Der vertauschte Sohn

Andrea Camilleri · Kapitel 45 von 75

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Der vertauschte Sohn

Das Geschäft

 

Ungefähr um die gleiche Zeit hat auch Don Stefano eine chiffrierte Botschaft erhalten. Ein Schwefelhändler, Calogero Portolano, mit dem Don Stefano sowohl freund-schaftliche als auch geschäftliche Beziehungen unterhielt, muß sich für eine bestimmte Zeit von Girgenti wegbegeben und übergibt ihm zwei Umschläge, von denen der eine siebzigtausend Lire enthält und die Auf-schrift »Aussteuer meiner Tochter Antonietta«. Eine Botschaft, die in Wirklichkeit keine Dechiffrierung nötig hatte, weil sie explizit als Vorschlag einer Heirat ihrer beiden Kinder verstanden werden sollte.

Don Stefano hat nicht nur keinen Vorbehalt, sondern begrüßt den Vorschlag mit einem gewissen Enthusiasmus, weil er möglicherweise die ideale Lösung für Luigis wirtschaftliche Probleme beinhaltet. Antonietta, die Don Stefano weder je gesehen noch kennengelernt hatte, braucht gar nicht erst befragt zu werden, denn sie muß sich ohnehin dem Willen ihres Vaters beugen. Allenfalls kann man sie freundlich über ihre bevorstehende Verlobung mit jemandem in Kenntnis setzen, den sie noch nie hat nennen hören.

Dagegen verhält sich Don Stefano Luigi gegenüber um-ständlicher. Er schreibt ihm und sagt, er habe ihm ein Geschäft vorzuschlagen: es handele sich um die Verlobung mit einer gottesfürchtigen jungen Frau, die man angesichts ihrer Mitgift von rund einhunderttausend Lire auch durchaus als reich ansehen könne. Will sagen, sie besitze bereits zwei der drei »F«, die man von einer Braut verlange: fürchterlich (im Aussehen), finanziell gut gestellt, fromm. Luigi gegenüber erwähnt Don Stefano nichts vom Aussehen der künftigen Frau, auch weil er

 

-164- selber nicht weiß, wie sie denn nun aussieht. Luigi antwortet, daß dieses Geschäft möglich sei und er sich wegen der Häßlichkeit oder Schönheit seiner zukünftigen Frau dem Rad der Fortuna überlasse. Dann spricht Don Stefano in den folgenden Briefen nicht mehr über diese Sache, einerseits aus taktischen Gründen, um den Sohn auf die Folter zu spannen, andererseits, weil Calogero Portolano anfängt, die Mitgift zu drücken, indem er immer wieder Spitzfindigkeiten vorbringt und über Prozente redet. Luigi wird unruhig.

Über das zur Frage stehende Geschäft… ließ man mich folgendes wissen: ein verdienstvolles Mädchen, mit einhunderttausend Lire Mitgift, die in deine Sozialkasse eingezahlt würden, wovon ich ein Drittel des Nettogewinnes erhalten sollte, und dazu jede erdenkliche Zeit für die Verfolgung meiner Ideale. Ich nahm an.

Endlich nehmen die Verhandlungen die richtige Richtung, und Luigi fährt eilig nach Girgenti. Doch bis zur ersten Begegnung mit der Verlobten muß noch Zeit ver-gehen, weil Portolano immer wieder neue Fragen aufwirft und damit den Eindruck erweckt, daß ihm der Heirats-vorschlag leid tue, der in der Stadt in ein allertiefstes Geheimnis gehüllt ist. Eines Tages sagte Antonio De Gubernatis während eines Spaziergangs mit Luigi, es gehe das Gerücht um, daß er sich in ein junges Fräulein verknallt habe, die gleich gegenüber von ihm wohne, und er deshalb lange vor ihrem Haus stehen geblieben sei, in der Hoffnung, sie einmal sehen zu können. Lachend erwiderte Luigi, daß sie, wenn die Dinge so stünden, sich nicht mehr auf dem Balkon blicken lasse würde. Dabei verkündete er dem Freund, der es beinahe nicht glauben wollte, daß er sich bald mit Antonietta Portolano verloben werde. Und dann fragte er De Gubernatis, ob er das Mädchen kenne. Auf die verneinende Antwort des

 

