Der vertauschte Sohn
Rückkehr und Abreise
Luigi kehrt nach Sizilien zurück, entschlossen, die Verlobung mit Lina aufzulösen, eine Verlobung, die ohnehin schon eine verwesende Leiche ist. Bei seiner Ankunft findet er Lina äußerst verärgert vor: die junge Frau kann zwar kein Deutsch, aber es genügte ihr, den Namen Jenny in der Widmung von Ostern, Gäa. zu lesen, um eine Ahnung von der Beziehung zu bekommen, die der Verlobte in Deutschland gehabt hat. Luigi zieht sich in die Einsamkeit von Caos zurück und nimmt, aus Rache oder um Kraft für die nächste Auseinandersetzung mit der Verlobten zu bekommen, wieder ein bereits mehrmals unterbrochenes Gedicht auf, Belfagor, wild entschlos-sener, giftender Gegner der Frauen, doch von diesem Gedicht sind nur wenige Seiten erhalten, die anderen hat der Autor selbst vernichtet. Aber Luigi fühlt sich nicht danach, sich Lina von Angesicht zu Angesicht zu stellen. Nachdem er mit Don Stefano darüber gesprochen hat, schickt er ihr, mit Datum vom 15. August 1891, einen ausführlichen Brief (der bereits erwähnt worden ist), den der Vater, wenn er will, der befugten Person zu lesen geben kann. In diesem Brief erklärt er seine Unmöglichkeit, die Cousine zu heiraten. Mehr noch: wie seine Künstlernatur ihn dazu verdamme, unverheiratet zu bleiben.
Don Stefano, der immer schon gegen die Heirat seines Sohnes mit der Cousine war (und er hatte ja eine bittere Erfahrung mit Beziehungen zu Cousinen), kommt diese Wende gerade recht. Er leitet die ersten Schritte für die Auflösung der Verlobung ein. Doch hier sind wir in Sizilien, nicht in Deutschland, und die Sache ist überaus
-156- kompliziert. Luigi reist nach Rom ab und läßt eine Menge Groll, lange Gesichter, Beleidigungen zurück. Doch im Verlauf einiger Monate ist er wieder frei von den beiden jungen Frauen, die, jede auf ihre Weise, versucht hatten, ihn an sich zu binden.
Im Zug, der ihn in die Hauptstadt Rom bringt, wird Luigi mit seinen blonden Haaren, seinem blonden Spitzbart, seiner Brille mit Goldrand, seinem breit-krempigen Künstlerhut, er, der elegant und schlank ist, mit perfekt gebügelter Hosenfalte, kunstvoll und gekonnt geknoteter Krawatte, unbeschädigten Lacklederstiefeln (dieses Porträt stammt von Lucio D'Ambra), von einigen Reisegefährten für einen deutschen Maler gehalten, der, nach seiner Rundreise auf der Insel, wieder in sein Heimatland zurückreist. Wieso ausgerechnet Deutscher und nicht etwa Engländer? Weil Luigi, um seine Ver-schiedenartigkeit deutlicher zum Ausdruck zu bringen, mit großem Übermut den einen oder anderen Akzent einer etwas mehr deutschen Aussprache hat einfließen lassen.
Und über sein deutsches »Erscheinen« gibt es noch einen Bericht, nämlich von Luigi Capuana, der ihn sehr schätzt und davon überzeugt, die Lyrik aufzugeben und sich der Prosa zu widmen, der Erzählung.
»Blond, mit einem Nazarenerbärtchen, die Haare ein wenig lang und nach hinten geworfen, unter einem breitkrempigen Biberpelzhut (›eine Art Sombrero‹ würde sein girgentanischer Freund De Gubernatis sagen), lag in seiner aufgeweckten, stattlichen Erscheinung und im sanften Ausdruck seines beinahe blassen Gesichts etwas, das in ihm keinen Sizilianer vermuten ließ. Viele hielten ihn für einen deutschen Studenten, der nach dem Abschluß seines Studiums die obligatorische Reise nach Italien machte…«
Das letzte Problem, dem er sich stellen und das er lösen
-157- muß - darüber ist sich Luigi durchaus im klaren -, ist das Abstreifen der unsichtbaren Kette, die ihn gefangen hält: die wirtschaftliche Abhängigkeit vom Vater. Solange diese Abhängigkeit fortbesteht, sind alle seine Versuche, ein wirklicher vertauschter Sohn zu sein, nur pathetische Anwandlungen.
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