Der vertauschte Sohn

Andrea Camilleri · Kapitel 68 von 75

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Der vertauschte Sohn

Die Wiederholung: Lietta

 

Um die Zustimmung ihres Vaters für eine Eheschließung zu bekommen, mußte Lietta einwilligen, daß ihr zukünftiger Ehemann sich einem sehr genauen Wunsch Luigis unterwarf, worauf er sein Ehrenwort als Offizier und Gentleman geben mußte: der Aufenthalt in Chile sollte ziemlich kurz sein.

Ich habe Dich einem Ehrenmann anvertraut, der mir sein geradezu heiliges Wort verpfändet hat, daß er alles tun werde, um Dich baldmöglichst wieder nach Italien zurückzubringen.

Nur daß Manuel Aguirres Lage in Chile nicht mehr gut ist, zu Hause verdient er nicht so viel, wie er in Italien verdient hatte. Er muß sich eine zusätzliche Arbeit suchen. Luigi hilft ihnen, indem er ihnen monatlich einen Betrag mit den Zinserträgen aus der Mitgift überweist und ihnen, auf Anforderung, weitere beachtliche Beträge zukommen läßt.

Seine lamentierenden, verzweifelten Rufe nach einer Rückkehr der Tochter, sein tägliches Ich sterbe, wenn Du nicht zurückkommst helfen Lietta psychologisch ganz sicher nicht in dem heiklen Augenblick, in dem sie dabei ist, selbst eine Familie in einem fremden Land zu gründen. Pirandellos Taubheit für Liettas Unbehagen ist total: die so viel beschworene Vaterliebe läuft Gefahr, sich als maß-loser Egoismus herauszustellen (und vielleicht ist sie es auch).

Um die Situation auszugleichen und auch, weil er auf der Suche nach Arbeit ist, kommt Manuel Aguirre die Idee, die Ländereien zu bestellen, die Luigis Frau in

 

-280- Sizilien hat, und dort eine Viehzucht aufzubauen.

Der erste Teil von Luigis Antwort ist enthusiastisch:

… aber sicher! Ich vertraue ihm alle, alle an, wenn er will, damit er alles versuchen kann, was er will, zu seiner ausschließlichen Gunst und seinem Nutzen.

Doch gleich darauf macht er Lietta einen Vorschlag, den sie ihrem Mann mitteilen soll, und dieser Vorschlag verbirgt, objektiv gesehen, eine Falle. In der römischen Campagna, schreibt er, gibt es einen gewissen General im Ruhestand, Perugino Bartoli, der landwirtschaftliche Besitzungen und Viehzucht hat. Sollte Manuel es leidig sein, nach Sizilien zu gehen, könnte Luigi das notwendige Kapital auftreiben, damit der Schwiegersohn eine geschäftliche Partnerschaft mit dem General eingehen könne.

Nach Sizilien zu gehen, ist Manuel keineswegs leidig, Luigi dagegen sehr. Sizilien ist weit, zwar nicht so weit wie Chile, doch immer noch weit genug, zumal er doch meine Lillinetta… wieder hier haben will; hier, bei Deinem Papa, der ohne Dich nicht mehr leben kann, noch zu leben weiß!

Offenkundig will Manuel seiner Frau und auch sich selbst die obsessive Präsenz Luigis ersparen. Und so fragt er wieder nach den Ländereien in Sizilien, die, so antwortet Luigi, etwa neunundzwanzig Hektar ausmachen. Doch Luigi hat in Liettas Brief Manuels halbe Absicht herausgelesen, Ländereien in Chile zu pachten. Und das löst seine furiose Reaktion aus.

Er hat mir versprochen, sogar noch wenige Augenblicke vor der Abreise von Genua, daß er Dich nach einem Jahr, nach eineinhalb Jahren wieder nach Italien zurückbringen würde, womit er das Ehrenwort bekräftigen wollte, das er mir gegeben hatte, als er um Deine Hand anhielt, und

 

-281- aufgrund dessen ich, ich wiederhole es, der Hochzeit zugestimmt habe. Es wäre ein unbilliger Verrat, den ich in keiner Weise tolerieren könnte, wenn er jetzt auch nur eine Sekunde daran dächte, nicht zu seinem Wort zu stehen. Ich sage es noch einmal, ich kann und will das nicht glauben.

In diesem Brief bietet Pirandello noch einmal die Ländereien in Sizilien an (angesichts der chilenischen Lösung ist dies immer noch vorzuziehen!), kommt auch noch einmal auf die Möglichkeit zurück, ein Landgut in der Campagna von Latium zu kaufen, und fügt den neuen Vorschlag bei, Ländereien in der Maremma zu erwerben.

