Der vertauschte Sohn

Andrea Camilleri · Kapitel 69 von 75

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Der vertauschte Sohn

Die Wiederholung: Fausto

 

Du weißt doch, wie Fausto ist, schreibt Pirandello in einem seiner Briefe an Lietta. Ja, wie ist Fausto eigentlich?

Fausto ist ein junger Mann von wenigen Worten, er neigt dazu, sich in sich selbst zu verschließen und einem ganz eigenen Leben nachzuhängen. Er hatte das Humanistische Gymnasium wegen seiner Einberufung und auch wegen seiner Krankheit abbrechen müssen, und so nimmt er nach dem Krieg wegen seiner Neigung zur Malerei (was den Vater mit Freude erfüllt) Unterricht bei Lipinsky. Danach schreibt er sich an der Akademie für Aktmalerei ein. Dort folgt er dem Unterricht von Felice Carena. Die ersten »ausstellbaren« Bilder gehen auf eben das Jahr 1923 zurück. Luigi hat ihm ein kleines Atelier gemietet, er bezahlt ihm die Modelle, die sich zeitweilig abwechseln, zwei am Tag. In einem Brief vom 11. Juni 1922 spricht Luigi folgenderrmaßen über ein Bild von Fausto:

Es ist ein großes Bild mit fünf Figuren: wenn es einmal fertig sein wird, was ich hoffe, wird es für Fausto eine schöne, starke Bestätigung sein, denn das Bild ist schön und stellt etwas dar. Es sind drei junge Frauen, nackt, bei einem Wasserspiegel, überrascht, verwirrt, entsetzt von der Erscheinung des Gespenstes des Alters, die ganz einfach eine alte Frau ist, ebenfalls nackt, und sich anschickt, zum Wasser hinabzusteigen, indessen aber unter ihnen weilt wie ein drohender Pilaster; hinter der Alten ist ein verwundert dreinblickendes kleines Madchen: der Hintergrund besteht aus Bäumen. Diese kurze Andeutung wird Dir ausreichen, Dir das Bild vorzustellen.

 

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Die Unterstreichung des bedeutet stammt von Pirandello. Aus der Sichtweise des neunzehnten Jahrhunderts betrachtet, dem Pirandello verbunden ist, stellt das Bild in der Tat das dar, was er seiner Tochter erzählt, eine Anekdote. Doch in dieser erzählerischen Betrachtung der Malerei liegt bereits der Keim für die kommende Divergenz zwischen Fausto und seinem Vater. Pirandello redet nicht über Farben, über Materialien, über Volumen, er nimmt nicht einmal von Ferne die Suche Faustos wahr, der in dieser Zeit unter dem Einfluß von Cézanne und des Expressionismus steht.

Seit den frühesten Malversuchen Faustos versucht Luigi ihm seine ganz persönliche Weise, ein Bild zu malen, aufzuzwingen. Von Luigi sind keine Versuche oder Skizzen erhalten, sondern nur eindeutig fertig gemalte Bilder, und das nicht, weil Pirandello die vorausgehenden Versuche vernichtet hat. Er war in der Lage ein Bild innerhalb von zweieinhalb Stunden fertigzustellen und begriff daher nicht das Zögern, die Zweifel, die Über-legungen, die nur halb ausgeführten Leinwände seines Sohnes.

Übrigens gibt es eine bezeichnende Episode, die sogar auf den Juli 1919 zurückgeht. Während eines Ferien-aufenthalts der Pirandellos in Viareggio mit ihren Freunden Frateili wollte Fausto ein Porträt von Signora Frateili anfertigen. Signora Frateili saß geduldig einige Tage lang Modell, und schließlich war das Porträt fertig. Doch Fausto war nicht zufrieden damit, und mit einem Spachtelschlag zerstörte er es. Luigi, der dabei war, ärgerte sich:

»Was soll das? Hast du Signora Frateili etwa so lange Zeit für nichts und wieder nichts bemüht?«

Er ließ sich von Fausto eine Holzplatte und Farben geben und machte das Porträt in zwei Stunden. Zufrieden

-288- zeigte er es herum, ohne auch nur im geringsten an die Demütigung zu denken, die er seinem Sohn zufügte. Vielleicht glaubte Luigi, bei einem dieser Malwettstreite zu sein, die er in der Vergangenheit mit seinem Freund Ugo Fleres ausgetragen hatte.

