Der vertauschte Sohn
Ich Bin Nicht Klein Geboren
In Rom, so hat Gaspare Giudice geschrieben, trifft Luigi mit dem eindeutigen Willen ein, ein »Berufsschriftsteller« zu werden. Er weiß, daß das nicht leicht ist, aber er kann sich nicht entfernt vorstellen, wie schwierig allein schon die Bitte ist, Zutritt zu diesem Kreis zu erhalten. Und dazu kommt: er hat nicht einmal das Schreckgespenst des Militärdienstes im Rücken; den macht, einem damals gültigen Gesetz entsprechend, sein Bruder Innocenzo für ihn. Also verbringt er Tage und Nächte damit, seitenweise Papier mit Gedichten, Novellen, Komödien und Dramen zu füllen. Er hat sogar einen Roman geschrieben, den niemand veröffentlicht. Alles, was er in der Lage ist zu verdienen, sind ein paar Lire durch mühsame journalistische Mitarbeit.
Er könnte seine Doktorarbeit und seinen Doktorgrad dienstbar machen und sich der Lehrtätigkeit widmen, doch er fühlt, daß diese Beschäftigung für den Augenblick wie eine Herabsetzung seiner Fähigkeiten wäre.
Um sich also in Rom über Wasser zu halten, bleibt ihm nichts anderes übrig, als den Vater um Geld zu bitten. Der Monatswechsel reicht oft nicht aus. Ich bin nicht klein geboren, noch kann ich mich mit wenigem zufrieden geben.
So rechtfertigt er seine drängenden Bitten um Geld. Außerdem ist er sicher, daß er nicht diesen Wind um den Hintern habe, der andere Autoren dazu antreibt, veröffentlicht oder gespielt zu werden und Geld zu verdienen. Als er in Ferien geht, hat er kein Geld, um das Hotel zu bezahlen, er kann sich keine Wäsche kaufen. Er
-159- schreibt seiner Familie Briefe, die halb ernst, halb speichelleckerisch sind.
In der Ferne sehe ich einen Mann, der sich von morgens bis abends mit einer anderen Arbeit abrackert, die viel härter ist als meine und weitaus weniger liebenswert. So daß also einerseits meine Schufterei angesichts der seinen sich in nichts auflöst, andererseits aber meine Mutlosigkeit und Niedergeschlagenheit zunehmen.
Don Stefano ist gelegentlich bereit, weiteres Geld zu schicken, andere Male zögert er ein bißchen. Luigi fühlt sich aber in jedem Fall niedergeschlagen, sei die Antwort nun negativ oder positiv. Wahrscheinlich wäre er weniger gedemütigt angesichts einer negativen Antwort, die ihn dazu zwingen würde, weiterhin zu beharren: dieses Nein von Don Stefano bekräftigt in gewisser Weise nur das Spiel der Kontrahenten: wenn er ein vertauschter Sohn ist, warum sollte Don Stefano ihm gegenüber dann irgend-welche Verpflichtungen haben?
Und mit Blick auf die Wäsche, die er nicht kaufen kann, kommentiert er: Ich hätte sie mir anschaffen müssen, wenn ich eine Frau genommen hätte; ich habe aber keine Frau genommen und bin sozusagen nackt geblieben.
Apropos Ehe. In dem Abschiedsbrief an die Verlobte hatte er geschworen: Ich habe es dir gesagt: ich werde an keine Frau auf der Welt mehr denken, ich werde dir mein Leben lang verbunden bleiben…
Aber es ist ja nicht gesagt, daß eine Ehe unbedingt aus Liebe geschlossen werden muß. Und außerdem zeigen sich bei einer Liebesheirat die Möglichkeiten einer Ver-vielfachung von Ambiguitäten, von Mißverständnissen, von Eifersüchteleien auf Früheres bei jedem neuen Sonnenaufgang. Und im Juni 1892 veröffentlicht er in dem Zeitschriftenheft ›L'O di Giotto‹ (Das O von Giotto),
-160- einer wöchentlichen Beilage zur Tageszeitung La Tribuna, einen Einakter oder besser gesagt: einen Dialog mit dem Titel Perché? (Warum? - der lange vergessen war und erst am 25. Juni 1986 unter meiner Regie im Teatro delle Arti in Rom zur Uraufführung kam) Er behandelt genau dieses Thema der Eifersucht auf Früheres. Die Personen sind Giulia und Enrico, seit kurzem verheiratet, und der Ort der Handlung ist das Wohnzimmer ihres Hauses. Eine Stelle daraus:
ENRICO: Wer hat mich denn so weit gebracht? Du
weißt ja nicht, du weißt ja gar nicht, was ich leide…
GIULIA: Du willst leiden…
ENRICO: Ach ja? Jetzt auch noch meine Schuld.
