Der vertauschte Sohn

Andrea Camilleri · Kapitel 60 von 75

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Der vertauschte Sohn

Don Stefano Kommt

 

Nach dem Tod seiner Frau ist Don Stefano alleine geblieben, seine Kinder haben sich ihre eigenen Familien geschaffen.

Zudem hat sich seine Gesundheit verschlechtert: er ist halb blind, er geht nur mit Schwierigkeit, er braucht Unterstützung. Sicher hat es einen Briefwechsel unter den Kindern gegeben, um eine würdevolle Unterbringung für den alten Vater zu finden, doch am Ende löst sich alles so auf, daß man der alten sizilianischen Tradition folgt, die darin besteht, daß der Vater, wenn er verwitwet oder krank ist, in die Obhut der ältesten Schwester kommt, auch wenn sie verheiratet ist. So geht Don Stefano in Begleitung seines Sohnes Giovanni zu Lina nach Rom, wohin sie mit der Familie gezogen ist. Lina stellt ihm ein kleines Zimmer in ihrer Wohnung zur Verfügung, die sich genau unterhalb von der Wohnung befindet. Sicher gibt es einen Streit zwischen Luigi und der Schwester: Lina ist finanziell nicht in der Lage, die Bedürfnisse Don Stefanos zu erfüllen, und Luigi wird sich verpflichtet haben, seinen Anteil an den Ausgaben beizusteuern. Das ist eine Beteiligung, der er sich nicht entziehen kann, auch wenn er es wollte: es »trifft« ihn, wie man dazu bei ihm (und bei mir) sagt, es ist seine Pflicht. Aber es ergibt sich eine logistische Situation, die Luigi in der ersten Zeit sicher in Bedrängnis bringt, der seit langem die Beziehung zu seinem Vater abgebrochen hat. Die kleine angemietete Villa befindet sich in der Via Pietralata, ist umgeben von einem kleinen Garten, und man gelangt über einen schlammigen, unbefahrbaren Weg, fast einen Feldweg dahin. Ein Foto aus jenen Jahren zeigt uns Don Stefano im

 

-249- Garten, beide Hände fest um den Gehstock geklammert, Schiebermütze auf, kleine Augen hinter der Brille, hager vom Alter und von der Krankheit, und hinter ihm erblickt man die kleine Villa, in der er mit seinen Verwandten wohnt. Die Begegnungen mit dem Vater werden also unumgänglich, vor allem, wenn er auf einen kurzen Schwatz zu seiner Schwester Lina geht, mit der er immer noch eng verbunden ist. Und oft wird er von seinem Fenster aus gesehen haben, wie Don Stefano auf wackeligen Beinen durch den Garten ging, wird er die tief-greifende körperliche Veränderung dieses Mannes gesehen haben, der in seiner Erinnerung noch jung, tatkräftig und gewalttätig weiterlebt. Und andere Male wird er ihn eingeschlafen auf der Bank im Garten oder in einem eigens dorthin getragenen Korbsessel gesehen haben.

Er schlief einen ganz anderen Schlaf: einen Schlaf mit offenem Mund, den Schlaf eines müden und kranken Alten. Es schien als hätten die dünnen Lider nicht einmal mehr die Kraft, sich über den harten schmerzenden Äpfeln der verschleierten Augen richtig zu schließen. Die Nasenflügel zogen sich zusammen in der pfeifenden Anstrengung seines unregelmäßigen Atems, der die Herzkrankheit deutlich verriet.

Das selbe, ausgemergelte, spitz gewordene Gesicht… mit diesem Speichelfaden, der von der hängenden Lippe herunterhing… Was für eine Grausamkeit, was für ein grausames Schauspiel, dieser Schlaf eines Alten! Und auch in der unendlichen Misere dieses erschöpften, ver-wahrlosten Körpers lag die deutlichste Darstellung der neuen Wahrheiten, die sich ihm offenbart hatten.

Dieses Zitat stammt aus einer Novelle mit dem Titel Der Glaube (La fede), die 1922 als Band erschien.

Sie erzählt von einem jungen Priester, der fühlt, daß er

-250- seinen Glauben verloren hat und dies einem alten Priester mitteilen will, von dem er abhängig ist, aber er findet ihn schlafend vor. Und die neuen Wahrheiten, die sich ihm offenbart hatten, beziehen sich in der Novelle natürlich auf die Glaubenskrise des jungen Priesters. Doch hat der bittere Schlaf des alten Don Stefano seinerseits Luigi nicht eine neue Wahrheit geoffenbart? Das hatte ihm die Figur der Mutter ja bereits 1915 in der Unterhaltung gesagt:

Sieh die Dinge auch mit den Augen derer an, die sie nicht mehr sehen! Du wirst darüber einen leisen Kummer verspüren, mein Kind, der sie dir heiliger und schöner erscheinen läßt.

Und zuvor hatte sie über den Gatten erzählt:

Ich war damals schon siebenundzwanzig Jahre alt und hatte nicht mehr vor zu heiraten. Ich mußte es doch tun, weil er es wollte, der mein Herz durch sein angenehmes Äußeres und vor allem - in diesen Jahren des Aufruhrs - durch seine Begeisterungsfähigkeit bezwang, die ihr an ihm kennt, weshalb er noch jetzt, im Alter, jubelt und erschüttert wird wie ein Kind bei jeder Tat, die die Ehre des Vaterlandes vermehrt…

Und Luigi wird ihn ganz sicher vor Erschütterung weinen gesehen haben, da, in dem Garten, als die schönen Nachrichten über den siegreichen Krieg eintrafen. Ja, genau das: ihn ansehen und wieder ansehen, diesen Vater, vor allem ihn, wie etwas, das man mit anderen Augen betrachten muß: vielleicht mit den Augen, mit denen ein Autor eine mögliche Figur betrachtet. Wie es ja auch schon bei der Mutter der Fall war.

 

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