Scheu, eigenbrödlerisch, qualvoll suchend, begreift Fausto auf der Stelle, welche Gefahr die Einmischung seines Vaters in seine Kunst mit sich bringt und entzieht sich dem gekonnt (Du weißt ja, wie Fausto ist).

Ende 1927 begibt sich Fausto mit Capogrossi nach Paris. Dort bleibt er drei Jahre, vertieft seine Beobachtung von Picasso und Cézanne und besucht die Gruppe der Italiener, zu der unter anderem Severini und de Chirico, Campigli und Savinio gehören.

Am 5. August 1928 wird in Paris sein Sohn Pier Luigi geboren. Er bemerkt in einer Art Tagebuch:

»… der Sohn ist geboren: er wirkt nun wirklich gewalttätig… Ich habe im Atelier geweint über dieses freudige Ereignis, denn die wichtige Funktion eines Vaters war für mich neu: was sie bedeutet, worauf es ankommt, wie sie gesehen und gelöst werden muß. Und weil das mit Malerei gar nichts zu tun hat, habe ich von mir ein unnützes Bild mit Gefühl geschaffen, vor dem Spiegel.«

Eifersüchtig auf sein Leben, teilt er niemandem ein Wort mit. Luigi erfahrt nur zufällig von einem Freund, daß Fausto einen Hausstand gründet hat und daß es ein Kind gibt, einen Jungen. Sein ganzes Leben lang wird Fausto für ihn der vielgeliebte Fremdling bleiben. Was hat er nur getan, daß der Sohn sich so fern von ihm hält?

Er ist ebenfalls eine Wiederholung, eine schmerzliche, eine Wiederholung dessen, was zwischen ihm und Don Stefano vorgefallen war, nur daß es hier nicht um Auseinandersetzungen oder Dramatisches ging. Du weißt

 

-289- doch, wie Fausto ist. Und Maria Luisa Aguirre D'Amico schreibt über Fausto:

»Ihm Vorhaltungen über seine Entscheidungen zu machen, war, wie wenn man ihn daran hindern würde zu arbeiten. Und sein Leben identifizierte sich in seiner Arbeit. Er wollte nicht von ihr abgelenkt werden.«

Und sein Vater hielt ihm seine Entscheidungen vor, sobald sich eine Gelegenheit dazu bot. Am 1. Juni 1928 schreibt Pirandello von Pordenone aus an seinen Sohn in Paris:

Es ist eigentümlich, wie Du, der Du das, was in Dir vorgeht, so gut erkennen und, ausdrücken kannst, dann nicht den Weg findest, um aus diesen bedrückenden Geistesverfassungen herauszukommen. Warum schaust Du, wenn Du zu malen beginnst, mit den Augen der anderen, Du, der Du so gute Augen hast, um in Dich hineinzusehen? Du mußt Dich von jeder quälenden Sorge um Modernität frei machen und aufhören, so zu malen, wie heute alle malen, nämlich häßlich. In Venedig habe ich Maler des zwanzigsten Jahrhunderts gesehen: Grauenvolles auf der einen Seite und fader Akademismus auf der anderen. Und alle gleich. Das ist wirklich eine scheußliche Verirrung, deren Ende noch nicht abzusehen ist. Um wieder unschuldig zu werden, kritzeln sie wie kleine Kinder, um sich als Wissende darzustellen, kopieren sie kalt und töricht. Keinerlei Aufrichtigkeit. Nichtiges Bemühen. Abscheu vor aller Natürlichkeit, vor jeder spontanen Hingabe. Und niemand denkt, daß der einzige moderne Maler, der wirklich etwas geschaffen hat, das er selbst ist, Spadini war, und zwar aus dem einzigen und überaus einfachen Grund: irgendwann wollte er einfach nichts mehr wissen und gab sich nur der Freude am Malen dessen hin, wie er sah, und dessen, was er sah. Einen anderen Weg, eine andere Gesundheit als diese gibt es

 

-290- nicht. Wenn Deine Ernsthaftigkeit die ist, auf Deine sehr eigene Weise zu denken, wie Du es so einzigartig in Deinen Briefen auszudrücken verstehst, nun, dann male diese Deine Gedanken, dann wirst Du aufrichtig sein und Dich ausdrücken: etwas wirst Du ausdrücken.