-165- Freundes sagte er, daß auch er sie noch nie gesehen habe. Eine weitere notwendige Parenthese. Diese arrangierten Ehen, die in unserem besonderen Fall »Schwefelehen« genannt wurden, waren zur damaligen Zeit weit verbreitet, auch als Schutzsystem der verschwägerten Händler-familien gegenüber den großen ausländischen Gesellschaften gedacht, die inzwischen entstanden waren und sie einige Jahre später in den Ruin treiben sollten. Obwohl es sich bei diesen Ehen um Schwefel mit seinem luziferischen Gestank handelte, waren diese Ehen oft er-folgreich und in einigen Fällen sogar besser als die Liebes-heiraten. Unter den Dokumenten meiner Familie habe ich zahlreiche Blätter gefunden, die mit »Schwefellagerung« bezeichnet waren. Das waren gewissermaßen Zertifikate, die von den Lagerverwaltern für die Eigentümer von Schwefelminen ausgestellt wurden. Auf jedem Lagerungs-blatt erklärten die Händler, die ein solches Blatt brauchten, die Menge (im sizilianischen Volumenmaß der »Càntara«) des gekauften und in bar bezahlten Schwefels. Und auf einem dieser Blätter aus dem Mai 1891 stehen die Unterschriften von Stefano Pirandello, Calogero Portolano, Carmelo Camilleri und Giuseppe Fragapane. Der Sohn von Stefano Pirandello wird die Tochter von Calogero Portolano heiraten, der Enkel von Carmelo Camilleri wird die Enkelin von Giuseppe Fragapane heiraten. Ich kann dafür garantieren, daß die Ehe zwischen meinem Vater und meiner Mutter hervorragend war und sie sich aufrichtig liebten.

Calogero Portolano, Witwer, ein Händler, der im Ruf stand, ein Wucherer zu sein, hat drei Kinder, zwei Jungen und ein Mädchen: Giovanni und Carmelo leben bei ihm, Antonietta dagegen wird im Kloster der Schwestern des Heiligen Vincenz erzogen. Die männlichen Familienmit-glieder im Hause Portolano leiden an übersteigerter

 

-166- Eifersucht, die bisweilen ans Surreale grenzt. Ich irre, das Verb leiden hätte ich für die weiblichen Portolanos verwenden müssen. Seiner Frau hatte Calogero die genauen Maße vorgeschrieben, denen entsprechend sie die Fensterläden öffnen durfte, ein paar Zentimeter, gerade soviel, um einen Streifen Lichts und etwas frische Luft hereinzulassen. Sie auch nur eine Idee weiter zu öffnen, wäre unanständig gewesen. Signora Portolano, die arme, hatte diese bedrückenden Vorschriften ihres Mannes so sehr verinnerlicht, daß sie, als sie eine schwierige Geburt hatte und die Hebamme selbst nicht weiter wußte, lieber starb als sich von einem Arzt anschauen zu lassen. Wenn Antonietta sonntags in Reih und Glied mit ihren Freundinnen spazierenging, mußte sie den Blick immer zur Erde wenden.

Und diejenigen, die kontrollierten, daß dies auch der Fall war, waren immer der Vater oder einer der beiden Brüder. Wenn das Mädchen zufällig den Kopf hob und ihren Blick schnell herumwandern ließ, brüllte der wachhabende Familienmann sie gleich an. Das war der Grund, weshalb in Girgenti niemand Antonietta jemals ins Gesicht geblickt hatte.

Nachdem die Modalitäten bezüglich der Überweisung der Quoten der Mitgift mühsam ausgearbeitet worden sind, kommt endlich der Tag, an dem sich die beiden Ver-lobten kennenlernen. Doch auch noch bei dieser Gelegen-heit fällt Calogero Portolano eine weitere Spitzfindigkeit ein. Er hat Angst, daß, wenn die Bekanntschaft aus irgendeinem Grund nicht zur offiziellen Verlobung führt, man über seine Tochter Antonietta nachteilig sprechen, gar über sie klatschen könne und sie damit unweigerlich kompromittiert sei.

Also ersinnt er einen Plan. Zu einer mit größtmöglicher Genauigkeit festgelegten Stunde werden alle Portolanos

 

-167- mit einer Kutsche nach Porto Empedocle fahren, während von dort aus zur selben Stunde sich eine Kutsche mit den Pirandellos nach Girgenti aufmacht. Sofern die Zeit des Aufbruchs und des Weges eingehalten wird, begegnen sich die beiden Kutschen auf der Höhe des Weges, der von der Provinzialstraße zum Haus der Pirandellos in Caos führt. So geschieht es. Und es beginnt die Aufführung, an der ein paar streunende Hunde und der eine oder andere vor sich hindösende Bauer teilnehmen. Nachdem sie aus ihren jeweiligen Kutschen gestiegen sind, tauschen Calogero Portolano und Don Stefano Grüße und Höflichkeiten aus, bis Don Stefano schließlich den schicksalhaften Satz spricht:

»Wieso kommen Sie nicht zu uns? Mein Haus ist doch nur ein paar Schritte von hier entfernt…«

Die Kutschen setzen sich in Bewegung, die der Pirandellos vorne, um den Weg anzuzeigen, die der Portolanos hinterher. Und auf diese Weise ist Antoniettas Ehre gesichert, niemand, der anwesend ist, wird behaupten können, daß die Begegnung arrangiert worden sei, vielmehr sei die Begegnung rein zufällig gewesen.

