Der vertauschte Sohn

Andrea Camilleri · Kapitel 70 von 75

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Der vertauschte Sohn

Die Wiederholung: Stefano

 

Von den beiden Jungen ist Stefano derjenige, der von Luigi mehr geliebt wird, während Fausto die Liebe seiner Mutter Antonietta erhält. Stefano spürt schon bald seine theatralische Sendung als Bühnenautor, später wird er auch Lyriker, womit er den umgekehrten Weg des Vaters einschlägt, der in seinen Anfängen Lyriker war. Stefano spürt gleich die Last eines Namens, der ihn in unmittelbare Konfrontation mit dem Vater stellen würde: als Pseudonym wählt er den Namen Stefano Landi. Sicher ist es nicht Luigis Absicht, doch allein durch seine Existenz zwingt er den Sohn, seinen Namen zu ändern. Ich will hier zur Gänze eines von Stefanos Gedichten aus dem Band Le forme (Formen) abdrucken, der 1942 vom Verlag Bompiani veröffentlicht wurde. Das Gedicht heißt Giro (Kreisen).

 

Ich sehe, wir fühlen uns wie auf jehin lebendig

(oh, anders zu fühlen, das ist schon sterben) auch wie von jeher geboren

(gemeinsam wohl mit der Welt) und bei dieser Wahrheit des Fühlens

(der Verstand wird lächeln) ist's schön zu sehen, wo die Vernunft bleibt.

Das Herz laßt es richten.

 

Sohn ich von je. Und, mein Sohn, das ist wahr! für mich bist du von jeher geboren…. So seien's die Deinen für dich.

 

-294- Vater ich von je. Und, mein Vater, ja, das ist wahr! Mir bist du auf jehin lebendig…. So sei's dein Vater auch dir.

 

Wie von jeher geboren, sind wir Söhne. Wie auf jehin lebendig, sind wir Väter. Und deshalb ist's wohl, daß der Mensch ist.

 

Dränge dich an den Sohn, dränge dich an den Vater, Vater bleibst du und Sohn.

Und die Welt ist ein Kreisen, das wiederkehrt, innen.

 

Ein Atemzug, und es vollzieht eine Umkehr.

 

Sicher ist es ein Kreisen klarer und dunkler Gedanken, das sich nie unterbricht. Nie kann man einstellen das Kreisen der Dinge in uns. Sterben?

Das geht nicht. Und Werden auch nicht. In Wahrheit, wie von jeher geboren, wie auf jehin lebendig, sind wir hier.

 

Stefanos Haltung ist von Anfang an klar: »Sohn ich von je.«

Er fängt an, als Journalist tätig zu sein, mit wechselndem Glück, was ganz sicher nicht auf die Qualität seiner Arbeit zurückzuführen ist, die er auszufüllen verstand, sondern auf die wirtschaftliche Situation der Zeitungen, für die er tätig ist. Und er schreibt rastlos unter dem liebevoll wachsamen und dem liebevoll sperrigen Blick des Vaters. Stefano debütiert im Mai 1923 in Rom mit einem Theaterstück, Die Kinder, das im Teatro degli Italiani auf die Bühne gebracht wird, doch Luigi schreibt darüber in

 

-295- seinen Briefen an Lietta mit keiner Silbe. Einen Monat später wird ein weiteres Theaterstück von ihm in dem prestigeträchtigen Teatro Argentina aufgeführt.

Stefanuccio wird Dir geschrieben haben - sein Haus mit zwei Etagen wird im Argentina aufgeführt. Ich werde es auf die Bühne bringen in Niccodemis Auftrag, der abgereist ist, wie ich Dir schon sagte.