Die kritische Überwachung tötet die Kunst. Die moderne Kunstkritik ist tödlich. Ihr habt sie alle im Blut. Man muß sich von ihr befreien. Dich so verunsichert zu sehen, so unzufrieden, macht mir großen Kummer.

Eigentlich hatte Fausto seinem Vater einige Phasen seiner Suche in der Malerei mitgeteilt, eine qualvoll authentische und keineswegs leichte Suche. Dieser Gemüts- und Geistesverfassung gegenüber erklärt sich Pirandello für unzuständig, ja er geht sogar soweit, ihn mit dem Begriff »unzufrieden« abzutun. Und die Auf-forderung, es Spadini gleichzutun, ist für einen jungen Maler, der sich zu Picasso befragt, an der Grenze zur Beleidigung. Luigi fordert seinen Sohn auf, an eine spontane Hingabe zu glauben: genau das Gegenteil dessen, was er als Schriftsteller und Bühnenautor zu tun pflegt.

Ein völliges Unverständnis, das dem gleichkommt, das Don Stefano ihm gegenüber gezeigt hat. Fausto ist es, der mit viel Höflichkeit und Ironie unterstreicht, wie grund-legend verschieden Vater und Sohn sind. Er erzählt von einem Tag, an dem Luigi ihn auf dem Land besuchen kommt, wo Fausto, seine Frau und der Kleine in einem »Saustall von dumpfer, mit Grün verstopfter Bruchbude« wohnten. Luigi schaut umher, sieht, daß kein Bild in Arbeit ist, und fragt: »Was machst du?«

Als Antwort lud Fausto ihn ein, ihm durch einen abschüssigen Kastanienwald zu folgen »und dann halsbrecherisch runter durch einen Haselnußhain voller Gestrüpp von strengem, tiefem Grün, bis wir zu dem

-291- Durcheinander zwischen dem Schilffeld und dem Bachbett gingen.«

Schließlich kommen sie an, und Luigi ist außer Atem.

»Aber wir waren angekommen und setzten uns auf die Steine zwischen dem Plätschern des zwischen den großen geschliffenen Kieseln hinschießenden, schwappenden Wassers und dem Rauschen der unzähligen Schilf-pflanzen, deren Blätter kolbenartig herunterhingen und wie Monstranzen zugespitzt waren. Ich zeigte ihm schweigend die Siebenschläferfamilien, die über die gewundenen Äste der Haselnußbüsche liefen, ihren Schabernack, ihr Nachlaufen und Nagen und heimliches Knabbern, dann den Flug der Amseln im Schilf, der sich beim ersten Anruf beschwichtigte, ich zeigte ihm die Tränke der lauernden, schnell davonjagenden Steinmarder, das Herumhantieren der Frösche mit ihren gespreizten Schenkeln auf den Blättern unter dem Wasser und wie sie sich ihres schleimigen Rufs entledigten, fast als würden sie unmäßig, hochmütig schimpfen.

Mein Vater sah sich das an, dann sah er mich an, um die Verbindung zwischen mir und diesen Dingen herzustellen. Doch dann mußte der Zauber dieses unaussprechlichen Zustands in ihn eingedrungen sein. Es war die Atmosphäre einer unbestimmten Lage, mit etwas Schrecken, doch nicht so viel anders als würde man sich in einem Abenteuer verlieren, aus dem die Rückkehr vielleicht abstrus oder problematisch hätte erscheinen können. Leicht hingegen, sich an so viel zartes Grün von dem sich neigenden Schilffeld zu klammern, das einer alten fernen Metamorphose gehorchte. Doch schon, daß wir zwei waren, uns ansahen, hielt uns am Rande einer uns gemeinsamen Vernunft zurück, die uns bewußt machte. Er sagte leise, als er sich schüttelte: ›Dumme Natur‹ und nickte, ›Ist doch dumm!‹ und berauschte sich.

 

-292- Später kehrten wir, uns bei der Hand haltend, zurück. Er wird wohl gedacht haben, daß ich ein gutmütiger Müßig-gänger mit wenigen Wünschen sei.«

 

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