Der vertauschte Sohn
Como
Wenige Tage vor seiner Abreise von Porto Empedocle schreibt Luigi an Professor Monaci, daß sein römischer Zwischenaufenthalt höchstens drei Tage dauern werde, weil ich mich selber unter Druck setze, in angemessener Zeit in Bonn zu sein. Doch er hat einen Krankheitsrückfall und ist gezwungen, zwei weitere Wochen in Rom zu bleiben. Als er wiederhergestellt ist, entscheidet er sich, nicht gleich nach Bonn weiterzureisen, sondern in Como Halt zu machen, wo ein Schwager von ihm wohnt. Die Absicht dieses Aufenthalts war, sein Deutsch zu verbessern und die gute Jahreszeit abzuwarten, weil seine Gesundheit ziemlich angegriffen war. In Como - wie wir gesehen haben - war Luigi ja schon in seiner Phantasie, um dort das Gymnasium zu besuchen. Aber nun ist er wirklich da, und auch diesmal, um zu lernen. Doch Como scheint dafür gemacht, seine Vor-stellungskraft zu entfachen. Denn uns kommt es vor, daß die Figur eines braunhaarigen Mädchens in einem Gedicht aus dem Jahr 1901, das er während dieses Aufenthalts liebte, doch zu starke literarische Züge hat, um wahr, um echt zu sein. Aber ob sie nun wirklich existiert hat oder nur in Luigis Phantasie, diese braune Locandiera erfüllt eine ganz bestimmte Funktion, nämlich die der Markierung einer Grenzüberschreitung. Indem er Lina, die ja immer noch seine Verlobte ist, ›betrügt‹, vollführt Luigi symbolisch eine Geste, die den Bruch mit seinen eigenen Überzeugungen und mit seiner Erziehung darstellt. Doch der notwendige Mut für diese Geste reicht gerade nur soweit, daß er sie mit einer Prostituierten ausführen kann.
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