Im folgenden Brief berichtet er Lietta dann über den Abend: Stefano hat für nichts mehr Zeit. Wer weiß, wie lange er Dir schon nicht mehr geschrieben hat! Er hat Dir nicht einmal über den umstrittenen Ausgang seines Stücks Haus mit zwei Etagen geschrieben, das an zwei Abenden im Teatro Argentina wiederholt wurde. Du kannst Dir nicht vorstellen, wie ich gelitten habe! Das Publikum zeigte von Anfang an seine Abneigung, indem es meckerte und lachte. Trotzdem hatte der dritte Akt die Macht, alle Übelgesinnten zum Schweigen zu bringen und sich großartig zu behaupten; und zwar so sehr, daß das Stück zum Ende mit sieben Ovationen bedacht wurde. Kurz, ein Schlachtenabend. Und auch, wenn Stefano nicht ganz siegreich war, so ist er doch mit Ehre daraus hervorgegangen.

Manchmal, wie etwa bei der Inszenierung von Die Nackten kleiden, ersetzt Stefano den Vater bei der Vor-bereitung der Schauspieler, weil er auch noch die geheimsten Absichten des Stücks kennt: sicher aber wäre es ihm nie in den Sinn gekommen, in das Stück einzu-greifen und auch nur einen einzigen Satz zu verändern. Dazu war sein Respekt vor Luigis geschriebenem Text zu groß. Sicher hingegen war es nicht ebenso im Fall des Hauses mit zwei Etagen: zu stark war Luigis Persönlichkeit als Regisseur, um sich nicht über die Figur des Autors zu stülpen.

Fausto Maria Martini, ein Kritiker und Bühnenautor, und

-296- auch Freund sowohl von Luigi als auch von Stefano Pirandello, rezensierte am folgenden Tag das Stück in seiner Zeitung.

Nachdem er auf seine Anerkennung der künstlerischen Absichten von Stefano wegen »eines vortrefflichen Aktes der Poesie« eingegangen ist - gemeint ist das Stück I bambini (Die Kinder) -, äußert Martini sein Bedauern darüber, daß er dies nicht auch für das Haus mit zwei Etagen tun könne, weil er ein großes Auseinanderklaffen zwischen Absicht und Realisierung beobachtet, auch wenn er dem Autor »ein höchst anerkennenswertes Bemühen« bescheinigt, »nicht die üblichen Wege zu gehen und uns um jeden Preis eine originelle Betrachtungsweise zu enthüllen«.

In einem Haus mit zwei Etagen, das ein Meister der Architektur, Federico Assalente, für sich gebaut hat, wohnt auf der einen Federico mit seiner Frau Evelina, und auf der anderen die drei Kinder des Ehepaares, Piero, Lidia und Fabio. Doch zwischen den beiden Etagen gibt es keinerlei Kommunikation: die beiden nicht mehr ganz jungen Eltern leben isoliert in ihrer Welt einer sehr exklusiven Passion, während die drei Kinder sich selbst überlassen sind und alle Dramen ihres Alters durchleben. Doch eines Tages stirbt Evelina, nachdem sie ihren Gatten vergeblich gebeten hat, »die Kinder mit dem Herzen eines Vaters« zu betrachten, und die Familie bricht auseinander. Zurück bleibt Fabio, der Federico in einer dramatischen Szene an die Aufforderung der Verstorbenen erinnert, doch wieder Vater zu werden. Die beiden machen sich schließlich die Liebe der verstorbenen Evelina streitig, der Gattin und der Mutter. Daraufhin nimmt Fabio sich das Leben, um aus dem »nicht vom Spielplan abzusetzenden, grauenhaften Schauspiel seines Körpers zwischen dem Vater und dem heraufbeschworenen Bild der Mutter«

 

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wegzugehen.

Stefanos Anspielungen auf bestimmte autobiografische Situationen sind klar, auch wenn sie hier übertragen und adaptiert sind. Doch gelingt die dramaturgische Operation nach Martinis Ansicht deshalb nicht, weil Landi nicht den Mut oder die Fähigkeit hat, »die enthüllende Kraft dieser versuchten lyrischen Interpretation eines vertrauten Mittels bis zum äußersten zu treiben, er hat ihr eine Art dialektischer Ausarbeitung in der Manier Pirandellos übergestülpt, die darauf abzielt, den Zuschauern zu ver-mitteln, welche jede der Figuren in den kritischsten Augenblicken des Dramas sich selbst und den anderen erscheint. Doch hat er nicht die vollständige Ver-schmelzung der beiden unterschiedlichen Techniken erreicht (wieviel nobler ist in künstlerischer Hinsicht doch die, die vor seinem Genie zuerst aufgeleuchtet ist!).«

