Der vertauschte Sohn
Der Zweikampf
Keiner der Verwandten oder Freunde und noch viel weniger Donna Caterina erzählt Luigi, was eigentlich vor sich geht, doch er spitzt die Ohren, doch er braucht nicht lange, erfahren wie er ist, um aus den immer geröteten Augen der Mutter, aus den aufgeschnappten, zwischen Onkeln und Tanten, Cousinen und Cousins halb ausgesprochenen Wörtern zu begreifen, daß sein Vater sich mit seiner früheren Verlobten eingelassen hat. Nun geht er Don Stefano nach, wenn dieser morgens das Haus verläßt, unter anderem hält sich der Vater mehr als sonst üblich in Palermo auf. Warum tut er das? Was will er denn noch weiter herausfinden als das, was alle anderen ohnehin schon wissen? Sicher will er etwas tun, das in gewisser Weise als Gegengewicht zu dem der Mutter zugefügten Affront angesehen werden soll, doch jetzt sucht er die Gelegenheit eines direkten Zweikampfes mit dem Vater, indem er eine Schwachstelle bei ihm ausnützt, um ihm zu sagen und spürbar vor Augen zu führen, daß er, Luigi, anders sei.
Und so entdeckt er, daß der Vater und seine Geliebte sich jeden Sonntagvormittag in dem kleinen, nur der Mutter Äbtissin des Klosters von San Vincenzo, einer Tante von ihnen, vorbehaltenen Parlatorium trafen. Sie gaben vor, ihr einen Besuch abstatten zu wollen, und die alte Äbtissin, die möglicherweise aufgrund ihrer verwandtschaftlichen Beziehung die zärtliche Intimität dieser Zusammenkünfte entschuldigte…
Alles entspricht der Wirklichkeit: Das Kloster war das von Origlione, und Mutter Francesca, die Äbtissin, war
-107- eine Tante von Don Stefano, eine hochgewachsene schöne Frau, die ganz sicher nicht, wie Gaspare Giudice bemerkt hat, zum Schlag der von Alessandro Manzoni ersonnenen Nonnen von Monza gehörte. In diesen Sonntagsbesuchen sah sie höchst wahrscheinlich nichts Böses, und doch mußte es wohl offenkundig sein, daß die beiden eine tiefere Beziehung miteinander hatten. Und ganz sicher sollten sie sich an einem noch geheimeren Ort des Parlatoriums treffen, wo im übrigen die Äbtissin hinter einem Sprachgitter immer mit ihnen sprach oder sich nur für wenige Minuten entfernte.
Eines Vormittags betrat Luigi ungesehen das Kloster und konnte das Verhalten der beiden Liebenden beobachten.
Sie fütterten sich, ein Bissen für dich, ein Bissen für mich, mit dem unschuldigen Gebäck der Abtei und tranken aus winzigen Gläsern den bellen Rosolio mit Zimmetessenz, ein Schlückchen für dich, ein Schlückchen für mich. Und lachten. Und auch die alte Tante Äbtissin… bekam sich hinter dem doppelten Sprachgitter gar nicht mehr ein vor Lachen.
Es ist ein Augenblick: dieses Gelächter trifft Luigi wie Messerstiche. Und wie eine Furie betritt er das Parlatorium. Doch Don Stefano hat gerade noch Zeit, sich hinter einem Vorhang zu verbergen, der zu kurz ist und die Schuhe frei läßt. Erschreckt hängt die Äbtissin wieder das Türchen ins Sprachgitter ein. Erst jetzt, beim Anblick des Jungen mit den Augen eines Irren, den sie gut kennt und von dem sie weiß, daß er der Sohn des Mannes ist, der sich versteckt hat, erst jetzt wird ihr möglicherweise ihr großer Fehler deutlich, daß sie nämlich Hilfe und Hort für eine ehebrecherische Liebe zur Verfügung gestellt hat. Als Luigi eintritt, ist die Frau, die einstige Verlobte, wie vom Schlag getroffen, vielleicht vor Schreck gelähmt, Tatsache ist jedenfalls, daß sie sitzen bleibt und ihn vollkommen
-108- verblüfft anstarrt, mit dem winzigen Glas Rosolio in der Hand.
Luigi bleibt vor ihr stehen, neigt sich mit dem Oberkörper ein bißchen nach hinten, dann schießt er nach vorne und spuckt ihr kräftig ins Gesicht. Danach wendet er sich ruckartig um und starrt auf den Vorhang, er wartet auf eine gewalttätige Reaktion des Vaters, doch die Schuhe bewegen sich nicht. Bevor er geht, dreht Luigi sich zu dieser Frau um, die Spucke klebte noch an ihrer Wange: ein unsicheres Lächeln, das beinahe eine fröhliche Überraschtheit ausdrückte, glänzte auf den Zähnen zwischen ihren roten Lippen. Und viel Leid dagegen, sehr viel Leid in ihren Augen.
Viele Jahre nach diesem Ereignis wird er in der Erzählung auf dem schmalen Grat der Erinnerung schreiben: unvermittelt und schön erschien ihm das Gesicht dieser anderen, mit der unauslöschlichen Erinnerung daran, wie sie ihn angesehen hatte…
Es ist nicht nur die zeitliche Ferne, die die Erinnerung sanfter macht, Tatsache ist auch, daß Luigi die Vaterfigur im Lauf der Zeit einer leidvollen, schmerzhaften Revision unterzogen hat.
Von diesem Tag an hatten die beiden, wie Nardelli schreibt, nur noch vereinzelte, sehr flüchtige Kontakte. »Zwischen Vater und Sohn senkte sich ein beharrliches, fernes Schweigen.«
Jedenfalls erwähnte Don Stefano bei seiner Rückkehr nach Hause dem Sohn gegenüber mit keinem Wort das Ereignis vom Vormittag. Einige Biographen erzählen hingegen, daß Don Stefano seine Wut an seiner Frau ausließ und sie blutig schlug, und wenn es so gewesen ist, findet der Zweikampf zwischen Vater und Sohn auf maskilistische Weise statt, mit jeweils einer Frau zwischen ihnen, und die
-109- beiden sind es, die dafür bezahlen, die eine bespuckt, die andere verdroschen. Doch ich glaube, daß Don Stefano mit seiner Frau nicht einmal darüber gesprochen hat, denn hätte er es, hätte er bezahlen und die ganze Sache wieder neu aufheizen müssen. Niemand hatte letztendlich ein Interesse daran weiterzuerzählen, was im Parlatorium vorgefallen war, vor allem nicht die Äbtissin.
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