Der vertauschte Sohn
Bonn
Der andere, in Deutschland nun, in Bonn am Rhein, unter einem großen Biberpelzhut: mager, kränklich, eingefallen: ißt und schläft nicht; studiert sehr ernsthaft (so glaubt er selber) der Sprache Ursprünge und Formen.
Diese Strophe stammt aus dem eben erwähnten Gedicht, und der andere soll Luigi sein, so wie er war. Doch dieser andere ist wirklich ein anderer, der vertauschte Sohn, dem ein Nichts genügt, um sich ganz und gar zu verwirklichen, doch dieses Nichts hat die Form der wirtschaftlichen Abhängigkeit vom Vater, es handelt sich nicht darum, eine Nabelschnur zu durchtrennen, sondern eine schwere Eisenkette, die ihn gefesselt hält wie einen Hund an seiner Hütte.
Die ersten Eindrücke für den aus der Sonne von Porto Empedocle dorthin katapultierten jungen Mann müssen wirklich traumatisch gewesen sein.
Aus dem geschwollenen Rhein steigt herauf
in der Nacht uns der Nebel wie blinde Bilder des Wahns
schwarmgleich suchend die Leere.
Schlüpft in lange verlassene Straßen, in Wogen sich brechend;
dem Verdruß gibt er nach; träge legt er sich hin. Mit dem lästigen Schlaf, der reglos ihn ausstreckt am Boden
-140-
Drückt er der Häuser Zeil',
dunkel und schweigend dort drüben,
Schwach in der Nacht auf der Wacht stehen Lampen und kahlgraue Bäume
's scheint dort, als würge sie still seltsam ein neuer Krampf
Ach, als war's längst erloschenen Lebens verbleibende Stimme, unwissend kündend die Zeit, so schlägt düster die Stunde.
Fliehend durch wirr sich wälzende Wellen der Luft, so späht der Mond fast verdutzt hinab, auf die entschlafene Erd'.
Ihm entgegen in einsamen schweren Schatten die Spitzen recken armgleich hinauf sehnsüchtig schmachtend die Kirchen.
Eitle Begierde! Der Nebel ist ewig und ewig sein Reich hier.
Hoffen heißt nur lange Pein', besser ist's ihm sich zu öffnen,
Einzulassen das Grau seiner Nacht in die traurige Seele statt eitlen Fühlens im Schlaf, den er schläft, versinken
heißt es in den Rheinischen Elegien.
Allerdings handelt es sich hierbei immer wieder um poetischen Nebel, denn in Bonn genießt Luigi die heiterste, die unbeschwerteste Zeit seines Lebens. In den ersten Tagen hat er erhebliche Schwierigkeiten, sich ver-ständlich zu machen: mit seinem literarischen Deutsch kann er im täglichen Leben wenig anfangen. Die Menschen in Bonn sprechen fast ausnahmslos rheinischen Dialekt, doch handelt es sich um äußerst freundliche Menschen. Luigi wurde von seinem Vater mit sehr viel
-141- Geld ausgestattet, das es ihm erlaubte, ein bequemes Leben zu führen (die ›Eisenkette‹ bestand aus einem Monatsbetrag von dreihundert Mark), alles andere als ein Student der Boheme. Er zieht ins Hotel »Zum Münster«. Er mag ja durchaus mager, kränklich, eingefallen sein, wie er in dem Gedicht sagt, aber Tatsache bleibt, daß er sich gut ernährt und mit Unterkunft und Mahlzeiten fast soviel zahlt wie in Rom: gleich nach dem Aufstehen Milchkaffee mit Brot und Butter; um halb zehn ein belegtes Brötchen; mittags Suppe, Fleisch, reichliche Beilagen, eine Zwischenmahlzeit, Obst, Kuchen und Kaffee; um vier Uhr je nach Wunsch ein Bier, ein belegtes Brötchen oder einen Kaffee; um sechs zum Abendessen Fleisch oder Fisch, Salat, Käse, Obst.
Gelegentlich überkommt ihn die Lust, italienisch zu sprechen. Dann geht er ins Münster, wo ein Mosaik-künstler aus Veneden, Giovanni Sambo, Restaurierungen auf einem unendlich hohen Gerüst ausführt.
Aber nicht immer geht er zu Sambo, um sich mit ihm auf italienisch zu unterhalten, oft bringt er auch seine Bücher mit und studiert.
Fast den ganzen Tag, außer den Stunden der Ruhe und der Vorlesungen (die ich gerne in der Universität höre), befinde ich mich in der Kuppel des Münsters, die sich gleich gegenüber von meinem Hotel befindet… täglich klettere ich mit einem Buch oder auch zweien… das Gerüst hinauf und studiere unter der Bewunderung der Engel und Heiligen…
Ein bißchen so, als wäre er wieder der Junge, der auf den Baum bei sich zu Hause klettert und dort liest, während er darauf wartet, daß Giovanna auf dem Balkon erscheint.