In den letzten Zeilen scheint Martinis Bedauern darüber durch, daß Stefano, der Dichter Landi, der Lyriker Landi sich den »dialektischen Ausarbeitungen« Pirandellos gebeugt hat und dadurch in »eine Art Ambiguität stürzt, die der Aussage des Stücks außerordentlich schadet«.

Dreizehn Jahre lang läßt Stefano nichts mehr von sich aufführen. Er gründet Theatertruppen, wird Regieassistent von Renato Simoni, schreibt einen Roman, der 1935 den angesehenen Literaturpreis Premio Viareggio erhält. Im Januar 1936 inszeniert die Schauspieltruppe Tòfano-Maltagliati-Cervi in Turin endlich ein neues Stück von Stefano, mit dem vielsagenden Titel Un padre ci vuole (Vater vonnöten), ein reifes Werk mit bitterer Ironie, das die einzigartige Beziehung zwischen einem Vater und seinem Sohn behandelt. Auch hier fehlt es nicht an autobiografischen Bezügen. Witzig und geistreich ließ Alberto Savinio, der sehr genau wußte, wie sehr Stefano der »aufdringlichen Bedeutung« Luigis hörig war, in einer

 

-298- seiner literarischen Arbeiten erkennen, daß für den Autor »kein Vater vonnöten« (Sciascia) war.

Luigi stirbt im Dezember desselben Jahres.

1942 läßt Stefano sein wohl schönstes, klarsichtigstes, erschütterndstes Stück aufführen. Auch hier ist die Hauptfigur ein Vater, der verzweifelt, der tragisch versucht, seinen behinderten Sohn ein normales Leben führen zu lassen.

Solange Luigi Pirandello lebt, läßt er seinen Sohn Stefano die Livree eines jüngeren Alter ego anziehen. Und mit der Ergebenheit eines Sohnes trägt Stefano sie, und es wird ihm schließlich nahezu unmöglich, sie für immer ab-zulegen. Und es gibt Augenblicke, in denen er sich ziemlich niedergeschlagen fühlt. Sciascia schreibt dazu:

»Unruhig also ihre Beziehungen: wie ja übrigens - aus Gründen, die wir als ›mütterlich‹ bezeichnen können auch die Beziehungen zwischen Luigi Pirandello und seinem Vater waren. Und gelegentlich, so scheint es, vermischten sich diese unruhigen Beziehungen unter dem ganz und gar sizilianischen - Vorwand der ›Sache‹; gelegentlich wurden sie völlig pirandellianisch. Bei vom Vater firmierten Artikeln hat man den begründeten Verdacht, daß sie vom Sohn geschrieben wurden, wie etwa der im höchsten Maß pirandellianische, den die Zeitschrift ›Occidente‹ 1933 mit dem Titel Ich spreche nicht von mir veröffentlicht hat. Was für den Vater ein Spiel gewesen sein wird, ein Vergnügen; aber - abgesehen von dem finanziellen Motiv - wohl weniger für den Sohn.«

Ein Spiel? Ein Vergnügen? Das glauben wir wirklich nicht. Und auch nicht Genugtuung oder Befriedigung. Eine in den Augen des Vaters völlig natürliche Sache. Denn Luigi ist es auf durch und durch sizilianische Weise gelungen, dafür zu sorgen, daß der Sohn völlig und

 

-299- gänzlich »cosa sua« ist, sein Fleisch und Blut. Was Don Stefano nach einigen Versuchen nicht gelungen ist. Stefano Landi wußte, trotz seines anderen Nachnamens, vom Augenblick seiner Geburt an ganz klar, daß er kein vertauschter Sohn war.

 

-300- KURZE GESCHICHTE DES »MÄRCHENS«