Der vertauschte Sohn

Andrea Camilleri · Kapitel 48 von 75

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Der vertauschte Sohn

Herr Professor

 

Ebenfalls vom Februar 1898, als er dem Vater von seinem schwierigen Verhältnis zu Antonietta schreibt, datiert ein Brief an seinen Freund Ugo Ojetti:

Meine Manuskripte (und es sind schon so viele!) verstauben weiter in einer Lade meines Schreibtisches. Einerseits tut mir das leid; andererseits tröstet es mich, von Zeit zu Zeit zu sehen, daß sie, auch wenn sie so eingeschlossen sind, nicht altern. Und weißt du, weshalb? Jeder versucht, eine gewisse Zeit zu der seinen zu machen, indem er ihr eine Mütze überstülpt, die mit dem eigenen Herrschaftszeichen versehen ist. Aber die Knechtschaft der Zeit dauert nur kurz. Ist der Herr tot, wirft sie die Mütze wieder ab. Das Aufstülpen ist nur vorübergehend. In der Kunst gehört die Zeit der Ewigkeit. Nicht dir gehört sie, nicht mir, nicht diesem oder jenem System. Wer will, mag sich schmeicheln, er könne die Zeit zu der seinen machen, die doch auch mir gehört und allen und keinem. Ich lasse ihn gewähren. Ich weiß, daß die wahre Kunst keine Monopole und keine Alleinherrschaft zuläßt.

Luigi spürt mithin, daß die Aufnahme seiner Arbeiten, die er immerhin veröffentlicht, in der literarischen Welt anders ausfallen müßte, doch er hat ein ruhiges, unbeschwertes Bewußtsein vom Wert seines Werks, das die Zeit überdauern wird.

Andererseits war der quälende Geldmangel nicht mehr so stark. 1897 erhält er eine Dozentenstelle an der Pädagogischen Lehranstalt für Frauen, deren Direktor der Lyriker Giuseppe Aurelio Costanzo aus Syrakus ist. Luigi unterrichtet »Linguistik und Stilistik, Formale Erziehung

 

-185- und Studium der griechischen und lateinischen Klassiker in den besten Versionen«.

Freilich, das ist ein Schritt zurück, verglichen mit seinem anfänglichen Anspruch, ein »Berufsschriftsteller« zu werden, doch die Erträge aus der Lehrtätigkeit füllen die monatlichen Zinsbeträge aus der Mitgift Antoniettas auf, weshalb er sich dem Schreiben widmen kann, ohne das Hintergrundgetöse, das Störende, die Sorge um das Notwendige länger ertragen zu müssen.

Über Pirandello als Professore ist meines Wissens nicht viel geschrieben worden. Es gibt die Bezeugung einer Studentin der Jahre 1916-17, Maria Alajmo, die eine Lieblingsstudentin von Pirandello war.

Die Alajmo behandelte in der Zulassungsprüfung das Aufsatzthema »Ein Ort, der Ihnen wegen seiner Schönheit oder wegen mit ihm verbundener Erinnerungen lieb ist« und konzentrierte es auf Girgenti, wo sie geboren war und die Schule besucht hatte, bevor ihr Vater Libertino, ein bekannter Augenarzt und Freund Pirandellos, nach Rom umzog. Luigi schätzte die Themenbehandlung sehr. Und von da an hatte er sozusagen häusliche Beziehungen zur Alajma, die er dann sogar viele Jahre später der Schauspielerin Marta Abba mit den Worten vorstellte : Sie ist eine der intelligentesten Studentinnen gewesen, die ich an der Lehranstalt hatte.

»Leopardi lag ihm am Herzen, vor allem der Zibaldone. Wenn er über Leopardi sprach, nahm er sowohl in seiner Haltung als auch im Ton, im Tonfall der Worte, etwas an, das… wir heute als romantischen Gestus bezeichnen könnten. Ich erinnere mich, wie er einige Gesichtspunkte der Gedichte, aber auch über Leopardi selbst herausstellen konnte, die sich im Zibaldone finden.«

»Wenn er uns dann an bestimmten Tagen Übungen

 

-186- eigener Wahl ausführen ließ, dann kam hierin seine ganze Genialität zum Ausdruck. Niemals hat er wirklich auf sein eigenes Werk hingedeutet__«

»Allerdings, wenn er die Arbeit von einer von uns kritisierte, dann kam es ganz selten wohl auch vor, daß er völlig beiläufig auf die eine oder andere seiner Novellen verwies; so als wollte er sozusagen Momente der Kunst, wie er sie behandelt hatte und wie sie vielleicht auch in unglücklicher Weise von einer von uns behandelt worden war, gegenüberstellen. Ihm gefielen die Seiten, in denen die Studentin sich einfach ihren Erinnerungen oder den Ausdrucksweisen ihrer Welt überließ.«

»Er haßte alles Mechanische, alles Manieristische, alles, was gelegentlich den Luftzug des Moralisierenden an sich hatte, ohne jemals eine Entsprechung im wirklichen Leben zu finden.

