Aufsätze

Robert Walser · Kapitel 41 von 49

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Das Büebli

 

Er ist Bankkommis und ein kleiner Kerl, »Säubübli« von seinen Kollegen

genannt, eine Benennung, die er mit scheinbarer Gleichgültigkeit erträgt. Etwas

Geringfügiges schwebt um seine Gestalt, und eigentlich ist er nur eine Figur,

keine Gestalt, nur ein menschliches Etwas, keine Erscheinung. Ein bißchen

ländlich beträgt er sich, und er stammt in der Tat auch vom Land, sein Vater

verträgt in dem Dorf, wo er her ist, die Briefe. Es soll also wohl oder übel auch

etwas Pöstliches an ihm sein, ja, beinahe, aber dies kommt ungefähr so schwach

zum Ausdruck, wie die Mienen an den Personen eines schlechtgeschriebenen

Romanes, oder wie das Lächeln eines jener geriebenen Menschen, die nicht mit

den Lippen, sondern mit den Ohrlappen zu lächeln pflegen. Im übrigen heißt

unser Statist Glauser, Fritz mit Vornamen. Er nimmt Fechtstunden, »so ein

Dräckbürschli«. Seine Körperhaltung ist infolgedessen eine recht gute, die

Haltung schulmeistert beständig das, vermöge dessen sie da ist, den Körper, und

der kleine, gute Glauser-Körper läßt sich ruhig und ergeben von der

unzufriedenen Geist-Haltung kommandieren. An der Haltung merkt man etwas,

und am Körper belächelt man etwas, und an Glauser will man immer etwas

auszusetzen haben.

So zum Beispiel sagt man, er sei ein Streber, was ja nun allerdings ein wenig

wahr ist, aber sein Strebertum ist ein feines und bewußtes, es korrespondiert mit

den »Fechtstunden«. Er strebt danach, seinen Herren Abteilungschefs und

Meistern Vorgesetzten zu gefallen. Keine üble Idee, aber in den Augen des

Kollegen Senn, des »aufrührischen Vasallen«, ist das gemein. Den säuerlich

dampfenden und kochenden Atem seines Meisters Hasler verträgt Glauser, wenn

derselbe unvermutet hinter ihm steht, mit Bravour, ja sogar mit Liebe, denn er

sagt sich: »Anstandshalber habe ich gegen solcherlei Atemübungen nichts

einzuwenden. Ein besserer Duft wäre mir lieber. Aber wenn Chefs so atmen, so

nehme ich 's hin.«

Er ist klug, und er hat Charakter, er kennt keine Torheiten. Seinen weiteren

Kollegen Helbling verachtet er, aber vorsichtig, und seinen noch weiteren Kollegen Tanner hält er für einen netten Kerl, aber für prinzipienlos. Helbling

will nicht arbeiten, Tanner bezweckt nichts mit der Arbeit, aber Glauser arbeitet

an seiner persönlichen Weiterentwicklung, er fühlt sich berufen, Großes zu

erreichen, er macht im Geist Karriere.

Er spart auch, er ißt für vierzig oder für dreißig Rappen zu Mittag, eine

Ausgabe, die ihm imponiert, weil sie zu seinen Plänen paßt. Zu rauchen gestattet

er sich nicht, obwohl er es gern täte, dafür aber trägt er Handschuhe und einen

gewichtigen Spazierstock mit silbernem Knopf. Es ist dies ein Luxus, aber

erstens nur ein einmaliger, und zweitens gibt der Mensch, der etwas erstrebt,

gerne zu merken, daß es ihm eine Unmöglichkeit ist, sich zu unterschätzen.

»Ich bin vom Land,« denkt öfters Glauser, »und habe aus diesem Umstand

heraus die Verpflichtung, es den Städtern zu zeigen, was ein fester Willen

vermag.« Er benützt und besucht die Lesehallen, er ist im höchsten Grade

bildungsbedürftig, und er weiß sich die Vorteile, die die Stadt bietet, zu Nutzen

zu machen. Er sagt sich: »Diese Städter! Da schwärmen sie für die Landschaft.

