Aufsätze
Das Büebli
Er ist Bankkommis und ein kleiner Kerl, »Säubübli« von seinen Kollegen
genannt, eine Benennung, die er mit scheinbarer Gleichgültigkeit erträgt. Etwas
Geringfügiges schwebt um seine Gestalt, und eigentlich ist er nur eine Figur,
keine Gestalt, nur ein menschliches Etwas, keine Erscheinung. Ein bißchen
ländlich beträgt er sich, und er stammt in der Tat auch vom Land, sein Vater
verträgt in dem Dorf, wo er her ist, die Briefe. Es soll also wohl oder übel auch
etwas Pöstliches an ihm sein, ja, beinahe, aber dies kommt ungefähr so schwach
zum Ausdruck, wie die Mienen an den Personen eines schlechtgeschriebenen
Romanes, oder wie das Lächeln eines jener geriebenen Menschen, die nicht mit
den Lippen, sondern mit den Ohrlappen zu lächeln pflegen. Im übrigen heißt
unser Statist Glauser, Fritz mit Vornamen. Er nimmt Fechtstunden, »so ein
Dräckbürschli«. Seine Körperhaltung ist infolgedessen eine recht gute, die
Haltung schulmeistert beständig das, vermöge dessen sie da ist, den Körper, und
der kleine, gute Glauser-Körper läßt sich ruhig und ergeben von der
unzufriedenen Geist-Haltung kommandieren. An der Haltung merkt man etwas,
und am Körper belächelt man etwas, und an Glauser will man immer etwas
auszusetzen haben.
So zum Beispiel sagt man, er sei ein Streber, was ja nun allerdings ein wenig
wahr ist, aber sein Strebertum ist ein feines und bewußtes, es korrespondiert mit
den »Fechtstunden«. Er strebt danach, seinen Herren Abteilungschefs und
Meistern Vorgesetzten zu gefallen. Keine üble Idee, aber in den Augen des
Kollegen Senn, des »aufrührischen Vasallen«, ist das gemein. Den säuerlich
dampfenden und kochenden Atem seines Meisters Hasler verträgt Glauser, wenn
derselbe unvermutet hinter ihm steht, mit Bravour, ja sogar mit Liebe, denn er
sagt sich: »Anstandshalber habe ich gegen solcherlei Atemübungen nichts
einzuwenden. Ein besserer Duft wäre mir lieber. Aber wenn Chefs so atmen, so
nehme ich 's hin.«
Er ist klug, und er hat Charakter, er kennt keine Torheiten. Seinen weiteren
Kollegen Helbling verachtet er, aber vorsichtig, und seinen noch weiteren Kollegen Tanner hält er für einen netten Kerl, aber für prinzipienlos. Helbling
will nicht arbeiten, Tanner bezweckt nichts mit der Arbeit, aber Glauser arbeitet
an seiner persönlichen Weiterentwicklung, er fühlt sich berufen, Großes zu
erreichen, er macht im Geist Karriere.
Er spart auch, er ißt für vierzig oder für dreißig Rappen zu Mittag, eine
Ausgabe, die ihm imponiert, weil sie zu seinen Plänen paßt. Zu rauchen gestattet
er sich nicht, obwohl er es gern täte, dafür aber trägt er Handschuhe und einen
gewichtigen Spazierstock mit silbernem Knopf. Es ist dies ein Luxus, aber
erstens nur ein einmaliger, und zweitens gibt der Mensch, der etwas erstrebt,
gerne zu merken, daß es ihm eine Unmöglichkeit ist, sich zu unterschätzen.
»Ich bin vom Land,« denkt öfters Glauser, »und habe aus diesem Umstand
heraus die Verpflichtung, es den Städtern zu zeigen, was ein fester Willen
vermag.« Er benützt und besucht die Lesehallen, er ist im höchsten Grade
bildungsbedürftig, und er weiß sich die Vorteile, die die Stadt bietet, zu Nutzen
zu machen. Er sagt sich: »Diese Städter! Da schwärmen sie für die Landschaft.
