Der vertauschte Sohn
Der Sommer 1899
Im Juni 1899 wird das letzte Kind des Ehepaars geboren, Fausto. Alle Kinder von Luigi und Antonietta sind im gleichen Monat geboren. Und wie es ist, seit sie geheiratet haben: Antonietta möchte nach Sizilien fahren und den Sommer im Landhaus des Vaters verbringen, in Bonamorone. Nicht im Haus der Pirandellos in Caos. Auch wenn sie sich bei ihrem Vater und bei ihren Brüdern nicht vollkommen glücklich fühlt, so möchte Signora Pirandello doch mit ihrer Familie Zusammensein. Sie will sich damit ihrem Gatten gegenüber mehr oder weniger unbewußt schadlos halten, der in Rom die Gesellschaft von Freunden bevorzugt, zu denen sie keinerlei Beziehung hat. Daher soll ihr Gatte in Bonamorone im täglichen Um-gang mit seinem Schwiegervater und seinen Schwägern wenigstens ein bißchen von dem ertragen, was sie in Rom ertragen muß. Luigi ahnt möglicherweise etwas von den Gründen seiner Frau, macht sich auf eine lange und mühevolle Reise, im Zug von Rom nach Neapel, mit dem Postschiff von Neapel nach Palermo, in der Kutsche von Palermo nach Girgenti, eine Reise, die durch die Hitze und die ungezogenen Kinder noch unerträglicher wird, und er wappnet sich mit heiliger Geduld, um den Aufenthalt in Bonamorone ohne allzu große Auseinandersetzungen mit dem widerwärtigen Schwiegervater durchzustehen.
Wie es damals üblich war, fuhren die Pirandellos vor ihrer Abreise nach Rom zwischen Girgenti und Porto Empedocle für die Verabschiedungszeremonie hin und her. Vor jedem Besuch präsentierte sich tags zuvor ein Hausmädchen, das - natürlich im Dialekt - den rituellen Satz aussprach:
-180-
»Ich teile mit, daß morgen nach dem Mittagessen gegen fünf Signora 'Ntunietta Pirandello der Herrin unseres Hauses einen Besuch abstatten möge, und zwar in Begleitung ihres Gatten.«
Am folgenden Tag nach dem Mittagessen gegen fünf wurde dieser Besuch gemacht. So war es auch bei der Familie Fragapane in den ersten Septembertagen des Jahres 1899. Signor Fragapane war nicht anwesend, er hatte eilig nach Caltanisetta aufbrechen müssen, wo er eine Mine besaß.
Luigi begleitete seine Frau zum Haus der Fragapanes und ging dann zu seinem Freund Giuseppe (Pepè) Malato, der seit sechs Jahren Bürgermeister von Porto Empedocle war. Ein Historiker aus Porto Empedocle schrieb:
»Er besaß ein absolut ungewöhnliches Temperament und muß über besonderen Charme verfügt haben, den er nicht nur gegenüber Frauen eingesetzt hat, sondern auch gegenüber den hohen Polizeibeamten, den Carabinieri und den Präfekten von Girgenti, die ihn, trotz seiner stürmischen Angelegenheiten innerhalb und außerhalb der Ehe, seiner Duelle, seiner unglückseligen Finanz-abenteuer, immer wieder für eine ganze Reihe ritterlicher Auszeichnungen vorschlugen und dafür seine unzweifel-haften Meriten aufzählten, die er sich bei der Vertretung unseres Ortes in Rom und auch im Ausland erworben hatte. Das Volk mochte ihn immer sehr.«
Jedesmal, wenn Pepè nach Rom führ (und hier muß gesagt werden: ihm genügte schon der geringste Vorwand, um das zu tun), kam er Luigi besuchen, der sich unbändig amüsierte, wenn er ihn von seinen wagemutigen Unter-nehmungen erzählen hörte. Aus einer dieser Unternehmungen machte Pirandello einen Einakter, dem er den Namen des Hauptakteurs gab, Cecè und nicht Pepè, wie es eigentlich hätte heißen müssen, aber hier spielte die
-181- Diskretion gegenüber dem Freund eine Rolle.