Manchmal allerdings verschloß er sich, erstarrte er auch angesichts des menschlichen Verständnisses, das in seinen Novellen so lebendig ist. Manchmal kam es einem wirklich vor, als mangele es ihm daran, und zwar in seiner Eigenschaft als Mensch, als Professor, als Prüfer, von Mann zu Mann, von Person zu Person. Dann war es, als würde das Katheder mehr aus einer Lebensnotwendigkeit da sein als für seine leidenschaftlichen Ausbrüche.«

Auch bei seinen anderen Professorenkollegen schien er keine lebendigen Freundschaftsbezeigungen zu äußern. Er stand immer ein bißchen abseits. Nicht daß dies eine Pose gewesen wäre, vielmehr war ja seine gesamte Haltung einzigartig.

»Auch die Art, wie er sich kleidete und wie er sprach… Er hielt sich in den Fluren mit den Pedells auf, und er sprach sehr bescheiden mit ihnen.«

Jede Bemerkung einfachen Personen gegenüber, jeder

 

-187- Hinweis auf eine bescheidene Geistigkeit brachte ihn immer gleich in Fahrt.

»Er kleidete sich, wenigstens zu dieser Zeit, immer grau. Sehr distinguiert. Im übrigen verlieh seine schlanke Figur ihm etwas Distinguiertes. Der breitkrempige Hut, die Zigarre, die er stets im Mund hatte, die immer halb geschlossenen, fernen Augen.

Er zog es vor, sich mit Handbewegungen zu helfen. Er bediente sich viel des Daumens, beinahe wie ein Bildhauer…«

Maria Alajmo hat angemerkt, Luigi habe gelegentlich gezeigt, daß er, wie eine für einen Augenblick eintretende Unachtsamkeit, »mehr aus einer Lebensnotwendigkeit als wegen seiner leidenschaftlichen Ausbrüche« auf dem Katheder stand. So war es ja auch. Und dennoch mußte er lange um die Anerkennung kämpfen, die ihm als Lehrer zukam. 1908 schrieb er an Massimo Bontempelli, daß er nach elf Jahren Dozententätigkeit immer noch außerplanmäßiger Professor war, ohne mein Gehalt auch nur um einen Soldo erhöht bekommen zu haben. Und Gogol hätte die absurde Situation erfinden können, in der er sich mit der Ministerialbürokratie befand: wenn zufällig sein Antrag auf eine planmäßige Professorenstelle nicht berücksichtigt werden würde, müßte er als außerplan-mäßiger Professor wieder an der Stellenausschreibung um eine außerplanmäßige Professorenstelle teilnehmen.

Bei seinen Studentinnen war er sehr beliebt: »Jede Studentin fühlte, daß ihr Herz für ihn brach«, erklärte die Schriftstellerin Paola Boni-Fellini, die seine Studentin war. Die Studentinnen machten sich für ihn besonders hübsch, sie putzten sich für ihn richtig heraus.

»Es war wirklich die Zurückhaltung dieses Mannes nötig, seine Seriosität, sein Verantwortungsbewußtsein,

 

-188- damit sich diese Vorlesung nicht in einen ›Liebeshof‹ verwandelte.«

Noch einmal ist es Paola Boni-Fellini, die uns einige Episoden dieses kollektiven Verliebtheitswahns berichtet, auf die Luigi, dem Zeugnis seines Sohnes Stefano nach, mit offenem Verdruß reagierte, wie bei jenem Mal, als eine Studentin ihm schrieb, daß sie sich umbringen würde, wenn der Herr Professor sich ihr gegenüber weiterhin so gleichgültig zeige, woraufhin Luigi, entsetzt über die Ver-antwortung, in die Direktion stürzte; oder das andere Mal, als eine Studentin anfing, ihm kleine Liebesbotschaften auf Zetteln in die Manteltaschen zu stecken, bis Luigi diese Tatsache vom Katheder herab öffentlich verkündete und dabei die Zettel zerriß und sie in den Papierkorb warf. Und natürlich, so schreibt Giudice, stürzte sich die gesamte Klasse, kaum daß der Professor gegangen war, auf die Schnipsel und setzte sie wieder zusammen.

Dieser Bericht von Paola Boni-Fellini bezieht sich auf die ersten Jahre seines Unterrichts. Es lohnt sich aber auch, sie mit den Worten einer anderen Studentin, Lucia Pagano, in Erinnerung zu behalten:

»Fast immer begnügte er sich, mit wenigen, ironischen Sätzen die kreativen Anstrengungen von uns armen Fräuleins zu zerstören, die wir vor Erregung zitternd aufstanden, um die wenigen Seiten des Protokolls vorzulesen, die so sorgfältig in der eitlen Hoffnung gefüllt worden waren, ein ermutigendes Wort von diesen seinen Lippen zu hören, die halb zwischen dem Oberlippenbart und dem grauen Spitzbart verborgen waren, und er die Haltung eingenommen hatte, die er gewöhnlich einnahm: mit auf dem Katheder gestützten Ellbogen und die Stirn auf der Hand, so, als wäre er immer müde, todmüde…« Und müde muß er wohl gewesen sein, wenn er nicht mehr in der Lage war, seine Müdigkeit zu verbergen, wenn er

-189- jetzt die Aufsätze seiner Studentinnen mit geißelnder Ironie kommentierte, genauer gesagt: zerstörte, wenn diese Hand an der Stirn nicht nur dazu diente, den Kopf aufzustützen, sondern auch, um all diese Gesichter von jungen Frauen, die ihn ekstatisch anstarrten, aus seinem Blickfeld teilweise auszublenden.

 

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