Der vertauschte Sohn

Andrea Camilleri · Kapitel 51 von 75

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Der vertauschte Sohn

Dritter Teil

 

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DER GRAUENVOLLE ABGRUND

 

Von der Fast-Lähmung, die sie befallen hat, erholt sich Antonietta, auch dank der ständigen Aufmerksamkeit, die Luigi ihr zukommen läßt, was so weit geht, daß er die Kinder, die ja noch klein sind, aus der Wohnung weg - und bei Verwandten unterbringt. Damit will er vor allem vermeiden, daß sie bei Antoniettas immer häufiger statt-findenden Szenen anwesend sind, aber gleichzeitig will er seine Freizeit auch ganz dem Schreiben und der Fürsorge für die Kranke widmen. In einem an seine Schwester Lina gerichteten Brief vom September 1906 zieht Luigi eine verheerende Bilanz seines Lebens als vertauschter Sohn.

Mit vierzig Jahren halb kahl, mit fast zur Gänze weißem Bart; alles Vermögen verloren; das Heim in Trümmern; von meinen Kindern getrennt… Mein Schicksal ist wahrhaft tragisch, liebe Lina, und für mich gibt es keinen Ausweg.

Und zwei Wochen später, als er offensichtlich auf die Worte der Schwester antwortet, die ihn ermutigten, doch nur ja Hoffnung zu haben, ist Luigi drastisch.

… diese unglückselige Frau kann nicht gesund werden… ich habe den grauenvollen Abgrund dieser Seele fühlen und ausmessen können. Sie wird nicht gesund werden, sie kann es nicht.

Was ist geschehen? Antoniettas immer stärker unkontrollierbarer Wahnsinn hat sich in das gleiche Fluß-bett ihrer Familie, der Portolanos, ergossen, in dem der Fluß der Eifersucht reißend, bisweilen auch über die Ufer tretend dahinjagt. So, wie ihre Brüder es mit ihr gemacht hatten, wenn sie, damals noch Klosterschülerin, sonntags in Reih und Glied mit ihren Mitschülerinnen spazieren-

 

-209- ging, und die Brüder da standen und kontrollierten, um zu sehen, wohin sie ihre Blicke richtete, so steht Antonietta jetzt am Tor der Lehranstalt und wartet, daß ihr Mann nach dem Unterricht herauskommt, und manchmal versteckt sie sich, um Luigi zu überraschen, wenn er ein kurzes Wort oder ein kurzes Lächeln mit einer seiner Studentinnen wechselt, die es sich unter anderem nicht verkneifen können, ihm mit Blicken oder mit Gebärden zu verstehen zu geben, wie sehr sie von ihm eingenommen sind.

 

DER MANN MIT DER BLUME: Da… Sehen Sie dort? Da, an der Ecke… sehen Sie den Schatten der Frau?… Sie hat sich versteckt!

DER GAST: Wieso? Wer… wer war das? DER MANN…: Haben Sie sie nicht gesehen? Sie hat sich versteckt.

DER GAST: Eine Frau?

DER MANN… :Ja, meine Frau.

DER GAST: Ach! Ihre Frau?

DER MANN…: (nach einer Pause) Sie überwacht mich von weitem. Glauben Sie mir, am liebsten würde ich sie mit Fußtritten verjagen. Aber das wäre zwecklos. Sie ist wie eine dieser streunenden, störrischen Hündinnen. Je mehr man sie wegstößt, um so dichter bleiben sie einem auf den Fersen. (Pause.) Was diese Frau durch mich zu leiden hat, das können Sie sich nicht vorstellen. Sie ißt nicht mehr, sie schläft nicht mehr, sie folgt mir Tag und Nacht, so… immer mit Abstand. Wenn sie wenigstens diese alte Dohle, die sie auf dem Kopf trägt, und ihre Kleider mal abbürsten würde! Sie sieht gar nicht mehr aus wie eine Frau, eher wie ein Scheuerlappen. Auch ihre Haare, da, an den Schläfen:

 

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grau vom Staub, für immer. Dabei ist sie gerade erst vierunddreißig. (Pause.) Sie glauben gar nicht wie rasend sie mich macht. Manchmal stürze ich mich auf sie und schreie sie an: Du blödes Weib! und schüttele sie dabei. Sie nimmt alles hin, steht da und schaut mich an mit einem Blick… mit einem Blick, ich schwöre es, daß es mich in den Fingern juckt, daß mich eine wilde Lust überkommt, sie zu erwürgen. Aber nichts. Sie wartet, bis ich weitergehe, und dann läuft sie wieder hinter mir her. (Die Frau streckt wieder den Kopf vor.) Da, sehen Sie…sie schaut wieder um die Ecke.

 

Das ist eine Stelle aus dem Schauspiel Der Mann mit der Blume im Mund. Zwar sind die Voraussetzungen, die die Ehefrau der Hauptfigur dazu bewegen, ständig ihrem Mann zu folgen, völlig verschieden, dennoch wird ein Teil der Verfolgung, der Luigi durch Antonietta ausgesetzt war, auf diese Bühnensituation abgefärbt haben. Nur daß Antonietta Luigis Reaktionen nicht unterwürfig und ohne zu reagieren hingenommen hat: ganz im Gegenteil, sie wird ganz besonders gewalttätig, sie überschüttet ihren Mann mit wüsten Beschimpfungen. Einmal, als Luigi auf der Straße ganz ruhig mit einer seiner Studentinnen spricht, verfolgt sie die beiden mit einem Regenschirm. Manchmal sind es die Studentinnen, die für die Situation bezahlen, die sich die schnellen Stimmungswechsel, bestimmte unnachgiebige, ja sogar erboste Standpunkte ihres Professors nicht erklären können. Wie einmal, als er darauf bestand, daß die Behandlung eines bestimmten Aufsatzthemas bei Poe abgeschrieben worden sei und dies der Studentin vorwarf, die den Namen Poe aber (und Luigi wußte das) noch nie gehört hatte.

