Aufsätze

Robert Walser · Kapitel 11 von 49

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Tell in Prosa

 

Hohlweg bei Küßnacht

 

Tell (tritt zwischen den Büschen hervor): Durch diese hohle Gasse, glaube

ich, muß er kommen. Wenn ich es recht überlege, führt kein andrer Weg nach

Küßnacht. Hier muß es sein. Es ist vielleicht ein Wahnsinn, zu sagen: Hier muß

es sein, aber die Tat, die ich vorhabe, bedarf des Wahnsinns. Diese Armbrust ist

bis jetzt nur auf Tiere gerichtet gewesen, ich habe friedlich gelebt, ich habe

gearbeitet, und wenn ich müde von der Anstrengung des Tages gewesen bin,

habe ich mich schlafen gelegt. Wer hat ihm befohlen, mich zu stören, auf wessen

Veranlassung hin hat er mich drücken müssen? Seine böse Stellung im Land hat

es ihm eingegeben. (Er setzt sich auf einen Stein.) Tell läßt sich beleidigen, aber

nicht am Hals würgen. Er ist Herr, er darf meiner spotten, aber er hat mich an

Leib, Liebe und Gut angegriffen, er hat es zu weit getrieben. Heraus aus dem

Köcher! (Er nimmt einen Pfeil heraus.) Der Entschluß ist gefaßt, das

Schrecklichste ist getan, er ist schon erschossen durch den Gedanken. Wie aber?

Warum lege ich mich in den Hinterhalt? Wäre es nicht besser, vor ihn

hinzutreten und ihn vor den Augen seiner Knechte vom Pferd

herunterzuschlagen? Nein, ich will ihn als das ahnungslose Wild betrachten,

mich als den Jäger, das ist sicherer. (Er spannt den Bogen.) Mit der friedlichen

Welt ist es nun vorbei, ich habe auf das Haupt meines Kindes zielen müssen, so

ziele ich jetzt auf die Brust des Wüterichs. Es ist mir, als hätte ich es bereits

getan und könnte nach Hause ziehen; was im Geist schon geschehen ist, tun die

Hände hinterher nur noch mechanisch, ich kann den Entschluß verzögern, aber

nicht brechen, das müßte Gott tun. Was höre ich. (Er horcht.) Kommt er schon?

Hat er es eilig? Ist er so ahnungslos? Das ist das Eigentümliche an diesen

Herren, daß sie ruhigen Herzens Jammervolles begehen können. (Er zittert.)

Wenn ich jetzt den Schuß verfehle, so muß ich hinabspringen und das verfehlte

Ziel zerreißen. Tell, nimm dich zusammen, die kleinste Ungeschicklichkeit

macht dich zum wilden Tier. (Hornruf hinter der Szene.) Wie frech er durch die

Länder, die er erniedrigt, blasen läßt. Er meint, herrisch zu sein, aber er ist nur ohne Ahnung. Er ist so sorglos wie ein tanzendes Kind. Hundertfacher Räuber

und Mörder. Er tötet, wenn er tänzelt. Ein Ungeheuer muß in der

Ahnungslosigkeit sterben. (Er macht sich zum Schuß bereit.) Jetzt bin ich ruhig.

Ich würde beten, wenn ich weniger ruhig wäre. Ruhige wie ich erledigen

Pflichten. (Der Landvogt mit Gefolge auf Pferden. Prachtvoller Auftritt. Tell

schießt.) Du kennst den Schützen. Frei ist das Land von dir. (Ab.)