Der vertauschte Sohn

Andrea Camilleri · Kapitel 52 von 75

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Der vertauschte Sohn

Das Schlafzimmer

 

Luigi blickt von dem Blatt Papier auf, das er mit Wörtern vollschreibt, er muß eine Novelle abschließen und sie an den ›Corriere della Sera‹ schicken, er sieht auf die Taschenuhr, die neben dem Tintenfaß liegt. Mitter-nacht ist seit ein paar Minuten vorbei, und er fühlt schlagartig die Müdigkeit, die ihm auf den Augenlidern lastet. Das Licht, das die vom Nachtkasten zum Schreib-tisch gebrachte Lampe spendet, ist schwach, hat einen Gelbton, aber so muß es sein, damit Antoniettas Schlaf möglichst nicht gestört wird. Das, was in der ersten Zeit der Ehe ein einfaches, bequemes, aufgeräumtes Schlaf-zimmer war, ist jetzt ein wüstes Durcheinander. Da befindet sich zum Beispiel auf Antoniettas Seite ein kleiner Tisch, auf dem stehen an die zehn Fläschchen mit Medikamenten, Beutel mit Pülverchen, ein Spirituskocher, um Wasser heiß zu machen, wenn Antonietta zufällig nachts irgendeinen Kräutertee zubereiten muß. Luigi hat auch einen kleinen Schreibtisch gebracht, an dem er arbeiten kann, ohne daß er jeden Augenblick gerufen wird, wie das vorher der Fall war:

»Luigi, wo bist du? Was machst du?«

»Ich bin hier. Ich schreibe.«

»An wen? An irgendeins von deinen Weibsstücken, was?«

So aber kann Antonietta, wenn sie will, aus dem Bett aufstehen, ohne das geringste Geräusch zu machen, und nachsehen, ihm über die Schulter blicken und lesen, was ihr Mann da schreibt. Aber selbst, wenn die Worte, die sie gelesen hat, ganz eindeutig nicht die Worte eines

 

-215- Liebesbriefes sein können, beunruhigt sie sich manchmal noch mehr.

»Hast du alle diese Frauen gekannt?«

»Welche Frauen, 'Ntuniè?«

»Die, über die du dann eine Novelle schreibst.«

»Aber wo denkst du hin? Das ist doch alles nur Phantasie. Die gibt es doch gar nicht!«

»Doch, doch, die gibt es, die gibt es.«

»Aber wo denn, heiliger Herrgott?!«

»In deiner Phantasie, das hast du gerade selbst gesagt.«

Jetzt spürt er, daß Antonietta wach ist, sie ist zu Bewußtsein gekommen wie eine Ertrunkene aus der Tiefe eines bleiernen Schlafes, in den sie von Zeit zu Zeit für kurze Augenblicke versinkt, sie atmet schwer. Ihre Augen starren ihn an, sie spricht nicht, sie beschränkt sich darauf, ihn anzusehen, und Luigi hat das Gefühl, als würden ihn hinter seinem Kehlkopf zwei Bohrerspitzen durchbohren. Unter diesen Bedingungen kann er nicht weiterschreiben, zu wissen, daß sie ihn mit weit aufgerissenen Augen anstarrt, lähmt ihn. Er steht auf, er reckt und streckt sich, denn die Haltung hat ihn starr werden lassen, er nimmt die Lampe, stellt sie wieder auf den Nachttisch, dann geht er hinaus, ständig unter dem insistierenden Blick Antoniettas.

»Wo gehst du hin?«

»Wohin soll ich schon gehen? Ins Bad, ich ziehe mich aus.«

»Danach kommst du? Oder machst du's wie beim letzten Mal, wo du dich zum Fenster runtergelassen hast und mit den Weibsstücken auf und davon bist?«

Er antwortet ihr gar nicht. Also wirklich! Sich nächtens zum Fenster hinunterlassen! Was wird sie ihm wohl beim nächsten Mal vorwerfen, diese Frau, deren Gehirn sich

 

-216- zermartert, um sich Geschichten von einem unmöglichen Ehebetrug zu erfinden, die ihm als wahr vorgeworfen werden?

Im Bad nimmt er sich Zeit, er zieht sich langsam aus, er wäscht sich und vermeidet es sorgsam, sein Gesicht im Spiegel zu betrachten.

»Was machst du? Bist du immer noch da?«

»Ich komme schon.«

Er hatte kaum Zeit, die Decke über sich zu legen. Sie packte ihn, preßte sich mit Gewalt an ihn, verzweifelt, und küßte ihn und biß ihn und raufte ihm die Haare, dann fing sie an zu weinen, und unter Schluchzen und mit völlig veränderter Stimme wollte sie wissen, wie er eine andere, eine nicht existierende andere geliebt hatte, dabei blies sie ihm ihren dichten Atem einer Kranken ins Gesicht:

So, nicht? Sie drückte dich so… die Arme, so? Die Hüfte… wie drückte sie die… so? so? und deinen Mund? Wie hat sie den geküßt? So?

Er ließ sich gehen, er ließ sich in diesen Strudel ziehen, mit Abscheu. Aber er konnte nicht anders als sich da hineinziehen zu lassen. Als sie ihren »Liebesbeweis« erhalten hatte, kam Antonietta nicht zur Ruhe. Am liebsten hätte sie ihn aus dem Haus geschickt, so, ohne jede Manneskraft, um sicher zu sein, daß ein physischer Betrug völlig unmöglich war. So, wie sie ihren Mann ja auch gezwungen hatte, mit dem abgezählten Straßenbahngeld in der Tasche herumzulaufen, damit er, für den Fall, daß ihm die Lust auf eine Frau gekommen wäre, nicht gewußt hätte, wie er das bezahlen sollte.

Dann versank sie wieder in schlickigen Schlaf. Luigi wälzte sich noch lange im Bett hin und her, aber leise, um Antonietta nicht aufzuwecken, bevor auch er endlich die Augen schließen konnte.

 

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