Doch bald darauf ereignet sich etwas, das wesentlich schwerwiegender ist als die Auseinandersetzung um zu kaufende Ländereien. Pirandello erfährt, daß seine Tochter sich im Augenblick der Entbindung in äußerst schwierigen finanziellen Nöten befunden hat und ihr Ehemann dies damit begründete, daß der Schwiegervater einen Teil der Mitgiftszinsen nicht überwiesen habe.

Pirandello drückt als Antwort seinen inneren Zustand mit drei Worten aus: Pein, Fassungslosigkeit, Empörung. Und macht klar:

Aber Du sollst wissen, meine Lillinetta, daß meine Empörung durch Tatsachen und genaue Daten gerecht-fertigt ist, die ich besitze - und die ich Dir zukommen lassen kann, wann immer Du willst -, aus denen ganz eindeutig hervorgeht, daß Dein Mann - aus Geiz oder aus anderen Gründen, die ich nicht kenne - mir ein Martyrium auferlegen wollte, das bis zu dem Tag nicht mehr aufhören wird, an dem Du zu mir zurückgekehrt sein wirst; mit diesem schönen Gewinn auch für ihn geht der Verlust jeglichen Vertrauens von meiner Seite einher. Ich kenne, Sendung für Sendung, jeden Geldbetrag, den er bekommen hat, ich weiß, was er wirklich für die Reise ausgegeben hat (und nicht, was er mir vorgelogen und Dich glauben-

-282- gemacht hat), ich weiß, wieviel er hier in Rom effektiv ausgegeben hat; und ich habe die Gewißheit (es sei denn, er hat das Geld beim Spielen verloren oder es weg-geworfen), daß er absichtlich - ich wiederhole, ich weiß nicht, ob aus Geiz oder aus anderen Gründen - die Grau-samkeit besessen hat, Dich, mein Töchterchen, dahin zu treiben, Deinem fernen Vater, der ihm doch so viele Beweise seines Wohlwollens und seiner Aufmerksamkeit hat zukommen lassen, das Martyrium aufzubürden, Dich in einem fremden Land in der Hand eines Menschen zu wissen, der dies braucht, der Dir keine Hilfe geben konnte - und dies, ohne daß dies stimmt.

Dann schreibt er, nachdem er Lietta den Gedanken eingetrichtert hat, daß ihr Mann ein Geizhals ist, ein Lügner, Spieler und Verschwender, Worte, die sich hart an der Grenze des Anstands bewegen:

… selbst wenn ich für Deinen Unterhalt aufkommen müßte und für den des Jungen, Du mußt so schnell wie möglich zurückkommen, wenn Du nicht willst, daß ich verrückt werde oder an der Qual sterbe, die Dein Mann mir aufgeladen hat.

Das ist eine Aufforderung, die eheliche Gemeinschaft aufzukündigen, was sicher nicht die beste Art ist, die Situation zu glätten. Außerdem berücksichtigt Luigi, wie gewohnt, das Unbehagen seiner Tochter in keiner Weise, die gerade erst entbunden hat und sich zwischen zwei Feuern befindet.

Da geht Manuel Aguirre zum Gegenangriff über, indem er an seinen Schwiegervater direkt schreibt und ihm Vorhaltungen wegen der verspäteten Überweisungen der Mitgiftzinsen macht und die Aufstellung anderer außer-ordentlicher Ausgaben präsentiert, für die er hatte aufkommen müssen. Luigi antwortet tags darauf, am 26. Juni, und zwar an die Tochter.

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Ich habe keine Nachrichten mehr von Dir! Dieser Herr schreibt mir und redet von Geld, ohne ein Wort über Dich zu verlieren…Er redet von Geld, das noch nicht eintrifft… Nebenbei, um mir die Rechnung für die Ausgaben für die Ärzte, die Hebamme, der Krankenschwestern aufzulisten, nebenbei spricht er mir von zwei Operationen, eine bei Dir, eine bei dem Kind, um los piernos bei ihm wieder zusammenzufügen, und so weiter und spricht dann von guastos, so, als müßte ich die guastos bezahlen und als käme es nur darauf an… Was ist dieser Herr nur für ein Wesen? Was für ein Ungeheuer an Verantwortungs-losigkeit oder an Dummheit?