GIULIA: Nein. Niemandes Schuld. Die des Zufalls!
Welche Schuld habe ich denn, wenn ich dich nicht
vorher kennengelernt habe? Wenn ich dich erst spät
kennengelernt habe? Aber sprich nur weiter!
ENRICO: Das weiß ich doch!
GIULIA: Na und?
ENRICO: Nichts weiter! Ich mache dir ja keinen
Vorwurf, wenn Du nicht verstehst… Ich mache dir
keinen Vorwurf!
GIULIA: Warum sollten wir dann aber so leben?
Unglücklich aus keinem Grund!
ENRICO: Aus keinem Grund…
GIULIA: Warum hast du mich dann geheiratet, wenn du
ernsthaft glaubst, einen Grund zu haben, so zu leben?
Warum?
ENRICO: Es wäre völlig sinnlos, wenn ich es dir sagte.
Du siehst mich in diesem Zustand - und glaubst mir
nicht! Du glaubst, ich würde dich nicht lieben und hätte
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keine Wertschätzung für dich… Falsch! Das Gegenteil
ist der Fall. Ich leide, weil ich dich liebe und schätze.
Ein Wahnsinn, ja, ja! Wer sagt etwas anderes? Aber
wenn ich doch sogar frage, schau: warum bist du mir
überlassen worden, mir, dem Letztbesten? Ich denke, du
könntest lieben…
GIULIA: Lieben…
ENRICO: Lieben, ja - sag nicht jetzt!
GIULIA: Doch niemanden wie dich!
ENRICO: Ich weiß! Einen schon, allerdings, den hast du
geliebt… wenigstens - die anderen Trottel
möglicherweise nicht, das glaub' ich dir. Aber wieso
haben dir nicht die Lippen gebrannt, wenn du Ich liebe
dich zu bestimmten Blödmännern gesagt hast!…
Diese Gedanken Enricos sind wohl auch Luigi durch den Kopf gegangen, als er siebzehnjährig mit seiner schönen Verlobten Lina durch Palermo spazieren ging, die vier Jahre älter war als er, mithin eine ausgewachsene Frau, und sich von dem einen oder anderen ihrer früheren Verehrer beobachtet fühlte und in ihren Blicken etwas Höhnisches zu erkennen glaubte, bisweilen sogar Mitleid…
Nein, nein, dann ist eine arrangierte Ehe, eine Vernunft-ehe hundertmal besser.
»Wer hinausgeht, kommt heraus«, sagt man in Sizilien. Wem es gelingt, den Kreis der Rückständigkeit, der Konventionen, des Zögerns, der Gewohnheiten, der überaus strengen, wenn auch nie geschriebenen und den Sizilianer einengenden Gesetze zu durchbrechen, der ist, allein aufgrund der Tatsache, daß er die Fesseln der Einschränkungen abgeworfen hat, dazu ausersehen, außer-halb der Insel Erfolg zu haben. Dieses Sprichwort scheint sich im Fall Pirandellos nicht zu bewahrheiten. Er hat
-162- Freundschaft mit wichtigen Literaten geschlossen, er geht ins Café Aragno, doch am Ende ist er nicht in der Lage, ohne die Hilfe von zu Hause auszukommen. Daher schickt er der Familie einen chiffrierten Brief:
Ich habe keinerlei Willen mehr, und eigentlich möchte ich mich völlig dem der anderen überlassen. Dies sage ich euch mit allem Ernst… Macht mit mir, was ihr wollt. Wenn man den Code dechiffriert, bedeutet das, daß seine Verwandten nicht mehr länger seine vorherigen, entschlossenen Äußerungen zur Ehelosigkeit beachten sollen, daß er also für vernünftige Vorschläge zugänglich ist, sofern sie seinen weiteren Aufenthalt in Rom nicht in Frage stellen und es ihm ermöglichen, Schriftsteller zu bleiben.
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