Der vertauschte Sohn
Jenny
Der Karneval in Bonn wird mit einem großen Maskenball auf dem nach Beethoven benannten Marktplatz eröffnet. Luigi nimmt daran teil und beschreibt sich ironisch in einem Brief an die Schwester folgendermaßen:
Auch ich habe einen Domino getragen und ja, erschreckt nur! - auch ich habe getanzt oder besser gesagt: ich bin gehüpft oder noch besser gesagt: ich bin meinem maskierten Nebenmann auf die Füße getreten.
Aber es gibt nur wenig, worüber man sich erschrecken könnte: hochgewachsen, schlank und elegant wie Luigi war, mit seinem schönen Köhlerbart, seinen lebhaften, tiefen Augen, wird der Domino nur seine natürliche Faszination betont haben. Und dann muß da auch noch eine besondere Haltung gewesen sein, die Luigi allem gegenüber einnahm, was neu, anders und ungewöhnlich für ihn war, eine sehr wache Haltung, die niemals in eine mehr oder weniger oberflächliche Neugier verfällt, eine Fähigkeit, Männer, Frauen, Begebenheiten, Dinge in sich aufzunehmen, die keine Grenze kennt. Eine Haltung, die sich im Lauf der Jahre nicht verändert.
Eine notwendige Parenthese, um diesen Durst Luigis nach dem anderen, dem Unterschiedlichen zu ver-deutlichen. Gegen Ende des Sommers 1928 war Pirandello nach Deutschland gereist. Bis Ende 1930 bleibt er dann in Berlin, in einer Art freiwilligen Exils. Anton Giulio Bragaglia, der zu jener Zeit ebenfalls in Berlin war, erzählt folgendes:
»Abends sahen wir uns zum Essen im Restaurant Venezia, um uns dann gemeinsam ins Theater zu begeben
-146- und danach eines jener sonderbaren Cabarets des Berlin der Nachkriegszeit zu besuchen, in denen eigentümliche menschliche Phänomene gezeigt wurden. Er interessierte sich sehr für dieselben. Da er fließend Deutsch sprach, gelang es ihm, seltene Vertraulichkeiten aus gewissen jungen Männern herauszubekommen, die sich wie Frauen kleideten, mit langen echten gewachsenen Haaren und mit nackten weiblichen Hüften.
Er wollte darüber schreiben, deshalb erforschte er ihre eigentümliche Psychologie, die er dann in seinen eigenen Zauberspiegeln aufbewahren wollte.«
Und Corrado Alvaro schreibt zudem noch:
»Von Pirandello in Berlin bewahre ich ein ganz eigenes Bild auf; mit ihm befand ich mich an einem Abend des vergangenen Winters, mit sooo hohem Schnee, an einem der dreihundert Tische des Zoos, eines der unendlich vielen Tanzlokale der Berliner Kleinbürger. Die Fest-lichkeiten für das Jahresende standen bevor, und die auf-geheizten Frauen stürzten von einem Saal zum nächsten, um zu tanzen; einige hundert Mädchen, Angestellte und Verkäuferinnen brillierten in ihren modischen Uniformen. Den wunderbaren deutschen Zigarren gelang es nicht, die Luft mit dem überall verbreiteten Optimismus aufzu-pumpen… Pirandello trug immer seine bis zum Kinn hochgeknöpften Anzugswesten, die am gestärkten Kragen und der Krawatte aufhören, von grauer Farbe. Seine gesammelte, geometrische Gestalt von silberner Farbe hob sich von der roten Wandbespannung und Polsterung ab und wirkte an dem niedrigen Tisch wie eine wertvolle Büste auf einem Pedestal. Seine zusammengelegten Arme folgten der erweiternden Linie seines Kopfes, die mit dem Spitzbart zum Abschluß kam. Irgendwann versuchte ich mir vorzustellen, was ihm in einer Umgebung wie dieser durch den Kopf gehen könnte, und es kam mir vor, als
-147- würde er wie ein Puppenspieler zwischen seinen Schaus-pielern stehen; vor unseren Augen lag eine Szene aus ich weiß nicht was für einem Drama, einer jener Dramenaus-schnitte, die er so gerne über das tägliche Leben erfindet. Denn eines der Geheimnisse seiner Kunst besteht ja gerade darin: wie er, von regionaler Herkunft, in der Lage ist, die Spektakel des modernen Lebens herüberzubringen, indem er sie auf einen kleinstmöglichen gemeinsamen Nenner reduziert, und wie aus der bisweilen folkloristischen Realität der Schmetterling seiner Metaphysik aufflattert.«
Es besteht überhaupt kein Zweifel, daß das, was Bragaglia und Alvaro schreiben, teilweise stimmt, nämlich, daß dieses ganze Interesse den Endzweck des Schreibens hatte, aber ebenso richtig ist es, daß sein Interesse aus einer inneren, menschlichen Notwendigkeit des Erkennens kam, aus seinem unversiegbaren Bedürfnis, von der immer neuen und andersgestaltigen Realität durchdrungen zu werden. So anders wie er selbst.