Indessen bemerkt Signora Fragapane, daß Antonietta schweigsam und geradezu unfreundlich ist. Sie hat Fausto mitgebracht, der auf ein Bettchen in einem Nebenzimmer gelegt worden ist und schläft. Im Salon entdeckt Antonietta einen schönen neuen Flügel: ohne um Erlaubnis zu fragen, steht sie vom Sofa auf, klappt den Deckel des Instruments hoch, nimmt den bestickten Samtläufer von den Tasten, setzt sich hin und fängt an zu spielen. Signora Fragapane versucht irgendein Gespräch, aber Antonietta reagiert nicht, sie scheint nicht einmal zu hören, sie spielt einfach weiter. Hin und wieder allerdings bricht die Melodie ab, Antonietta haut geradezu auf die Tasten, voller Wut, macht es so noch eine Weile weiter, dann fängt sie wieder an, ein erkennbares Thema zu spielen. Signora Fragapane fängt an, sich Sorgen zu machen, fragt Antonietta, ob sie vielleicht einen sizilianischen Kaffee, einen Rosolio, eine Granita möchte… Nichts, nur dieses unaufhörliche Herumge-klimpere, in einem Augenblick normal, im nächsten Augenblick mit falschen, mißtönenden Noten. Sie weiß nicht, was sie tun soll. Glücklicherweise kommt in diesem Augenblick Signor Fragapane aus Caltanisetta zurück, und seine Frau setzt ihn gleich in Kenntnis über das, was hier stattfindet. Daraufhin geht Signor Fragapane Luigi suchen, aber es ist nicht leicht, ihn zu finden, man hat ihn gesehen, unten am Hafen, wo er mit dem Bürgermeister spazierenging. Endlich erblickt er ihn, unterrichtet ihn und bringt ihn mit nach Hause. Hier nimmt Luigi einen Stuhl, setzt sich neben seine Frau und beginnt, leise mit ihr zu sprechen. Die Fragapanes haben den Eindruck, daß Luigi handelt, als sei er schon einmal in dieser Lage gewesen und würde wissen, was er sagen und tun müsse. Doch Fausto ist es, der mit seinem Schreien im Nebenzimmer
-182- die Situation löst. Der Kleine ist aufgewacht und hat Hunger. Antonietta geht, gefolgt von Luigi, in das Zimmer, um Fausto zu stillen, und sie schließen die Türe hinter sich ab. Signor und Signora Fragapane sehen sich entsetzt an, sie wissen nicht, was sie tun sollen. Dann öffnet sich die Türe, Luigi verabschiedet sich verlegen und geht mit Antonietta weg, die den Kleinen an ihre Brust drückt und ihren Mund nicht einmal aufbringt, um Guten Tag zu sagen.
Diese kurzzeitige Störung Antoniettas (und andere werden noch folgen) wird der Schwächung der Frau nach den Geburten zugeschrieben, drei in vier Jahren, und dem Stillen. Keiner weiß, daß es sich in Wirklichkeit um etwas wesentlich Schwerwiegenderes handelt. Doch die Schwere der Krankheit seiner Frau hat Luigi schon seit langem bemerkt, nur daß er mit niemandem darüber gesprochen hat, außer mit seinem Vater, und das schon im Februar der letzten Jahres.
Was ich, ohne es je merken zu lassen, in diesen Jahren meiner Ehe gelitten habe, in der Gemeinschaft mit einer Frau, die unfähig ist, mich zu verstehen und höhere Gefühle zu empfinden, das könnte keine menschliche Sprache je ausdrücken.
Und doch habe ich stets jede natürliche Regung in mir gezügelt und bezähmt und mich immer wieder bemüht, sie voller Liebe und mit dem Beispiel eines untadeligen Lebens zu mir emporzuheben…
Luigi will die eigentlichen Worte zwar noch nicht gebrauchen, aber es ist, als wolle er vorbauen, als wolle er die Verantwortung angesichts dessen abgeben, was höchst wahrscheinlich eintreten wird: die Umwandlung der psychischen Zerbrechlichkeit Antoniettas in eine deutliche Form von Paranoia.
-183- Und ganz sicher geht es nicht darum, diese arme Frau auf seine Höhe emporzuheben, sondern sie so weit wie möglich von diesem Rand des Abgrunds wegzuholen, an dem sie sich im Gleichgewicht hält, den sie aber jeden Tag mehr hinabzustürzen droht.
-184-