Ihre Bibliotheken vernachlässigen sie. Gut, dann übernehmen eben die Söhne

vom Land ihre Errungenschaften.«

Glauser hat scheinbar ein Verhältnis mit der Kellnerin des »Ochsen«. Dort

pflegt er zu Abend zu essen, das ist etwas teurer als im Volkswohltätigkeitshaus,

man trinkt Bier zu einer Portion saurer Lebern, aber es gehört sich, infolgedessen

tut er's. Die Verbindung mit dem Mädchen kostet nichts, denn sie liebt ihn. Das

»Säubübli« ist also irgendwo Hahn im Korb, hat irgendwo einen Stein im Brett,

das wirkt wohltuend, das erhebt, das macht, daß man sich seiner Vorteile

beständig bewußt bleibt. Da kann man die andern reden lassen.

Sein Gehalt ist ein geringer, aber Glauser verbietet sich auf das strengste, von

einem höheren Salär zu träumen. So etwas reibt auf und ist inkorrekt, denn es

lenkt von den Obliegenheiten des Tages ab, und das verhindert ein Mensch, der

weiß, was Pflicht und Schuldigkeit sind. »Das ist helblingisch,« denkt er und ist

stolz und froh, sich derart bemeistern zu können. Absichtlich macht er Fehler,

um ab und zu einen Verweis zu hören, aus Diplomatie, damit es nicht in der

hintersten Ecke heißt: »Dieser kleine Luscheib von Streber!« – Jeder will gern

ein bischen populär sein, am liebsten die zukünftigen Herrscher.

An Gehaltszahltagen freuen sich die meisten Angestellten kindlich. Der

Klang des klimpernden Goldes erinnert an schöne Naturmomente, an Genüsse,

an das Verhalten-Menschliche. Es spricht eben zu den Herzen und zu den

Einbildungskräften. Nicht so Glauser. Der begegnet der fein lächelnden

Angestelltin, die gewöhnlich auszahlt, kalt und gebärdet sich, während die

liebliche Zahlerin ihres Amtes bei ihm waltet, folgendermaßen: »Dummköpfin!

Mach's rasch!« – Es paßt ihm nicht, sich zu freuen, seine Lüste sind tieferer und bewußterer Art.

An gemeinschaftlichen Sonntagsvergnügungen nimmt er indessen teil, aus

Politik, aber auch aus Anstandsgefühl, da er nicht ein versteckter Einsamer sein

will. So etwas gehört sich, Grund genug, mit dabei zu sein. Das Tanzbein

schwingt er trocken, aber er schwingt es wenigstens. Das Tanzen gehört im

Vergleich zum »Saufen« noch in den schönen Kreis des Geistigen, demnach hat

man sich's in keinerlei Weise zu verbieten. Daneben kann Glauser sich ja noch

ruhig über die Sache erhaben fühlen, sowohl als über den armen Helbling, der

dem Vergnügen leidenschaftlich ergeben ist, und der sich von der »Sache«

hinreißen läßt.

Glauser liest Nietzsche, er liest ihn, aber er läßt sich durch diesen Autor nur

zeitweise fesseln, niemals bestürmen, auch nicht irgendwelche Muster

vorschreiben. Er hat seine ganz eigenen Gedanken, ihm imponiert so leicht

keiner. Die Geschichte Napoleons aber hat es ihm angetan, diesen Mann nimmt

er zum Vorbild. Daneben ist es eine englische Grammatik, der er vorzugsweise

seine Nebenstunden widmet. Er ist Mitglied des Kaufmännischen Vereines, aber

ein laxes, die Verbandsinteressen berühren ihn wenig, übrigens ist er erst

zwanzig und ein halbes Jahr alt.

Gesundheitshalber begibt sich das kleine »Glauserli« fast jeden Mittag,

während der Bureaupause, zum See hinaus, in die dortigen, hübschen

Quaianlagen, um sich auf eine Bank zu setzen. Der Schatten ist ihm ebenso lieb

wie die Sonne, aber um kein Haar lieber. Der Wind ist ihm angenehm, aber nicht

süß wie »diesem Poeten Tanner«. Die Natur ist nützlich und gut, keineswegs

entzückend. Auf der Bank liest er ein Buch. Drum herum ist Natur, aber eben,

das ist es, die Natur ist gut zum Drumherumliegen, das Buch ist die Hauptsache.

