Der vertauschte Sohn

Andrea Camilleri · Kapitel 19 von 75

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Der vertauschte Sohn

Schulwechsel

 

Wie man es so hält in den Familien ›zivilisierter‹ Menschen, was bedeutet: im mittleren Bürgerstand und dem Kleinbürgertum, wird auch Luigino nicht bei den staatlichen Schulen angemeldet (die privaten gehören religiösen Orden und kommen daher für Don Stefano nicht in Frage). Die ›zivilisierten‹ Menschen befürchten den Kontakt zwischen ihren Kindern und denen des einfachen Volkes, denen der Fuhrleute und Hafenarbeiter, die sich den Luxus erlauben können, einen Sohn auf die Schule zu schicken. Die Kinder der untersten Schichten, ans Leben auf der Straße gewöhnt, können den anderen ja unanständiges Zeug beibringen, ihnen schlimme Ge-danken in den Kopf setzen.

Der kleine Luigi lernt zu Hause mit dem Lehrer Fasulo, den er so beschreibt (ihn aber Pinzone nennt):

Ich sehe ihn noch vor mir, gekleidet in elendes Grau, mit einem alten ausgeblichenen Hut…

Doch das eigentliche Elend bestand ganz sicher im Unterricht von Lehrer Fasulo, nicht so sehr in seiner Kleidung. Monatelang läßt er den Schüler die Hefte voller Striche zeichnen, und als der kleine Luigi, am Rand einer Nervenkrise stehend, rebelliert, verteidigt sich der Lehrer Donna Caterina gegenüber mit der wahrscheinlich wirklich ernst gemeinten Ansicht, daß der Kleine ihm ›begriffsstutzig‹ vorkomme. Die Mutter stellt sich auf die Seite des Lehrers, und auf Luiginos Proteste reagiert sie mit heftigen Schlägen auf seinen Hintern, womit sie nach dem volkstümlichen Sprichwort verfährt »Mit dem Hintern erlernt man den Buchstaben«, was bedeuten soll, daß man lesen und schreiben nur mit Schlägen auf den

 

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Hintern erlernt.

Wie um den bescheidenen Unterricht seines Lehrers Fasulo wettzumachen, möchte der kleine Luigi, sobald er dazu in der Lage ist, sich mit Lesen beschäftigen, doch die Bibliothek im Haus beschränkt sich ingesamt auf vier oder fünf Bände: die Bibel, Die Schlacht von Benevent und ein paar Romane von Walter Scott.

Und dies war, soweit es dazu dienen konnte, einer der vielen Gegenbeweise für seine Überzeugung, daß er sich in einem vertauschten Haus befand.

»Die Erziehung, der Unterricht, die Vorbereitung auf das Leben für die Kinder gestalten sich nach einem clichéhaften Grundmuster, das von den Gewohnheiten festgelegt worden ist. Die persönlichen Neigungen werden geringer berücksichtigt als anderswo… in der entscheidenden Phase der Erziehung schafft der Widerspruch zwischen dem Willen der Eltern und den Neigungen der Kinder ernsthafte Schwierigkeiten, vor allem im Herzen eines jungen Menschen«, schreibt Sebastiano Aglianò, und genau so ist es auch für den kleinen Luigi gewesen.

Nach Abschluß des Grundschulpensums zu Hause wird Luigino von Don Stefano in die Oberrealschule von Girgenti eingeschrieben. Der Vater ist überzeugt, daß Luigi, mit einem Handelsdiplom in der Tasche, ihm konkret bei seiner Arbeit helfen kann.

In einem autobiographischen Fragment von 1893 wird Pirandello sich erinnern: alle diese Zahlen, alle diese Regeln, diese ganze strenge Ordnung der Mathematik widerstrebten meinem Wesen.

