Der vertauschte Sohn

Andrea Camilleri · Kapitel 35 von 75

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Der vertauschte Sohn

Rom

 

Rom wirkt auf ihn gleich wie eine Auflösung von verschnürten Verlobungen, Familien, Verhaltensmaß-regeln und dergleichen. Über Rom dichtet er Verse, die wie Freudenhymnen, wie Befreiungsschreie wirken, er streift durch die Straßen, leichtfüßig, verzaubert. Aber es gibt da ein Aber, und das darf nicht einfach übergangen werden. Er ist zu seinem Onkel Rocco gezogen, in die Via del Corso 456, und dieser Onkel lebt mit einer ehemaligen Sängerin zusammen, auch mit ihrer Familie und ihren Freunden, und auch mit einem kleinen Hauszoo bestehend aus Hunden, Katzen, Papageien und Affen. Und über diesem Höllenlärm erhob sich die gleichmäßig hohe Stimme Nannas, der ehemaligen Sängerin. Im Grunde keine Situation, die jemanden, der sich gewissermaßen als poète maudit sehen wollte, in solche Schwierigkeiten hätte bringen können. Was Luigi in Wirklichkeit aus der Fassung brachte, war die psychologische Lage des Onkels.

In Girgenti war der Onkel nach seiner Rückkehr aus dem Gefängnis im Zusammenhang mit den Ereignissen am Aspromonte wie ein Held aufgenommen worden, und über seine Unternehmungen sowie über seine Verurteilung zum Tod in Abwesenheit, über seine Verfolgung durch die bourbonische Polizei, über seine Taten als Adjutant Garibaldis redete man in Girgenti noch immer. Was war geschehen? Rocco Ricci Gramitto war jetzt ein über fünfzigjähriger Präfekturrat, der keine Lust auf nichts mehr hatte, er wollte nur noch mit seinen Papageien und seinen Äffchen zusammen sein. Dafür hatte er sogar die Beförderung zum Präfekten ausgeschlagen, denn er befürchtete zu Recht, daß er von Rom versetzt würde und

 

-130- damit weit von seiner Höhle entfernt wäre. Seine Trägheit, sein passives Verhältnis zum Fluß der Zeit, kurz gesagt: sein Scheitern rief in Luigi nicht nur Melancholie hervor, sondern ließ ihn auch über die Gefahren und Auswirkungen des Niedergangs von Illusionen - und nicht nur politischen - nachdenken. Den Onkel macht er unter dem Namen Roberto Auriti zu einer der Hauptfiguren seines Romans Die Alten und die Jungen, einem von der Korruption angeekelten Helden, von dem widerwärtigen Wirrwarr der vielen, die herumrauften, Belohnungen verlangten und sich Ehren und Privilegien einsackten…

Mit anderen und eindeutigeren Worten: der Onkel war eine tägliche Warnung für Luigi, der sich ziemlich hohe Ziele gesteckt hatte: je schwieriger diese zu erreichen sind, schien der Onkel allein durch seine Präsenz Luigi tagtäglich zu wiederholen, um so demütigender und sogar endgültiger ist die Niederlage, ohne jede Aussicht auf eine Revanche. Und war Luigi denn überhaupt sicher, das zu erreichen, was er wollte? Würden seine Kräfte dafür reichen? Kurz gesagt: jeden Tag in das Gesicht seines Onkels Rocco zu blicken, war, als würde man sich an den Rand eines Abgrunds stellen, den man leicht hinunterstürzen kann. Es machte Angst.

Er zieht dann in eine Pension in der Via delle Colonnette, gleich hinter dem Palazzo, in dem Onkel Rocco wohnt und so nah ist, daß der Onkel von seiner Terrasse aus mit Luigi sprechen kann, wenn er in seinem Zimmer sitzt. Und oft wird Luigi von dieser Terrasse aus gerufen, auch zweimal am Tag, um in das Babel der Familie Ricci Gramitto zum Essen zu gehen.

Vom Fenster seines Zimmers aus genießt Luigi einen schönen Blick über Rom, und diesen Blick beschreibt er dann in allen Einzelheiten in seinem Roman Mattia Pascal.

 

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Hier schreibt er zwar auch weiterhin Gedichte, doch jetzt übt er sich viel in der Form des Theaters. Gleich bei seinem ersten Drama ist ihm der traditionelle Bühnenraum zu eng, abgesehen davon, daß die Haupt-darsteller Kraniche, Hühner und Hähne sind (und derartige Darsteller hatten weder Aristophanes abgeschreckt, noch tun sie es später Peter Brook), er will, daß sich der Zuschauerraum in eine Bühne verwandelt und die Zuschauer in Schauspieler. Diesem ersten Drama folgen weitere, die aber alle verloren gegangen sind. Pirandello beginnt, den besonderen Leidensweg auf sich zu nehmen, der den italienischen Theaterautoren vorbehalten ist: Ablehnungen, Versprechungen, Zustimmungen seitens der Theaterdirektoren und Ersten Schauspieler, doch Vorstellungen nie. Sehr bald wird er dessen müde, zumal in Palermo 1889 sein erster Gedichtband gedruckt wird, Mal giocondo (Freudiger Schmerz).

 

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