Die Natur wärmt und freundet sich an: von selber: eine Art Dienstbotin, eine

stumme, gutmütige Pflegerin. Man nutzt das aus, denn das lohnt sich.

Schritt für Schritt schreitet unser Held vorwärts, und das heißt soviel als, er

macht immer seine Sache ordentlich. Nie verspätet er sich. Sein Anzug ist

ebenso sauber wie seine Arbeiten, die er abliefert, sein Auftreten aber entspricht

seinen Plänen, das heißt, es ist bescheiden, hohe Pläne schreiben das vor.

Während er arbeitet, scheint er verschwunden zu sein, er ist gar nicht mehr auf

der Welt, er lebt in den unsichtbaren und unsichtbarmachenden Regionen der

Pflichterfüllung. »Meine Arbeit ist zu geistlos für mich,« denkt er, aber es

genügt ihm, daß er diesen Einfall gehabt hat, er macht kein Drama daraus. Er

arbeitet langsam, Zahl für Zahl, Buchstabe für Buchstabe, richtig, gesetzt,

leidenschaftslos, wie es sich schickt vor einer Leistung, die keine Anforderungen

an die Begabung stellt. Das freut ihn kalt, daß es so ist. Glauser, »das Lusbübli«,

ist von einer durchtriebenen Zufriedenheit beseelt, und das ist es, was andern in die Augen sticht, denn »dahinter steckt etwas!« –

»Eines Tages,« denkt ›dä chli Hagel‹, »werde ich ihr Chef sein. Die werden

sich wundern.« Er hat sich im stillen längst vorgenommen, nie Stellung zu

wechseln, eigenmächtig, sondern sich langsam an immer bessere Posten

versetzen zu lassen. Er weiß, daß es jahrelang dauert, ehe er avancieren kann,

aber das schreckt ihn nicht, im Gegenteil, er hat eine diabolische Genugtuung,

empfinden zu dürfen, daß man ihm reichlich Gelegenheit zum hartnäckig

Ausharren geben wird. Er weiß sich im Besitz der hierzu erforderlichen

Tugenden, und er lacht auf den Stockzähnen hinten. Er hat Geduld wie eine

Bahnübergangsbarriere. Er sieht ja täglich das Muster der natürlichen Ungeduld

vor sich, den Helbling, der mit den Uhren kokettiert. Von diesem denkt er: »Der

macht's nicht mehr lange.«

Tanner macht's auch nicht mehr lange. Der arbeitet um des Arbeitens willen.

Das ist so eine Art zweckloser Künstlernatur! Das still beobachtende »Bübli« ist

seiner Sache sehr sicher. Nach kurzer Zeit fliegen die beiden »hinaus«, Helbling

auf dem Wege des Schassens und Tanner aus eigenem Drang. Der eine »geht«

zwecklos und der andere mit Schand und Spott. Glauser aber stickt und zeichnet

an dem fein erdachten Gewebe seines Berufsprogrammes ruhig weiter.

Er hält das Ding aus, und weit mehr: Die Bureausystemseele ist wie seine

eigene, das heißt, keine Verdächtigungen! Er meistert eben seine Seele. Er sieht:

aha, hier geht es so zu, und da geht es sofort in ihm selber ähnlich zu. Seine

Energie läßt kein Unwohlbefinden aufkommen. So eine Seele ist weich, und

wozu? Zum Daraufdrücken! Eine Seele ist nach Glausers Prinzipien zum

Zermalmen da.

O er bringt es weit, aber noch lange nicht. Es geht langsam, aber dann,

nachdem es ein Leben gedauert hat, wird er konstatieren können, daß er es weit

gebracht hat. Und wenn er's zu nichts bringt, so hat er doch reich gelebt: er hat

gewollt! –