Anlaß für diese Auseinandersetzungen ist ein Umstand: Liettas Mitgift von zweihunderttausend Lire ist für den Augenblick in Wirklichkeit nur nominal und bezieht sich auf das Geld, das Pirandello vom Verleger Bemporad erhalten soll. Er überweist also an die Tochter einen monatlichen Zinsbetrag von tausend Lire, die auf fünf-hundert zurückgehen, einerseits, weil Luigi mehr nicht kann, andererseits, weil sie als Tilgungsabzüge für beträchtliche Vorschüsse gelten, die er auf ihre Bitten hin außerordentlich großzügig überwiesen hat. In dieser Situation können die Mißverständnisse und Doppel-deutigkeiten häufig vorkommen. Probleme ergeben sich über neuntausend Lire für Kleider für Lietta, die Luigi nicht bezahlt hat, und über andere Gebühren, auf die der Schwiegersohn Anspruch zu haben glaubt.

Don Stefano, von Altersschwachsinn befallen, weiß sicher nichts über die verseuchte Beziehung zwischen seinem Sohn und dessen Schwiegersohn wegen einer Frage von Mitgift: würde er es begreifen, würde er wahrscheinlich mit seinem zahnlosen Mund in schallendes Gelächter ausbrechen. Es wiederholt sich das, was vor langer Zeit schon einmal passiert ist, nur daß sich an

 

-284- Calogero Portolanos Stelle Luigi Pirandello befindet und an Luigi Pirandellos Stelle Manuel Aguirre.

Maria Luisa Aguirre D'Amico, Liettas Tochter, die Luigis Briefe an ihre Mutter gesammelt und veröffentlicht hat, schreibt: »Lietta und Manuel kehrten Anfang 1925 nach Italien zurück… Lietta fand ihren Vater verändert vor, anders als sie ihn in den Briefen wahrgenommen hatte. Die folgenden Monate brachten weitere Veränderungen mit sich: Da war die Vorbereitung und das Abenteuer mit dem Teatro d'Arte, da war die Begegnung mit Marta Abba. Lietta konnte mit dieser neuen Realität nicht fertig werden.

Es kam zu Zwistigkeiten, es kam zu schweren finanziellen Auseinandersetzungen zwischen ihrem Vater und ihrem Mann. Lietta blieb nur übrig, sich nach Chile zu flüchten. Zwischen den Vater und der Tochter traten Jahre des Schweigens.«

Auch das eine höhnische Wiederholung. Wie vor vielen, inzwischen weit zurückliegenden Jahren das Schweigen zwischen Luigi und seinem Vater eingetreten war, so tritt jetzt das gleiche Schweigen zwischen Lietta und dem Vater ein.

Lietta kehrt später nach Italien zurück und hat eine der beiden Töchter bei sich, die jüngere bleibt beim Vater in Chile zurück. Sie findet Luigi in einer anderen Gemütsverfassung vor: der Vater, der ihr noch einige Jahre zuvor die Aufkündigung der ehelichen Gemeinschaft anempfohlen hatte, ist nicht mehr derselbe. Im Grunde will er, daß Lietta wieder nach Chile zurückkehrt.

Sie hat einen Ausländer geheiratet, sie kann nicht erwarten, in Italien zu bleiben, wenn ihr Mann es nicht will und sie zurückruft. Wenn sie glaubt, dazu berechtigt zu sein, soll sie die Trennung verlangen, die andere

 

-285- Tochter und den Unterhalt. Doch so, auf der Seite des Unrechts verharren, das sollte sie wirklich nicht. Und dann muß man sehen, ob die Fehler ihres Mannes von der Art sind, daß sie, nur um den Mädchen eine Familie und ein Heim zu erhalten, sie nicht vergeben kann. Meine Mutter vergab, obwohl sie wußte, daß ihr Gatte eine Tochter von einer anderen Frau hatte.

Mit diesem letzten Satz, der daran erinnert, was für eine Bedeutung Don Stefanos Ehebruch für sein Leben hatte, schlägt Pirandello ein für allemal vor der Tochter die Türe zu. Seine persönliche Geschichte läßt ihn alles in einem anderen Licht sehen.

Bald darauf reist Lietta wieder nach Chile ab. Sie sieht ihren Vater in Buenos Aires wieder, doch zwischen ihnen kehrt lastend das Schweigen der Briefe zurück.

Der Vater hilft ihr, mit den Töchtern dann noch einmal nach Italien zurückzukehren. Am 13. Oktober 1936 wartet er auf sie bei der Ankunft des Schiffes. Keine zwei Monate später stirbt Pirandello.

 

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