Im Wohnzimmer sitzen sich die beiden Parteien von Angesicht zu Angesicht gegenüber, sprechen vom Wetter, über Geschäfte, die Frauen sprechen über Kleider. Strengstens verboten ist jeder Hinweis auf eine mögliche Verlobung. Luigi und Antonietta blicken sich gelegentlich an, natürlich völlig unauffällig. Luigis unmittelbare Feststellung ist, daß seiner zukünftigen Frau das dritte »F« fehlt: das für »fürchterlich«. Antonietta ist äußerst an-mutig, sanft, freundlich und schüchtern, die Schüchtern-heit ist möglicherweise auf die Umstände des Zusammen-treffens zurückzuführen, das heißt, daß sie wie eine Art feilgebotene Ware betrachtet wird, die dem Geschmack des Käufers vorgestellt wird. In Wirklichkeit ist es

 

-168- natürlich genau umgekehrt: sie ist es, die sich mit ihrer Mitgift einen Ehemann kauft.

Antonietta mag Luigi auf der Stelle, möglich, daß sie zu Hause ihrem Vater gegenüber mit allzu großer Be-geisterung über ihn spricht, denn der hört verdrossen zu. Vielleicht ist ja auch Luigi mit von der Partie, und er hat gegen dieses Mädchen nichts einzuwenden.

Seinem Freund De Gubernatis, der ihn tags darauf fragt, wie die Zusammenkunft denn verlaufen sei, antwortet Luigi, er habe gefunden, daß sie eine gute Ehefrau abgibt, daß sie die richtige für die Aufgabe ist, die sie übernehmen soll. Aber, fügt er hinzu, ich werde eine richtige Frau aus ihr machen.

Und so schreibt er an seine Schwester Lina:

Bisher stellt sie mich von ihrem äußeren Erscheinungsbild zufrieden, sie kommt mir sympathisch vor, wenn nicht gar insgesamt schön.

Was die Moral angeht, stelle ich fest, daß sie sehr gütig ist und von unserem Schlag: wenig erfahren, doch sie hat Haltung und klugen Anstand.

Dann folgen noch weitere Begegnungen zwischen Luigi und Antonietta, mit geringeren Vorsichtsmaßnahmen nach außen und größeren Vorsichtsmaßnahmen nach innen. Das heißt, die beiden Verlobten bleiben nie alleine, sie können niemals ein vertrauliches Wort wechseln, bei jeder Begegnung muß ein Vertreter der Portolanos und einer der Pirandellos anwesend sein.

Calogero Portolanos ausdrücklicher Befehl lautet: Antonietta darf niemals den Blick vom Boden aufrichten und den künftigen Gatten ansehen.

In eineinhalb Monaten hat er mich meine Verlobte nur zweimal und dann nur flüchtig sehen lassen.

 

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Nach zwei Monaten kehrt Luigi nach Rom zurück, findet eine Wohnung in der Via Firenze und richtet sie ein: hier wird er mit seiner Frau wohnen. Die Sache scheint beschlossen. Doch Calogero Portolano hat eine gewisse Veränderung bei seiner Tochter beobachtet. Irgendwann stellt er zu seinem Entsetzen fest, daß Antonietta von ihrem Verlobten völlig »eingenommen« ist. Und das kann er auf keinen Fall zulassen. Eine Gattin muß unterwürfig und ergeben sein, bereit zur Erfüllung der ehelichen Pflicht - aber verliebt in ihren Mann? Das kommt über-haupt nicht in Frage! Zumal Luigi ihn durchaus nicht beeindruckt hat, im Gegenteil, er war ihm gleich auf Anhieb unsympathisch, und wie sollte es auch anders sein, denn dieser Mann schleppt schließlich seine Tochter ins Bett!

Er fängt an, viele Zweifel an dieser Ehe zu äußern, wenn er Gelegenheit hat, mit Don Stefano darüber zu reden: Antonietta sei ja noch viel zu jung, um zu heiraten, und dann überzeuge ihn der Umstand, daß sie in Rom leben wird, überhaupt nicht. Wäre es nicht besser, Luigi würde nach Girgenti umziehen?

