Aufsätze

Robert Walser · Kapitel 4 von 49

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Eine Theatervorstellung

 

Der Winternachthimmel war ganz mit Sternen gespickt, ich lief den

Schneeberg hinunter, in die Stadt, an die Kasse des Madretscher Stadttheaters,

ließ mir eine Fahrkarte verabfolgen und fuhr wie ein geistig nicht mehr

Normaler die steinerne, uralte Wendeltreppe hinauf, die ins Stehparterre führte.

Das ganze Theater war dickvoll von Menschen, eine schlechte Luft schlug mir

unter die Nasenflügel, ich erbebte und versteckte mich hinter einen

Technikumsschüler. Ich war ganz atemlos und konnte nun ein wenig

verschnaufen, bis der Vorhang in die Höhe ging, das tat er nach etwa zehn

Minuten, er erhob sich und ließ in ein Loch voll Feuer blicken. Die Gestalten

bewegten sich alsobald, riesige, plastische, übernatürlich scharf gezeichnete

Gestalten, und spielten Maria Stuart von Schiller. Königin Maria saß im Kerker,

und ihre gute Kammerfrau stand daneben, und dann zeigte sich ein finster

aussehender, mit einer Rüstung bedeckter Mann, die Königin brach in Tränen

des Zornes und des Schmerzes aus. Wie wundervoll sich das ansah. Meine

Augen brannten. Ich hatte vorher stundenlang in den hellen, weißschimmernden

Schnee gesehen und dann in das Dunkel der Logen, und jetzt mußten sie in eitel

Feuer, Glut, Pracht und Glanz schauen. Wie schön und groß das war. Wie das

von den rötlichen Lippen taktmäßig herabtönte, in Uhrmacher-, Techniker- und

sonstige Ohren hinein, schöne, edel hin und her und auf und nieder tanzende,

schwankende, tönende Verse. Ah, das sind die Verse Schillers, so dachte wohl

mancher.

Der junge, schlanke Mortimer, mit einem Busch heller, goldener Locken auf

dem Kopf, sprang aus der Szene in die offene Szene hinein und sprach der

Königin, die lächelnd zuhörte, verführerische Worte vor. Er hatte ein

merkwürdig blaß gefärbtes Gesicht, als sei ihm der ahnungsvolle Schrecken

darin gelegen, und schwarzumränderte Augen, als habe er viele vorangegangene

Nächte hindurch, von Träumen hin- und hergeschleudert, kein Auge zudrücken

können. Er spielte meiner Meinung nach herrlich; nicht so Maria, die ihre Rolle

nicht auswendig wußte, die sich eher wie eine Kneipenkellnerin niederster Stufe benahm, als wie eine so vornehme Frau, vornehm im zugespitzt kältesten Sinne:

Königin und dazu noch Dulderin, wie man sich Maria Stuart denken mußte.

Aber sie rührte unendlich. Das Nichtskönnen rührte in erster Linie und dann

jener Mangel an Hoheit. Der Mangel dessen, was sein sollte, erschütterte und

blendete und trieb mir das Wasser der Empfindung schamvoll zu den erregten

Augen heraus. O du Zauber der theatralischen Bühne. Ich dachte immer: »Wie

schlecht sie doch spielt, diese Maria,« und ward im selben Moment von dem

unmöglichen Spiel an Leib und Seele hingerissen. Wenn sie etwas Trauervolles

sagte, lächelte sie verschmitzt und ganz unpassend dazu, ich korrigierte in

Gedanken an ihren Gesichtszügen, Tönen und Bewegungen herum, und indem

ich das tat, hatte ich den lebendigeren und ergreifenderen Eindruck von ihrem

fehlerhaften Spiel, als ich ihn vor dem tadellosen hätte haben können. Sie war

mir so nah auf diese Weise, es war, als würde da oben eine Schwester, Cousine

oder Freundin von mir gespielt haben, um deren Äußerungen ich Ursache gehabt

hätte, ängstlich zu zittern. Bisweilen stand sie ganz vergnügt und ratlos, also

ratlos und doch nicht fassungslos da, sah in den dunkeln Zuschauerraum hinein,

zupfte an ihrem Schleier und lächelte ganz keck, ließ das Spiel liegen, während

dieses von ihr eine bestimmte Haltung und Empfindung verlangte. Und warum

war sie trotzdem wundervoll?

In den Zwischenpausen bog ich meinen Kopf um und blickte in die Logen

hinein, in deren einer eine vornehme Dame saß, in ausgeschnittenem Kleid, daß

die Brust und die Arme aus der dunkeln Umgebung nur so herausschimmerten.

In der behandschuhten Hand hielt sie ein Lorgnon mit langem Stiel, das sie von

Zeit zu Zeit an die Augen führte. Sie schien eine alte, doch noch immer

berückende Zauberin zu sein, so allein saß sie dort hinten, abgesondert von den

übrigen Menschen. Sie wohnte, weiß der Teufel, vielleicht in einem jener graziös

erbauten Häuser aus der Zeit Ludwigs von Frankreich, die man in Madretsch

häufig hinter den hohen Bäumen alter, verträumter Gärten weiß hervorglänzen

sieht. In einer andern Loge hockte der Präsident des Madretscher Gemeinderats

und Mitglied des Verwaltungsrats des Stadttheaters, so ein alter Bock, wie man

sich zuflüsterte, der es als ein Vergnügen empfand, den Schauspielerinnen unter

die Röcke zu greifen. Das ließ sich ja schließlich solch eine herumwandernde

Maria Stuart noch ganz gerne gefallen. So sah sie nämlich auch aus auf der

Bühne, wie eine Dirne, und nicht einmal wie eine gut-, sondern wie eine

minderwertig geartete. Wie kam es, daß sie trotzdem so schön war?

