber wenn ich Nuß esse, bin ich direkt glücklich.