Ihre Bibliotheken vernachlässigen sie. Gut, dann übernehmen eben die Söhne
vom Land ihre Errungenschaften.«
Glauser hat scheinbar ein Verhältnis mit der Kellnerin des »Ochsen«. Dort
pflegt er zu Abend zu essen, das ist etwas teurer als im Volkswohltätigkeitshaus,
man trinkt Bier zu einer Portion saurer Lebern, aber es gehört sich, infolgedessen
tut er's. Die Verbindung mit dem Mädchen kostet nichts, denn sie liebt ihn. Das
»Säubübli« ist also irgendwo Hahn im Korb, hat irgendwo einen Stein im Brett,
das wirkt wohltuend, das erhebt, das macht, daß man sich seiner Vorteile
beständig bewußt bleibt. Da kann man die andern reden lassen.
Sein Gehalt ist ein geringer, aber Glauser verbietet sich auf das strengste, von
einem höheren Salär zu träumen. So etwas reibt auf und ist inkorrekt, denn es
lenkt von den Obliegenheiten des Tages ab, und das verhindert ein Mensch, der
weiß, was Pflicht und Schuldigkeit sind. »Das ist helblingisch,« denkt er und ist
stolz und froh, sich derart bemeistern zu können. Absichtlich macht er Fehler,
um ab und zu einen Verweis zu hören, aus Diplomatie, damit es nicht in der
hintersten Ecke heißt: »Dieser kleine Luscheib von Streber!« – Jeder will gern
ein bischen populär sein, am liebsten die zukünftigen Herrscher.
An Gehaltszahltagen freuen sich die meisten Angestellten kindlich. Der
Klang des klimpernden Goldes erinnert an schöne Naturmomente, an Genüsse,
an das Verhalten-Menschliche. Es spricht eben zu den Herzen und zu den
Einbildungskräften. Nicht so Glauser. Der begegnet der fein lächelnden
Angestelltin, die gewöhnlich auszahlt, kalt und gebärdet sich, während die
liebliche Zahlerin ihres Amtes bei ihm waltet, folgendermaßen: »Dummköpfin!
Mach's rasch!« – Es paßt ihm nicht, sich zu freuen, seine Lüste sind tieferer und bewußterer Art.
An gemeinschaftlichen Sonntagsvergnügungen nimmt er indessen teil, aus
Politik, aber auch aus Anstandsgefühl, da er nicht ein versteckter Einsamer sein
will. So etwas gehört sich, Grund genug, mit dabei zu sein. Das Tanzbein
schwingt er trocken, aber er schwingt es wenigstens. Das Tanzen gehört im
Vergleich zum »Saufen« noch in den schönen Kreis des Geistigen, demnach hat
man sich's in keinerlei Weise zu verbieten. Daneben kann Glauser sich ja noch
ruhig über die Sache erhaben fühlen, sowohl als über den armen Helbling, der
dem Vergnügen leidenschaftlich ergeben ist, und der sich von der »Sache«
hinreißen läßt.
Glauser liest Nietzsche, er liest ihn, aber er läßt sich durch diesen Autor nur
zeitweise fesseln, niemals bestürmen, auch nicht irgendwelche Muster
vorschreiben. Er hat seine ganz eigenen Gedanken, ihm imponiert so leicht
keiner. Die Geschichte Napoleons aber hat es ihm angetan, diesen Mann nimmt
er zum Vorbild. Daneben ist es eine englische Grammatik, der er vorzugsweise
seine Nebenstunden widmet. Er ist Mitglied des Kaufmännischen Vereines, aber
ein laxes, die Verbandsinteressen berühren ihn wenig, übrigens ist er erst
zwanzig und ein halbes Jahr alt.
Gesundheitshalber begibt sich das kleine »Glauserli« fast jeden Mittag,
während der Bureaupause, zum See hinaus, in die dortigen, hübschen
Quaianlagen, um sich auf eine Bank zu setzen. Der Schatten ist ihm ebenso lieb
wie die Sonne, aber um kein Haar lieber. Der Wind ist ihm angenehm, aber nicht
süß wie »diesem Poeten Tanner«. Die Natur ist nützlich und gut, keineswegs
entzückend. Auf der Bank liest er ein Buch. Drum herum ist Natur, aber eben,
das ist es, die Natur ist gut zum Drumherumliegen, das Buch ist die Hauptsache.