Er weiß, daß Luigi dies niemals akzeptieren würde, und daher beharrt er auf diesem Vorschlag, bis dieser schließlich zu einer unabdingbaren Forderung für die Ehe-schließung wird. Und so kommt es zu dem, womit Portolano gerechnet hat: da Luigi sich weigert, seinen Hausstand in Girgenti zu gründen, betrachtet Portolano die Verlobung als aufgelöst und den Mitgiftsvertrag als null und nichtig. Und damit auch wirklich keine Meinungs-änderung mehr möglich ist, erklärt er Antonietta seinen Willen, sie mit einem girgentanischen Rechtsanwalt zu verheiraten.

Luigi ist wütend, er sieht die Möglichkeit, die Ketten abzustreifen, die ihm immer noch nicht erlauben, im

 

-170- umfassenden Sinn ein vertauschter Sohn zu sein, sich in Luft auflösen. Er hatte eine Wohnung mit sieben Zimmern gemietet, war dabei, sie einzurichten, das alles mit dem Geld, das Don Stefano ihm gegeben hatte, jetzt ist er gezwungen, die Wohnung aufzugeben, wodurch er die Kaution und die vorausbezahlten Monate verliert.

Und er muß die gekauften Möbel verhökern. Nicht weniger wütend als er ist Don Stefano:

»Allein der Gedanke, daß ich mit diesem lächerlichen Irren irgend etwas Gemeinsames zu tun haben konnte, widert mich an.«

Portolano hat aber die Reaktion seiner Tochter falsch eingeschätzt. Zum ersten Mal in ihrem Leben weigert sich Antonietta, den Anweisungen ihres Vaters Folge zu leisten. Nein, verehrter Herr, entweder heiratet sie Luigi oder sie wird Nonne. Und nichts bringt sie von ihrem Vorsatz ab. Calogero Portolano muß nachgeben: über Enzo, Luigis jüngeren Bruder, fleht er Luigi an, nach Sizilien zurückzukommen.

Mir widerfährt aber auch wirklich alles! Kommentiert Luigi in einem Brief an Lina.

Auch Don Stefano schaltet sich ein, Portolanos Geld ist in diesem Augenblick für ihn sehr wichtig. Luigi ist ge-zwungen, eine Verlängerung der Verlobungszeit auf sich zu nehmen. Natürlich bestehen die Regeln während der Zusammenkünfte eisern weiter: sie können nicht mit-einander reden. Doch Luigi umgeht dieses Hindernis, indem er Antonietta schreibt. Er schreibt ihr auch dann weiter, als er gezwungen ist, nach Rom zurückzukehren, um eine neue Wohnung zu finden, auch weil sich die vorige als zu klein für all die in Sizilien gekauften Möbel erweist. Die Korrespondenz geht nur in eine Richtung, und bereits in diesen Briefen wird sichtbar, was Luigi meinte,

 

-171- als er zu De Gubernatis sagte, daß er aus seiner Gattin eine richtige Frau machen würde.

Antonietta wurde von den Vincenzschwestern erzogen, sie weiß nichts über das Leben, sie ist naiv, ihre Bildung bestand allenfalls aus ein paar Büchlein über das Leben von Heiligen. Ohne jede Rücksichtnahme fängt Luigi an, ihr leidenschaftliche Briefe zu schreiben, die sich mit anderen abwechseln, die Giudice als »terroristisch« be-zeichnet hat.

Wir werden niemals etwas wissen, wir werden niemals vom Leben eine genaue Vorstellung haben, sondern nur ein Gefühl, mithin veränderlich und vielgestaltig, traurig oder fröhlich, ganz dem Zufall des Glücks entsprechend. Nichts Absolutes mithin. Was ist das Rechte? Was das Unrechte? Ich fand in diesem Labyrinth keinen Ausweg… Oh, in was für eine schreckliche Nacht, meine Antonietta, war mein Geist eingehüllt! Meine Träume von Ruhm waren ein jäh verdunkeltes Aufleuchten: und vergebens flehte ich um Licht, vergebens um Sonne… Nun ist die Sonne für mich aufgegangen! Nun bist du meine Sonne, und du bist mein Frieden und mein Ziel: nun trete ich aus dem Labyrinth heraus und sehe das Leben anders.

Und weiter:

Der Morgendämmer meines neuen Lebens hat für immer die Nebel vertrieben, die meinen Verstand hemmten. Jetzt öffnet sich hell vor mir die Zukunft. Ich habe endlich diese beiden höchsten Ideale miteinander verbinden können: Liebe und Kunst.