»Nachts erschöpfte er sich nie, wurde nie müde. Er brachte fünf oder sechs Päckchen Xanthia-Zigaretten mit und rauchte ununterbrochen.«
Eine Maske in Blau, mit einem ungeheuer großen Strohhut hängt sich an seinen Arm und läßt ihn nicht mehr los, hält ihn fest an sich, um ihn in diesem Karnevals-gewühl nicht zu verlieren. Die Maske war nicht nur von der eleganten Gestalt des jungen Mannes im Domino fasziniert, sie fühlt sich wie angezogen, angesogen, absorbiert von seinen Augen, die die Teilnehmer an diesem Fest in ihren Haltungen, Handlungen, Bewe-gungen, in ihrem Lachen, Verhalten und Leben beobachten, suchen und beinahe verschlingen.
Um Mitternacht, der Stunde, in der man gewöhnlich die Masken abnimmt, war ich äußerst erstaunt, in meiner
-148- diabolischen Unbekannten eine der leuchtendsten Schön-heiten zu erkennen, die ich je gesehen habe.
Am nächsten Tag stattet er ihr, wie es Brauch ist, einen Besuch ab. Im Gespräch mit ihr tischt er die Geschichte auf, er würde sich für Malerei interessieren. Jenny, die mit Nachnamen Schulz-Lander heißt, verlangt ein Porträt von ihm. Luigi verspricht es und geht eilig Pinsel und Farben kaufen. Schon bei dieser ersten Begegnung wird Jenny ihm mit Sicherheit zu verstehen gegeben haben, daß sie sich gleich beim ersten Anblick in ihn verliebt hatte. Luigi ist darüber geschmeichelt, doch so weit wir wissen, gibt er nicht sehr viel zu erkennen. Und tatsächlich begibt er sich einige Tage darauf überstürzt nach Köln, wo der Karneval legendär ist.
Jahre später wird er genau hier in Köln, in den letzten Karnevalstagen eine Novelle ansiedeln, Der Sonnen-aufgang, in der die Hauptfigur, Gosto Bombichi, un-vorsichtigerweise eine Maske heiratet, die ihn provoziert hat, und am Ende über seinen Selbstmord nachdenkt.
Jedenfalls, der unbeschwerte Aufenthalt in Köln wird verdunkelt durch das Eintreffen eines Telegramms des Hausherren, Herrn Mohr, in welchem er ihm mitteilt, daß eine diebische Hausangestellte das Geld eingesteckt habe, das Luigi in Bonn zurückgelassen hatte. Den gesamten Monatsbetrag, der in einem Beutel war, den seine Verlobte, Lina, gestickt hatte. Luigi, der von dem Vorfall nichts wußte, hatte in Köln die zweihundert Lire verpraßt, die er für eine durch Ernesto Monaci in Italien ver-öffentlichte Übersetzung erhalten hatte. Als Luigi eilig nach Bonn zurückkehrt, entdeckt er, daß ihm auch ein paar Anzüge und eine schöne goldene Uhr fehlen. Und so bricht wenigstens für diesen Monat, ausgerechnet während der Ausgelassenheit des Karnevals, eine graue Fastenzeit über ihn herein.
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Die Freundschaft mit Jenny wird enger, auch wenn sie noch nichts Intimes hat. Doch Luigi ist gezwungen, sie zu verlassen, wieder geht es ihm schlecht, und Jennys Gesellschaft genügt ihm nicht. Er fühlt das Bedürfnis, einige Monate nach Sizilien zurückzukehren. Zuerst macht er Halt in Bologna, läßt sich von dem berühmten Murri untersuchen, der ihn anweist, das Studium für eine gewisse Zeit zu unterbrechen. Luigi gehorcht ihm und verbringt vier Monate im Landhaus in Caos.
Als er sich wieder besser fühlt, kehrt er nach Bonn zurück, als das Semester bereits zu Ende ging, und ich hatte gerade noch Zeit, mein Studienbuch unterschreiben zu lassen.
Aber es fällt ihm nicht leicht, das Studium wieder aufzunehmen, er ermüdet leicht. Da überzeugt ihn Jenny, in ihre Wohnung zu ziehen, zumal ihre Mutter ge-legentlich Studenten als zahlende Gäste aufnimmt. Auch in der Breite Straße 37, der Wohnung von Jenny, hat er zwei Zimmer, eines zum Schlafen und eines zum Studieren. Außerdem kümmert man sich dort besser um ihn.
Zu Jenny läßt Luigi nicht nur seine Habe transportieren, er bringt auch einen von ihm aufgelesenen streunenden Hund mit, Mob, der, eben weil er weiß, wie die Dinge im Leben laufen, gleich bereit ist, den Erstbesten als sein Herrchen anzuerkennen, der ihm ein Stück Brot gibt. Luigis Leben verläuft nun in ruhigeren, familiäreren Bahnen.
In dieser Umgebung, in der er Gastfreundschaft, Sorge, Ermunterung und Liebe gefunden hat, ist Luigi endlich auch in der Lage, seine Dissertation zu Ende zu bringen.
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