Luigi war sozusagen von Natur aus treu, und dafür mußte er einmal, aufgrund der Situation, sozusagen

 

-211- öffentlich den Beweis erbringen. Eines Tages stellte sich eine junge Frau vor ihn hin, die gerade von ihrem Verlobten verlassen worden war. Dieser Verlobte wiederum war einmal ein Student von Luigi gewesen. Die junge Frau war das Opfer eines hysterischen Anfalls geworden, zog sich splitternackt vor Luigi aus und bot sich ihm an. Als einzige Antwort half Luigi ihr, sich wieder anzukleiden. Die Episode verdient vielleicht eine kurze Betrachtung: als dies geschah, können lediglich die beiden Personen anwesend gewesen sein, andernfalls hätte es die junge Frau niemals dazu kommen lassen, sich völlig auszuziehen. Wer also war es, der diese Geschichte erzählt hat? Ganz sicher nicht die Frau, die nicht nur alles zu ver-lieren hatte, sondern auch eine Demütigung gegenüber ihrer weiblichen Faszinationskraft hätte eingestehen müssen. Es war also Luigi selbst, der diese Geschichte bekannt gemacht hat, natürlich immer unter der Voraussetzung, daß sie sich denn auch wirklich zuge-tragen hat, und er hat es wohl einerseits aus einer gewissen Selbstgefälligkeit getan, andererseits ein bißchen, um sich den Ruf der Unbestechlichkeit zu schaffen, der ihm andere mögliche Unannehmlichkeiten mit Antonietta erspart hätte.

Und Antonietta wurde sich gelegentlich des Zustands bewußt, in dem sie sich befand. Im Schlafzimmer, einer weiteren Folterkammer, wie Giovanni Macchia das genannt hat, befand sich eine große Fotografie von der gerade verheirateten Antonietta. Eines Tages fragte sie ihn:

»Wieso behältst du es noch hier? Noch jetzt…«

Und, auf ihr Bild deutend, sagte Luigi: »Ich behalte es, weil sie es ist, nicht du, die mich glücklich gemacht hat.«

Dieser schlimme, dieser schwerwiegende Ausspruch (der ja vor allem auch die gegenwärtige körperliche wie

-212- psychische Zerstörung seiner Frau ungeheuer belastet) wurde von Gaspare Giudice aufgrund einer Mitteilung von einer Nichte Antoniettas zitiert. Und man muß ihn wohl für authentisch halten, eben weil er eine ziemliche Dosis von Groll und Feindseligkeit enthält.

Die Urteile, die Luigi in diesen Jahren über Don Stefano abgibt, haben nicht den Tonfall des Grolls, sondern den der völligen Verachtung. Luigi hätte es gerne gewollt, daß Don Stefano die verlorene Mitgift als Schuld anerkennt und irgendwie für ihre Rückzahlung sorgt. Don Stefano war demgegenüber der Ansicht, daß die Mitgift kein Darlehen war, sondern wesentlicher Bestandteil des in die Gesellschaft eingebrachten Kapitals, folglich besteht nach dem Bankrott der Gesellschaft Luigi gegenüber keinerlei Verbindlichkeit.

Zu alledem mischt sich zwischen die beiden Streitenden auch noch der Fiskus ein, weil für Antoniettas Mitgift ein ansehnlicher Steuerbetrag, nämlich zwanzigtausend Lire, fällig sind, Geld, das Luigi nie gesehen hat. Luigi weigert sich zu zahlen, und seine Möbel werden gepfändet. Seine Erbitterung steigert sich aufs äußerste.

Was ich dem, dessen Name ich trage, nie vergeben kann, das ist nicht so sehr der nicht wieder gutzumachende materielle Schaden als vielmehr die schreckliche moralische Qual, der er mich so viele Jahre hindurch unterworfen hat, indem er in niederträchtiger Weise darauf beharrte, das Geld der erschlichenen Mitgift als heilige Schuld zu betrachten.

Die Wahrheit ist, daß Don Stefano nichts mit List und Tücke entrissen hat. In dem »Geschäftsvertrag«, das heißt dem Ehevertrag, hat Luigi ausdrücklich unterschrieben, daß die Mitgift in das von Don Stefano verwaltete Gesellschaftskapital einfließt, der dafür Sorge trägt, ihm die monatlichen Zinsen zu überweisen. Und außerdem:

-213- Wieso hat er nie die Alarmzeichen zur Kenntnis nehmen wollen, die ihm Calogero Portolano hatte zukommen lassen?

Jedenfalls, Don Stefano wird als der, dessen Name ich trage bezeichnet, nicht als Vater. Ein schwerer Fehler im Personenstandsregister, eine schwerwiegende Verwechs-lung. Als vertauschter Sohn will er nicht einmal mehr diesen Namen tragen.

 

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