Im Hotel schließt er Freundschaft mit einem jungen, vielsprachigen Iren, William Henry Madden, und mit ihm
-142- zieht er in das Haus eines gewissen Mohr, eines Geschäftsinhabers, der in der Neuthorstraße 1 auch Zim-mer an Studenten vermietet. Doch bei ihm handelt es sich nicht um einen beliebigen Zimmervermieter, das Haus ist wunderbar eingerichtet, warm, gemütlich. Für einund-vierzig Mark im Monat hat Luigi Anspruch auf zwei Zimmer, Frühstück, Bedienung und unbegrenzten Petroleumverbrauch für die Beleuchtung. Luigi ist von diesen Zimmern fasziniert. Vom Belvedere des Arbeits-zimmers, schreibt er der Schwester, genießt man ein zauberhaftes Panorama: den Rhein, die Berge, das Land, die Stadt.
Im Hause Mohr gewinnt Luigi einen weiteren Freund. Dieser ist ein Doktor der Literaturwissenschaft und heißt Karl Arxt, er ist von seinem Vater verstoßen worden, weil er nicht Theologie studieren wollte, auch er war von der Universität geflogen, an der er eigentlich hätte lehren sollen, weil man ihn für einen gefährlichen Revoluzzer hielt: er vertritt nämlich sozialdemokratische Ideen, wo Bonn doch eine Stadt des konservativen Bürgertums ist. Mit einem Wort: noch ein vertauschter Sohn.
Zwischen den beiden entsteht eine harmonische Über-einstimmung; zudem unterrichtet Arxt Luigi hervorragend in Deutsch, so daß Luigi den Vorlesungen mit großer Leichtigkeit folgen kann: dafür unterrichtet er Arxt wiederum in Italienisch.
Die Begegnung mit Professor Foerster, zu dem er mit einem Schreiben von Monaci geht, ist denkbar herzlich, und zwar in einer Weise, daß er oft zum Mittag- und zum Abendessen eingeladen wird. Elegant und würdevoll, wie er ist, gewinnt er zahlreiche Freunde und Freundinnen der gehobenen Bourgeoisie, schreibt seiner Schwester, daß zwei junge Fräulein, Mary und Anna Rismann, ihn oft im Hause Mohr besuchen kommen und sein Zimmer durch-
-143- einanderbringen, weil sie zwei kleine Teufel sind, wahre Ausbünde, über die Lina, seine Schwester, aber wegen dieser Freiheiten, die sie sich herausnehmen, nicht nachteilig denken dürfe: Es ist nur eine andere Erziehung hier und sehr viel menschlicher. Und noch einmal, um das Gelände von jeder Zweideutigkeit zu säubern: Würde ich dir denn, meine Schwester, von Frauen erzählen, die nicht ehrlich wären?
Aber er hat auch Umgang mit anderen Mädchen, die vielleicht ein bißchen geneigter sind, wie eine gewisse Else aus Köln, die er in dem Gedicht Melbthal verewigt.
Sie gehen in den Wald, unten sehen sie die Melb fließen, den sanften Bach, dort befinden sich Pärchen, die hierher kommen, um sich schlau zu machen… Dann sagt Else mit zitternder Stimme, sie fühle sich müde und möchte ein bißchen ausruhen.
Das Gedicht wirkt wie ein Gozzano ante litteram, ohne jeden Nachgeschmack von Wehmut, fast wie zum Gegen-beweis für Luigis heitere Ausgeglichenheit und Zufriedenheit in diesen eineinhalb Jahren, die er in Bonn fern von Sizilien und von allen Problemen und Verpflich-tungen verbringt, die die Insel mit sich gebracht hatte. Auch wenn er neuerliche Gesundheitsprobleme hat und ein Arzt ihm den Rat gibt, die dem Studium gewidmeten Stunden durch ausgedehnte Spaziergänge und Ausflüge zu unterbrechen.
Luigi ist tief beeindruckt vom Leben an der Universität in Bonn, das so ganz anders ist als das in Rom. Trotz aller Strenge der Studien, unternehmen Studenten und Dozenten Ausflüge aufs Land, spielen gemeinsam Boccia und diskutieren abends, getröstet von riesigen Humpen Biers, ernsthaft über Fragen ihres Studiums. Die Dozenten haben familiäre Beziehungen mit den Studenten. Als Luigi merkt, daß er wieder am Herzen erkrankt, teilt er das
-144- Foerster mit, und der Professor schreibt ihm unverzüglich einen Empfehlungsbrief für einen Kollegen der Medi-zinischen Fakultät, Schultze, eine Koryphäe.
Luigi besucht die Theater, hört den Tannhäuser und wird zu einem begeisterten Wagnerianer, eine Begeisterung, die nicht lange währt, im Gegenteil.
Er arbeitet viel an seiner Dissertation, deren Thema ihm Foerster angeraten hat. Sie hat die Mundart von Girgenti zum Gegenstand. Darüber schreibt er an Monaci, daß er eine umfangreiche, noch von ihm selbst in Sizilien erstellte Sammlung von Märchen, volkstümlichen Liedern und Stegreifliedern bei sich habe und sich überlege, sie als Anhang zu seiner Dissertation zu veröffentlichen. Doch von dieser Sammlung verliert sich die Spur.
-145-