Doch er schreibt ihr auch:

In mir sind gewissermaßen zwei Personen. Eine von ihnen kennst du bereits; die andere kenne nicht einmal ich gut. Ich pflege zu sagen, daß ich aus einem großen Ich und einem kleinen Ich bestehe: diese beiden Herren liegen fast

 

-172- ständig miteinander im Krieg, der eine ist dem anderen oft außerordentlich unsympathisch. Der erste ist schweigsam und ständig in Gedanken versunken, der zweite spricht mit Leichtigkeit, macht Scherze, ihm ist weder das Lachen fremd noch das Zumlachenbringen. Wenn dieser etwas Törichtes sagt, geht jener zum Spiegel und küßt ihn. Ich bin ständig zwischen diesen beiden Personen auf-gespalten. Bald herrscht die eine, bald die andere. Ich gebe natürlich sehr viel um die eine, womit ich mein großes Ich meine; ich richte mich mit der zweiten ein und bedauere sie, die im Grunde ein Wesen wie jedes andere ist, mit seinen allgemeinen Vorzügen ebenso wie seinen allgemeinen Fehlern. Welche dieser beiden Personen wirst du mehr lieben, meine Antonietta?

Im Zweifel enthält Antonietta sich einer Antwort. Und sie antwortet nicht einmal auf die anderen Briefe des Verlobten, wenn er ihr schreibt, daß es in ihrem gemein-samen Schlafzimmer eine Ecke geben wird, die ein nicht enthüllbares Geheimnis enthält oder andere Rätsel dieser Art. Antonietta schweigt, sie ist ganz sicher verwirrt, wenn nicht gar entsetzt. Wenn er sie bedrängt, erklärt sie Luigi, daß sie nicht einmal mehr schreiben kann. Und vielleicht stimmt das auch, in Antonietta ist bereits eine Art Regression im Gange. Doch Luigi beharrt erbarmungslos.

Stimmt das wirklich, um mir zu schreiben, tust Du Dir Gewalt an? Das ist unmöglich! Es stimmt doch gar nicht, daß Du nicht zu schreiben verstehst. Wie kommt es, daß Du mir gar nichts zu sagen weißt?

Schon während der Verlobungszeit überzeugt sich Luigi davon, daß Antonietta ihm nicht folgen können wird auf diesem außerordentlich noblen Weg, auf den das Schicksal mich hat stellen wollen: den Weg der Kunst.

Nichts zu machen, seine ganze beharrliche Pädagogik wird notwendigerweise an der Mauer der Abwehr

-173- zerschellen, die Antonietta verzweifelt aufgerichtet hat.

Verzweifelt. Sciascia schreibt:

»Aber es war ja kein Weg: es war ein Labyrinth. Und das war es bereits, noch bevor sich Antonietta davon zurückzog, bevor sie sich - in einem gewissen Sinne - davor rettete. Schon Balzac hatte gesagt: ›Gott bewahre die Frauen davor, einen Mann zu heiraten, der Bücher schreibt.‹ Und über einen Mann, der Bücher schreibt, von dem hat Pirandello geschrieben?«

Luigi hörte nicht auf, mit Portolano aneinanderzugeraten (»Luigi geriet insgesamt zweimal mit Portolano aus Gründen der Eifersucht aneinander«, schreibt Antonietta an Lina in einem Bericht über einen Tag, und heiratet am 27. Januar 1894, zunächst auf dem Standesamt, danach in der Kirche, und es ist eine Ehe, das erfahren Antonietta und Luigi, die unter dem Zeichen der beiderseitigen Kommunikationslosigkeit geschlossen wird. Aber sie ahnen auch, daß eine echte, tiefe Leidenschaft sie miteinander verbindet, eine wirklich starke körperliche Anziehung, die lange anhalten wird, so daß der Sohn Stefano sagen wird, daß sie in erster Linie Verliebte waren.

Die Portolanos erzählen, daß Luigi seine Frau in dieser ersten Nacht, der Hochzeitsnacht, aus Diskretion nicht angerührt hat. Die Arme, die völlig eingeschüchtert war von dem, was ihr, den Erzählungen der Schwestern zufolge, bevorstehen würde, ängstigte sich noch mehr über das, was sie nicht als eine Geste der Feinfühligkeit erkannte, sondern als Geste der Ablehnung. Ein weiteres Trauma.

Nach acht Tagen des Aufenthalts in Caos ziehen die jungen Eheleute nach Rom um.

 

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