Der vertauschte Sohn
Der Wahnsinn im Richtigen Augenblick
DER WAHNSINN IM RICHTIGEN
AUGENBLICK
Lina, die ältere Schwester Luigis, befindet sich in der nicht einfachen Pubertät. Möglicherweise führt die Spannung in der Familie, die nicht selten in offene Streitigkeiten ausartet, dazu, daß ihr Kopf dem ganzen nicht mehr standhält. Rasch taucht sie ins Dunkel (oder ins Licht) des Wahnsinns ein (von dem sie in der Folgezeit wieder völlig genest). Um sich herum sieht sie keine Menschen mehr, sondern Tiere. Der Vater verwandelt sich in einen Wolf.
Etwas von diesem eigentümlichen Wahnsinn überträgt Pirandello auf die Figur der Dianella Salvo in Die Alten und die Jungen (abgesehen davon, daß er in den einführenden Anweisungen zu seinem Bühnenstück Der Mensch, das Tier und die Tugend wünscht, die Schauspieler sollten Tiermasken tragen).
Luigi ist eng mit seiner Schwester verbunden, in jenen Tagen sorgt er dafür, daß er so oft und so lange wie möglich bei ihr sein kann.
Donna Caterinas Besorgnis übersteigt alles Maß, sie, die auf Luigis tödliche Krankheit so entschieden reagiert hat, fühlt sich angesichts des Wahnsinns von Lina machtlos, auch weil der Betrug ihres Mannes ihr jene Willenskraft geraubt hat, auf die sie sich bei anderen Gelegenheiten stützen konnte.
Doch die Krankheit der Tochter trifft Don Stefano in besonderer Weise. Von Tag zu Tag wächst in ihm die Überzeugung, daß ausschließlich er dafür verantwortlich ist, es ist wegen seiner Sünde, seiner Beziehung mit der
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Was also tun, damit die Tochter wieder genesen kann? Eines Tages findet er die Lösung: er spricht mit der Geliebten, überzeugt sie von der Notwendigkeit, die Beziehung abzubrechen, sofern sie zustimmt, verspricht er ihr, sie für ihr restliches Leben zu versorgen und mit ihr auch das kleine Wesen, dessen Geburt bevorsteht. Die Frau kann nur zustimmen, sie hat keine andere Wahl, sie hat längst begriffen, daß ihr Liebhaber sie früher oder später verlassen wird.
Don Stefano beginnt sich umzublicken, vor allem bei den kleinen Angestellten der Schwefelminen, findet einen, einen Junggesellen, und mit ihm schließt er einen Pakt gegen eine anständige Belohnung. Dieser Angestellte wird der Ehemann der früheren Geliebten und der offizielle Vater des kleinen Mädchens.
Das andere, was Don Stefano tut, ist, daß er mit der Familie von Palermo wieder nach Porto Empedocle zieht. Zwar nicht mit der ganzen Familie, denn Luigi bleibt in Palermo, um weiter seine Schule zu besuchen; aber er macht häufige Reisen, um die Mutter und vor allem die kranke Schwester wiederzusehen, deren Krankheit gerade im richtigen Augenblick aufgetreten ist, um wieder einen Anschein von Frieden in die Familie Pirandello zurück-zubringen.
Dies ist die erste schmerzliche Berührung Luigis mit dem Wahnsinn. Andere Fälle hatte er vorher mit Sicherheit schon einmal gestreift, wenn auch nicht im Familienkreis. Die Provinz von Girgenti weist zwischen der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts und den ersten dreißig Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts
-112- prozentual die höchste Rate an Geisteskranken in ganz Italien auf.
»Die paroxystische Selbstliebe«, hat Leonardo Sciascia erklärt, und wir wiederholen es hier, treibt »in ihrer Übersteigerung« die Girgentaner an die Grenzen des Wahnsinns. Doch wenn man die Rangliste im Auge behalt, dann überstiegen die Girgentaner zu jener Zeit diese Grenzen mit großer Leichtigkeit.
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