Der vertauschte Sohn

Andrea Camilleri · Kapitel 25 von 75

PDF-Seiten

Der vertauschte Sohn

Ende der Ferien

 

»Morgen gehe ich wieder ins Pensionat zurück.«

Den ganzen Vormittag über hatte Luigino sich den Kopf zerbrochen: warum sah Giovanna ihn so todernst an und lächelte ihm nicht einmal zu? Hatte er denn etwas getan, das sie, ganz unbeabsichtigt, beleidigte? Und daher hatte er sie, einen Augenblick bevor Giovannas Mutter sie zu Tisch gerufen hatte, zu fragen gewagt:

»Was ist mit dir?«

Und die Antwort war eben die: Von morgen an werden wir uns nicht mehr sehen.

Bei Tisch ist Luigino außerstande, etwas zu essen. Donna Caterina befiehlt es ihm streng, aber er bleibt dabei. Er weiß, daß, wenn er einen Bissen zum Mund führt, er zur Toilette rennen und sich übergeben muß. Er erhält die Erlaubnis aufzustehen, und so wirft er sich aufs Bett. Er weint nicht, doch er hat einen Schmerz in der Brust, so etwas wie eine Faust, die sie fest zudrückt. Die Zeit nach dem Mittagessen verbringt er damit, daß er sich auf dem Bett hin und her wälzt, danach kommt wieder die Folter des Abendessens. Auch diesmal bringt er nichts hinunter.

»Darf ich vielleicht wissen, was du hast?«

»Nichts.«

»Fühlst du dich nicht wohl?«

»Nein.«

Donna Caterina fragt nicht weiter, sie schaut den Jungen lange an, möglich, daß sie etwas erahnt. Der junge Luigi verbringt die Nacht mit weit geöffneten Augen, am

 

-93- nächsten Morgen sieht er so mitgenommen aus, daß man meinen könnte, er habe erhöhte Temperatur. Um zehn ist die Verabredung im Garten für die Abschiedszeremonie. Als Luigino Giovanna die Stufen heruntersteigen und auf ihn zukommen sieht, bemerkt er, daß sie blaß ist und beinahe eine ganz andere. Das blonde Haar wird von einer eleganten Schleife zusammengehalten, das Mädchen hat die Pensionatskleidung an. Einen halben Schritt voneinander entfernt, blicken sie sich an und können kein Wort hervorbringen.

»Luigino, geh und hol das Päckchen, das im Eßzimmer ist, und gib es Giovanna.«

Es ist ein Souvenir, das Donna Caterina tags zuvor für die Tochter der Hauseigentümer gekauft hat. Eigentlich hätte sie es ihr geben müssen, aber sie hat es sich anders überlegt, sie möchte, daß Luigino ihr dieses Geschenk überreicht. Luigino stürzt ins Haus, nimmt das Päckchen, kommt herausgelaufen, und gerade an der letzten Stufe sticht er sich an einem Stück Draht, das aus dem Geländer hervorsteht, in den Finger.

Giovanna steht noch immer da, wo er sie zurückgelassen hat. Die anderen sind inzwischen zum Gittertor gegangen, weil die Kutsche angekommen ist. Luigino hält ihr das Päckchen hin, Giovanna nimmt es, ohne sich zu bedanken, dann merkt sie, daß einer von Luigis Fingern blutet. Da klemmt sie das Päckchen unter ihren Arm, streckt die Hände aus, erfaßt mit ihnen Luiginos Hand, legt ihre Lippen auf den verletzten Finger, saugt sanft und lange das Blut aus, das sich ja vergiftet haben könnte.

»Giovanna, laß' es gut sein.«

Das Mädchen wendet ihm den Rücken zu und geht zu ihrer Mutter, die sie neben der Kutsche erwartet. Donna Caterina und Giovanna umarmen sich fest, dann steigt das

 

-94- Mädchen ein, setzt sich neben ihre Mutter, der Kutscher schließt die Türe, steigt auf, läßt die Peitsche knallen, das Pferd setzt sich in Bewegung.

Luigino kann den Weg der Kutsche verfolgen, sein Blick vernebelt sich allerdings immer mehr, seine Augen werden zusehends starrer, der verletzte Finger, auf den sich Giovannas Lippen gesenkt hatten, brennt so sehr, als hätte er ihn in Feuer gesteckt.

Donna Caterina dreht sich um, um ins Haus zurück-zugehen, muß aber eiligst zu ihrem Sohn laufen, der sich langsam nach vorne krümmt.

 

-95-