Der vertauschte Sohn
Lietta Will Heiraten
Der Wahnsinn der Mutter hatte sie gezwungen, ihr Elternhaus zu verlassen und bei Verwandten in Florenz zu leben. Doch Lietta beginnt, des Lebens müde zu werden, das sie zu führen gezwungen ist. Wie ihr Vater in längst vergangener Zeit einmal dachte, so denkt auch sie jetzt, daß die Ehe die Situation lösen könnte. Und diese Vorstellung teilt sie Luigi in einem Brief mit, den wir nicht besitzen. Der Vater antwortet ihr am 4. Oktober 1918.
Und so komme ich zu dem heikelsten Punkt Deines kleinen Briefes. Ich kenne nicht den Namen des jungen Mannes, von dem Du mir erzählst. Sicher, für ihn ist, was Du mir sagst, keine gute Empfehlung, nämlich: daß er Dir völlig gleichgültig ist, und daß Du glaubst, seine beste Eigenschaft bestehe darin, reich zu sein und über die Gabe zu verfügen, mit Umsicht seinen Besitz zu verwalten. Willst Du mit Gleichgültigkeit einen umsichtigen Geldsack heiraten? - Meine liebe Lietta, ich weiß nicht: die Art und Weise, wie Du über diese Sache sprichst, das Urteil, das Du implizit über den jungen Mann abgibst, das, was Du mir im Umkreis Deiner Neigung für ihn deutlich machst und wie Du absolut die Frage ausklammerst, die Du mir am Ende stellst: »Wozu rätst Du mir, mein lieber Papa?«
Ich kann Dir nicht anders antworten, als dadurch, daß ich Dir die Frage zurückgebe: »Aber was soll ich Dir denn raten, mein liebes Töchterchen?«
Bist Du geneigt, ihn zu heiraten, wo er Dich bittet, seine Frau zu werden, oder bist Du es nicht? Ist er ein ernster, gütiger, ehrlicher junger Mann von gesundem
-246- moralischen Wesen, aus guter Familie, mit freundlichen Umgangsformen, abgesehen davon, daß er reich ist? Weiß er über die materielle wie moralische Lage Deiner Familie Bescheid, ich meine über Deine Mitgift und das Unglück Deiner Mutter? Über nichts von alle dem sagst Du mir etwas. Wie willst Du dann, daß ich Dir einen Rat gebe?
In Wirklichkeit hat er der Tochter einen Rat gegeben, und was für einen! Dem Augenschein nach handelt es sich um einen klugen Rat, der allerdings nicht seine eigene Erfahrung mitberücksichtigen will. Die Ehe mit Antonietta hatte Luigi als Geschäft betrachtet und so hatte er es auch offen definiert: Warum also der Tochter nicht die Möglichkeit einräumen, ein Geschäft abzuschließen, das sich möglicherweise vorteilhafter als sein eigenes herausstellen könnte? Wenn der Wahnsinn nicht dazwischengekommen wäre, wäre die Ehe mit Antonietta, auch wenn sie nur den Rang einer einfachen Gattin und nicht den einer Gefährtin der Kunst, wie er es erhofft hatte, eingenommen hätte, eine gute Ehe wie so viele andere gewesen.
Sicher ist es nicht Luigi, der gegen Ehen ohne Liebe predigen kann. Und dann ist da unter dem Mantel des Pflichtbewußtseins noch die beiläufig gestellte ver-fänglichste Frage: Weiß er… über das Unglück Deiner Mutter? Zu verlangen, daß Lietta einem jungen Mann gegenüber, der ihr schüchtern ein paar Aufmerksamkeiten bezeigt, gleich enthüllt, daß sie eine wahnsinnige Mutter hat, bedeutet, daß jeder Bewerber in eine Lage des Unbehagens und der Verunsicherung versetzt wird. Sicher, es ist mehr als richtig und ehrlich, wenn Lietta ihrem möglichen Verlobten das Unglück der Mutter offenbart, doch zum richtigen Zeitpunkt, dem, den sie für geeignet hält, anderenfalls würde sie sich doch ihre eigene Grube
-247- graben. Und das weiß Luigi, denn der Brief fährt folgendermaßen fort:
Ich will Dich nicht dazu verurteilen, meine Lietta, an meiner Seite ein Leben der Entsagung und des Opfers zu leben… Ich weiß sehr wohl, was ich tun muß, um mein Töchterchen zufrieden zu stellen, und ich würde es zu diesem einzigen Lorbeer auch gerne tun, nämlich dem, sie glücklich zu sehen.
Auch aus diesem Grund, um zu verhindern, daß Lietta endgültig das Haus verläßt, wartet Luigi ungeduldig auf Stefanos Rückkehr aus der Gefangenschaft: die schmerzvolle Entscheidung muß getroffen werden, Antonietta in eine geschlossene Einrichtung einzuliefern.
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