Der vertauschte Sohn

Andrea Camilleri · Kapitel 72 von 75

PDF-Seiten

Der vertauschte Sohn

Lächelnde Glückseligkeit

 

Im Sommer 1936 wird Luigi Pirandello in die Jury des Literaturpreises Premio Viareggio berufen (und es wird ihm gelingen, als Sieger den Namen von Riccardo Bacchelli durchzusetzen, der von den strenggläubigen Faschisten bekämpft wurde). Seine Nichte Linuccia erinnert sich in einem Brief folgendermaßen an Luigi:

»Onkel Luigi ist für den Premio Viareggio gekommen und wurde regelrecht gefeiert… Er war ziemlich unbeschwert und beinahe lebhaft: wir haben ein wenig von der Vertrautheit von einst wiedergefunden, und es waren Stunden voller Trost…«

Auch Raul Radice, Schriftsteller, Journalist und Theater-kritiker, sieht Pirandello in diesem Sommer 1936, wenige Monate vor seinem Tod, in Viareggio: »… er saß regungslos da und still, mit reglosem Blick auf den Wein im Glas und einer lächelnden Glückseligkeit auf den dünnen Lippen…«

Dieser Flash hat die Unmittelbarkeit und die Fähigkeit der Enthüllung, die die Bilder bestimmter bedeutender Fotografen haben. Er, der alte Herr, hat ein nur eben angedeutetes Lächeln auf den dünnen Lippen. Es ist nicht mehr das ironische, hämische Lächeln, das er in der Vergangenheit so oft aufgesetzt hatte, nein, es ist ein von der Glückseligkeit besänftigtes Lächeln, das Lächeln dessen, der, da die Stunde der Abschlußbilanz gekommen ist, weiß, ausgeglichene Konten vorweisen zu können. Bevor er diesen Ausgleich erreichte, hat er einen außer-ordentlich hohen Preis zahlen müssen: die Leugnung, die verzweifelte Ablehnung des eigenen Blutes. Doch als die Stunde der uneingeschränkten Anerkennung seiner selbst

 

-305- als Sohn, die Stunde der Wiedervereinigung kam, hatte er nicht mehr gezögert: er hatte alles getan, was getan werden mußte, er ist dem Weg des wiedergefundenen Vaters gefolgt, indem er seinen Fuß den schon vorge-zeichneten Spuren anpaßte, auch wenn diese Spuren oftmals zu Irrtümern führten. Er hat, bewußt wie unbewußt, die gleiche Gewalt ausgeübt wie Don Stefano, keine physische freilich, doch eine für seine Frau und seine Kinder ebenso zerstörerische. Die Überlagerung seiner Gestalt über die des Vaters war beinahe total, selten die nicht deckungsgleichen Ränder. Jetzt ist er alleine, er hat alles gegeben, was er als Mensch und Familienvater geben konnte, niemand kann ihm vorwerfen, er hätte sich geschont, er hat sogar auf die Liebe verzichtet, die als Geschenk zu ihm kam, wenn man möglicherweise nicht mehr in der Lage ist zu lieben. Alleine, vor einem Glas Wein. Wie Don Stefano in seinen letzten Lebenstagen im Garten des römischen Hauses, in der Sonne, die ihr Möglichstes tat, um seinen Blutkreislauf zu erwärmen.

 

Und die Welt ist ein Kreisen, das wiederkehrt, innen.

Ein Atemzug, und es vollzieht eine Umkehr.

Sicher ist es

Ein Kreisen klarer und dunkler Gedanken, das sich nie unterbricht. Nie kann man einstellen Das Kreisen der Dinge in uns.

 

Corrado Alvaro gibt uns ein Zeugnis, das sich auf dieselbe Zeit bezieht: »Das Spiel ist gespielt. Was geschrieben ist, ist geschrieben. Ich meine, einen ähnlichen Augenblick bei Pirandello wahrzunehmen.«

Wir könnten wohl hinzufügen: Was gelebt wurde, wurde gelebt. Jetzt beglücken, besänftigen, versöhnen der Wein,

 

-306- die Sonne, die Trägheit des Körpers auf dem Stuhl.

Ich habe immer alles erkannt.

Das schreibt er in einem Artikel, und er meint damit nicht nur die Städte, die Länder, die er gesehen hat, die Männer und Frauen, denen er begegnet ist.

 

-307-