Der Vorhang ging wieder auf. Ein breiter, weißlicher Strom Parfüm floß aus

dem offenen Loch in die Zuschauerdunkelkammer und beklemmte und befreite

die Nasen. Man war froh, wieder diesen holden Duft einzuziehen; ich hinter

meinem Technikumsschüler war es wahrscheinlich ganz besonders. Der Bühnenrachen fing wieder an zu reden, diesmal war die Szene ein Zimmer im

königlichen Palast von England. Elisabeth saß auf einem mit blauen Tüchern

behangenen Thron, einen Baldachin über sich, vor ihr die Großen des Hofes,

Lester und jener andere mit der sanften Denkermiene. Im Hintergrund standen

dicke Weibsbilder als Pagen, nicht etwa Knaben, nein, vierzigjährige Weiber in

Trikots. Das war schamlos schön. Diese Pagen standen mit der barocken

Schwere ihrer gedunsenen Leiber in wahnsinnig kleinen, zierlichen Schuhen auf

dem Boden wie unbegreifliche, phantastische Traumfiguren, die ins Publikum

hineinlächelten. Es war, als hätten sie sich ein wenig geniert, so auffällig zu sein,

aber dann war's wieder nichts mit diesem Genieren. Die Sache verhielt sich so:

wer sie ansah, der genierte sich. Ich zum Beispiel genierte mich bis zur

Glückseligkeit. Elisabeth stieg dann vom Thron herab, jeder Zoll an ihr lieb und

einfach, fast tantlich, mütterlich, sie gab Zeichen von Ungnade, und die Szene

verschwand.

Ein wenig später gab es eine Parkszene mit grünem, verschwommenem

Waldhintergrund, Jagdhörner tönten in der Ferne in wundervoll fern

herklingendem Spiel. Ich glaubte mich augenblicklich in das Dickicht eines

Waldes versetzt; die Hände liefen, Pferde stürzten aus dem Laubwerk hervor,

schöne, kostbar gekleidete Reiterinnen tragend, und überall sprangen die

Knechte und Falkoniere und Pagen, die Jäger in den knappen, grünen Trachten

herum. Alles das spiegelte sich ganz natürlich in den paar Fetzen von

Dekorationen tönend und leuchtend wieder. Maria, die Königindirne, trat auf

und sang, man kennt ja die Worte, nein, sie sang nicht, aber es hörte sich ganz

wie ein wehklagendes, sehnsüchtiges Singen an. Die Frau schien eine Riesin

geworden zu sein, so sehr vergrößerte sie ihr Seelenausbruch. Sie sprang wie

irrsinnig vor Freude und Herzensqual umher, und jammerte, als sie zu jubeln

meinte. Außerdem war sie ein bißchen der Rolle wegen, die sie nicht studiert

hatte, in Verlegenheit, aber ich glaubte steif und fest, das sei der Wahnsinn des

Nicht-mehr-an-sich-halten-Könnens, die Qual der Freiheit, das Versagen der

ruhigeren Frauenvernunft. Als sie weinte, da schrie sie, denn weinen wäre ihr zu

wenig gewesen. Für nichts, was sie empfand, hatte sie einen entsprechenden

Ausdruck mehr. Das Empfinden peitschte seinen Ausdruck. Im Übermaß alles

dessen, was sie war und sah und hörte und fühlte, warf sie sich köpflings an die

Erde, da trat Elisabeth auf.

Die Peitsche in der Hand, hinter ihr her die Trabanten. Die Frau ganz

anschließend, anschmiegend in dunkelgrünen Samt gekleidet, der Rock

hinaufgerafft, daß das männerhaft bestiefelte und bespornte Bein grell sichtbar

ist. Zorn, Hohn und Furcht im Gesicht. Auf dem Jagdhut eine schwer

herunterfallende Feder, deren Spitze bei jeder Bewegung des Hauptes die Schulter berührt. Und dann sprach sie, ah, sie spielte meisterhaft. Überdies war

sie mir eine liebe Erscheinung. Nicht lange ging es, so prallten sie aneinander

und hauchten einander das Feuer des Wehs in die Gesichter; beider Frauen

Leiber zitterten wie vom Sturm gepackte Baumstämme. Maria, die schlechte

Schauspielerin, schlug der guten eins ins Gesicht. Darob schmerzhaftes

Frohlocken der einen und jähe Flucht der andern. Die liebe Elisabeth muß

fliehen, und die dumme Maria muß jetzt in Verlegenheit sein, wie sie es

angattern soll, in die Ohnmacht befriedigten Rachegefühls zu sinken. Sie machte

es schlecht, aber in der Art und Weise, wie sie es verpfuschte, lag wiederum das

Grandiose. Das ganze Frauengeschlecht, das vergangene und gegenwärtige und

zukünftige, schien hinten über, den Kopf seitwärts gesenkt, in herrlich-süßer

Beugung und Empfindung umfallen zu wollen. So schön machte sie's. Dem

Verstand war's hurenhaft, dem Gefühl titanisch. Ich wußte nichts mehr, ich hatte

genug, ich packte das Bild mit meinen Augen, wie mit zwei wehrhaften Fäusten,

an und trug es über die steinerne Wendeltreppe hinunter, zum Theater hinaus, an

die kalte, winterliche Madretscher Luft hinaus, unter den eisig-schauerlichen

Sternenhimmel, in eine Kneipe von zweifelhafter Existenzberechtigung, um es

zu ersäufen.