Der vertauschte Sohn

Andrea Camilleri · Kapitel 71 von 75

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Der vertauschte Sohn

Kurze Geschichte des »Märchens«

Als Pirandello an dem Werk zu arbeiten beginnt, das zu seinen bedeutendsten zählt, auch wenn es unvollendet geblieben ist, Die Riesen vom Berge, nimmt er wieder das Motiv vom vertauschten Sohn auf (diese Geschichte nennt er inzwischen ausschließlich »Märchen«, und indem er es in Versform setzt, unterstreicht er nur seinen Märchen-charakter) und gibt vor, es sei das Werk eines Dichters, der sich das Leben genommen hat (der vertauschte Sohn-Luigi stirbt als Selbstmörder, unserer Ansicht nach, in den Sechs Personen). Es ist ein Werk, über das die Gräfin Ilse, die Hauptfigur der Riesen, die dem Dichter ihr ganzes Leben geweiht hat, einige Verse im Verlauf der Begegnung mit den Scalognatis (dies ein »sprechender« Name, der ›Unglücksbringer‹, ›Unglücksrabe‹ bedeutet); weitere Verse werden in der Szene gesagt, die sich im Zimmer der Erscheinungen in der Villa der Scalognatis abspielt; die Gräfin selber wird von den Dienern der Riesen gerade in dem Augenblick in Stücke gerissen, als sie für eben die die erste Szene des Märchens rezitiert. Vielleicht hatte Luigi nicht die Absicht, mehr von dem Märchen zu schreiben: diese erste Szene genügte ihm völlig für die Funktion, die es in den Riesen haben sollte.

Doch 1932 machte er daraus ein Libretto für eine Oper mit der Musik von Gian Francesco Malipiero.

Wie die Dinge in diesem Fall gelaufen sind, darüber gibt es unterschiedliche und auch widersprüchliche Darstel-lungen. Einige sagen, Malipiero habe Pirandello über den gemeinsamen Freund Mario Labroca gedrängt und Pirandello habe schließlich zugestimmt, nur um sich den

 

-301- aufdringlichen Malipiero vom Hals zu schaffen. Malipieros Darstellung ist anders. Er behauptet, Mario Labroca habe ihn wissen lassen, daß Pirandello ein Libretto für ihn habe und daß er einer Begegnung recht zögerlich zugestimmt habe. Die Erzählung, die Pirandello ihm dann von der Handlung gemacht hatte, hat ihn gleichgültig gelassen, »doch die Lektüre des ersten Aktes, des einzigen ausgeführten, weil er in die Riesen vom Berge eingefügt war, begeisterte mich dermaßen, daß ich in der Lage war, den zweiten und dritten Akt (›die zugefügten‹) zu assimilieren«.

Wir glauben, daß in Wahrheit hinter dieser ganzen Geschichte Mario Labroca stand, daß die Idee, Pirandello ein Libretto schreiben zu lassen, von ihm stammte, und daß er mit den beiden sehr gekonnt umging und so schließlich das erreichte, was er im Sinn hatte.

Als Malipiero das gesamte Libretto in der Hand hat, merkt er, daß Pirandello vergessen hatte, die Liste der Personen aufzuschreiben. Er bittet ihn darum und bekommt eine Antwort, die zumindest vordergründig seltsam ist, Pirandello weigert sich nämlich, diese einfache Arbeit durchzuführen und gebraucht zu seiner Recht-fertigung Worte, die einen leicht aggressiven Ton haben. Er schreibt, allein schon die Tatsache, daß er seinen Blick auf das Märchen senkt, stelle eine schwere Gefahr dar.

Die Gefahr nämlich, daß sich meine Phantasie wieder entzündet und mich dazu bringt, statt einfach die Liste der Personen zu erstellen, mich wieder an die Arbeit zu machen, zu feilen, zu verändern… und wer weiß? Alles wegzuschmeißen und wieder neu anzufangen…Ich bitte Dich, die Möglichkeit einer schweren Gefahr von mir zu nehmen…

Besteht die schwere Gefahr wirklich darin, das Libretto neu zu schreiben, es zu korrigieren? Oder hat Pirandello

-302- ganz einfach keine Lust mehr, noch einmal Hand an eine Geschichte zu legen, die sein Leben gezeichnet hatte? Ist das »Märchen« also immer noch so lebendig und schmerzend, vor allem dann, wenn es sich um einen langen Irrtum gehandelt hat, um eine Kinderphantasie, die sich qualvoll in Wahrheit verwandelte?

Das Märchen vom vertauschten Sohn (La favola del figlio cambiato), mit der Musik von Malipiero, wurde in Deutschland aufgeführt und errang bei dieser Gelegenheit einen großen Erfolg. Kurz darauf wurde die Oper auf einer anderen deutschen Bühne aufgeführt, aber gleich verboten, weil sie als »subversiv und nicht in Übereinstimmung mit den Leitlinien des deutschen Volksstaates« beurteilt wurde. Was hat der gerade an die Macht gekommene Nationalsozialismus nur so Subversives darin erblickt? Vielleicht, daß ein unflätiger Trottel, wie Pirandello den vertauscht geglaubten Sohn dargestellt hat, König eines Landes im Norden werden konnte, anstelle eines großen, schönen, blonden Königs, in dem sich die wirkliche arische Rasse erkannte?

In Rom wurde sie im Königlichen Opernhaus in Anwesenheit Mussolinis und anderer hoher Hierarchen des Faschismus am Abend des 24. März 1934 aufgeführt. Doch das Märchen fiel spektakulär durch, und zwar aufgrund einer sehr genau geplanten politischen Sabotage seitens einiger gewalttätiger Faschisten. Irgendwann während der Aufführung stand Mussolini auf und ging entrüstet. Das galt selbstverständlich dem Autor. Seit langem hatte sich Pirandello, der die geringschätzige Tat begangen hatte, unmittelbar nach dem Verbrechen an Matteotti den Parteiausweis der Faschisten zu beantragen, vom Faschismus entfernt. Als er nach der Verleihung des Nobelpreises für Literatur von Stockholm nach Rom zurückkehrt, trifft er nicht einen einzigen hohen

 

-303- Hierarchen zu seiner Begrüßung am Bahnhof in Rom. Über den unseligen Abend in der römischen Oper sagt er später:

Die billige, brutale Beleidigung, die man verübt hatte, hält mich sogar von den Riesen vom Berge ab, in denen man über das Märchen spricht und ein paar Verse zitiert. Das, was möglicherweise mein bedeutendstes Bühnenwerk ist, liegt seit damals herum…

Wir glauben, das die Gründe, weshalb Die Riesen nicht zu Ende geschrieben wurde, andere und wesentlich kom-plexere sind. Irgend jemand hat sogar geschrieben, daß dieses Werk dazu bestimmt war, unvollendet zu bleiben: die billige, brutale Beleidigung gab es zwar, das ist richtig, und sicherlich hatte sie Pirandello getroffen, aber er war ein Mann und Schriftsteller, der angesichts von Grimassen und Kränkungen zu starken Reaktionen fähig war: erinnern wir uns, daß er sich am Abend der Uraufführung der Sechs Personen an die Rampe stellte, um sich für die Pfiffe und Schmährufe zu bedanken. Doch keiner von denen, die da pfiffen, wußte etwas über den Wert, den die Sechs Personen für Pirandello persönlich hatten. Das gleiche ereignete sich für das Märchen, das ein solches Gewicht in Pirandellos geheimstem Leben gehabt hatte.

 

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