Die Natur wärmt und freundet sich an: von selber: eine Art Dienstbotin, eine
stumme, gutmütige Pflegerin. Man nutzt das aus, denn das lohnt sich.
Schritt für Schritt schreitet unser Held vorwärts, und das heißt soviel als, er
macht immer seine Sache ordentlich. Nie verspätet er sich. Sein Anzug ist
ebenso sauber wie seine Arbeiten, die er abliefert, sein Auftreten aber entspricht
seinen Plänen, das heißt, es ist bescheiden, hohe Pläne schreiben das vor.
Während er arbeitet, scheint er verschwunden zu sein, er ist gar nicht mehr auf
der Welt, er lebt in den unsichtbaren und unsichtbarmachenden Regionen der
Pflichterfüllung. »Meine Arbeit ist zu geistlos für mich,« denkt er, aber es
genügt ihm, daß er diesen Einfall gehabt hat, er macht kein Drama daraus. Er
arbeitet langsam, Zahl für Zahl, Buchstabe für Buchstabe, richtig, gesetzt,
leidenschaftslos, wie es sich schickt vor einer Leistung, die keine Anforderungen
an die Begabung stellt. Das freut ihn kalt, daß es so ist. Glauser, »das Lusbübli«,
ist von einer durchtriebenen Zufriedenheit beseelt, und das ist es, was andern in die Augen sticht, denn »dahinter steckt etwas!« –
»Eines Tages,« denkt ›dä chli Hagel‹, »werde ich ihr Chef sein. Die werden
sich wundern.« Er hat sich im stillen längst vorgenommen, nie Stellung zu
wechseln, eigenmächtig, sondern sich langsam an immer bessere Posten
versetzen zu lassen. Er weiß, daß es jahrelang dauert, ehe er avancieren kann,
aber das schreckt ihn nicht, im Gegenteil, er hat eine diabolische Genugtuung,
empfinden zu dürfen, daß man ihm reichlich Gelegenheit zum hartnäckig
Ausharren geben wird. Er weiß sich im Besitz der hierzu erforderlichen
Tugenden, und er lacht auf den Stockzähnen hinten. Er hat Geduld wie eine
Bahnübergangsbarriere. Er sieht ja täglich das Muster der natürlichen Ungeduld
vor sich, den Helbling, der mit den Uhren kokettiert. Von diesem denkt er: »Der
macht's nicht mehr lange.«
Tanner macht's auch nicht mehr lange. Der arbeitet um des Arbeitens willen.
Das ist so eine Art zweckloser Künstlernatur! Das still beobachtende »Bübli« ist
seiner Sache sehr sicher. Nach kurzer Zeit fliegen die beiden »hinaus«, Helbling
auf dem Wege des Schassens und Tanner aus eigenem Drang. Der eine »geht«
zwecklos und der andere mit Schand und Spott. Glauser aber stickt und zeichnet
an dem fein erdachten Gewebe seines Berufsprogrammes ruhig weiter.
Er hält das Ding aus, und weit mehr: Die Bureausystemseele ist wie seine
eigene, das heißt, keine Verdächtigungen! Er meistert eben seine Seele. Er sieht:
aha, hier geht es so zu, und da geht es sofort in ihm selber ähnlich zu. Seine
Energie läßt kein Unwohlbefinden aufkommen. So eine Seele ist weich, und
wozu? Zum Daraufdrücken! Eine Seele ist nach Glausers Prinzipien zum
Zermalmen da.
O er bringt es weit, aber noch lange nicht. Es geht langsam, aber dann,
nachdem es ein Leben gedauert hat, wird er konstatieren können, daß er es weit
gebracht hat. Und wenn er's zu nichts bringt, so hat er doch reich gelebt: er hat
gewollt! –