Es mag durchaus stimmen, daß Luigino sich in dieser strengen Ordnung der Mathematik nicht wohl fühlte, aber sicher ist auch, daß zu seiner Unzufriedenheit, in der

 

-73- Oberrealschule zu sein, sein verletzter Stolz beitrug, bei der Wahl der Schule völlig übergangen worden zu sein, und ein noch sehr viel wesentlicherer Grund: wenn er es sklavisch hinnahm, sich mit dem Willen und dem Wunsch Don Stefanos zu identifizieren, würde dies damit in bestimmter Weise die Zugehörigkeit zu dieser Familie besiegeln und dem vertauschten Sohn die Möglichkeit versagen, sich als solchen zu verstehen.

Er widmet sich mit außerordentlicher Strenge den unge-liebten Fächern, und so lernt er auf eine einem Wunder nahekommende Weise, sich in der Welt der Zahlen und Regeln zu bewegen, und zwar so gut, daß er die Halb-jahresprüfung besteht.

Und hier sagt der kleine Luigi - entsprechend einer über lange Zeit zurecht gelegten Strategie - Don Stefano, er sei in Arithmetik durchgefallen, obwohl er dafür den väter-lichen Zorn auf sich zog. Der Mutter dagegen erzählt er die Wahrheit: er sei versetzt worden, habe aber das Bedürfnis, die Sommerferien nicht auf dem Land zu verbringen, sondern in Girgenti zu bleiben. Mit dem Geld, das Don Stefano ihm gibt, um den Arithmetiklehrer zu bezahlen, der ihn auf die Wiederholungsprüfungen vorbe-reiten soll, engagiert er einen Lateinlehrer, der ihn in die Lage versetzt, die Aufnahmeprüfung ins Gymnasium an-zugehen. Donna Caterina spricht darüber mit ihrem Bruder Vincenzo, der in eben dieser Schule unterrichtet und - gleich bereit, an der Verschwörung teilzunehmen - seinen Neffen Unterricht bei Studienrat Zagara nehmen läßt.

Der kleine Luigi lernt den ganzen Sommer über, danach legt er die Prüfung für die Zulassung zur zweiten Gymnasialstufe ab, wodurch er die erste überspringt.

Und so befindet sich der kleine Luigi auf dem Gymnasium, während Don Stefano ihn weiterhin auf der Oberrealschule vermutet. Ein Doppelsieg: er hat, wenn

-74- auch über den Weg einer Täuschung, entscheiden können, welche Richtung er seinem schulischen Werdegang geben will und seine Andersartigkeit behaupten können.

Doch wie sein Freund und Klassenkamerad De Gubernatis bestätigt, hat Luigi im Gymnasium »nie den Beweis erbracht, über eine höhere Intelligenz zu verfügen«. In Aufsätzen bekommt er schwache Noten, so daß der Rektor am Ende des zweiten Trimesters ins Klassenbuch schreibt: »Darüber mit Professore Ricci Gramitto sprechen.«

Was bedeutet: darüber mit dem Onkel sprechen, auf dem die Verantwortung lastet, ihn aufs Gymnasium gebracht zu haben.

Nach ein paar Monaten fragte Don Stefano seinen Sohn, wieso es komme, daß er ihm noch kein Zeugnis zur Unterschrift vorgelegt habe. Luigino wurde keineswegs kalt erwischt: an dieses Problem hatte er seit langem ge-dacht. Die Entschuldigung, die er vorbrachte, von Pirandello selbst als kraus bezeichnet, beruhigte den Vater, aber nur für kurze Zeit. Denn schon bald entdeckte Don Stefano den Betrug, bekam den gewohnten Zornes-ausbruch und zertrümmerte ein paar Möbelstücke. Dies-mal war Luigino aber nicht allein: auf seiner Seite standen seine Mutter und Onkel Vincenzo. Der Vater gab auf und erlaubte Luigino, auf dem Gymnasium weiterzulernen.

Er wurde ein hervorragender Schüler, und das konnte auch nicht anders sein: er mußt Don Stefano schließlich beweisen, daß die eigene Wahl die richtige war, nicht die des Vaters.

Doch von der Geschichte des Schulwechsels gibt es eine ganz eigene Version, die genau in dem Augenblick beginnt, als der Vater dicht vor der Entdeckung des Betrugs steht.

 

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