Der vertauschte Sohn

Andrea Camilleri · Kapitel 23 von 75

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Der vertauschte Sohn

Palermo - Porta Di Castro

 

Don Stefano weiß, wie er seine Geschäfte machen muß und verdient gut. Er hat eine Familie, der er es an nichts mangeln läßt. Doch eines schönen Tages schließt er einen Pakt mit Bellavia und Contino ab, Verwalter einer Schwefelmine im Inneren der Insel, die sich als wortbrüchig erweisen: nachdem sie von Don Stefano einen beachtlichen Vorschuß erhalten haben, erklären sie ein paar Tage darauf den Bankrott. Don Stefano, der formal ihr Gesellschaftspartner ist, verliert alles Geld, das er hat, annähernd sechshunderttausend Lire nach damaligem Wert, eine gigantische Summe. Die Familie Pirandello stürzt ins Elend, an manchen Tagen fehlt gar das Geld, um etwas zu essen zu kaufen. Da wendet sich Don Stefano an den ältesten Bruder, jenen Felice, der sich durch Betrug das gesamte väterliche Vermögen angeeignet hat, und bittet ihn um Hilfe. Das ist ein Schritt, den er ganz sicher nicht mit Begeisterung tut: Felice überträgt Stefano die Geschäftsführung eines Schwefellagers in Porto Empedocle. Theoretisch hätten die Pirandellos also weiterhin in der Via San Pietro in Girgenti wohnen bleiben oder schlimmstenfalls wieder nach Porto Empedocle umziehen können. Doch Felice verlangte, daß der Bruder sich wöchentlich nach Palermo begeben sollte, um ihm so etwas wie einen systematischen Bericht über den Gang der Geschäfte zu erstatten. Daraufhin entscheidet Don Stefano, sich mit seiner gesamten Familie in Palermo niederzulassen.

Er mietet das Erdgeschoß einer zweistöckigen kleinen Villa in der Via Porta di Castro, hinter dem Königlichen Palais, in der arabischen Galka (alhalqah bedeutet im Arabischen ›Stadtmauer, Umfriedung‹), also im Herzen

 

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der Stadt.

Für den dreizehnjährigen Luigi ist der Umzug traumatisch.

Er sah sich wieder als kleiner Junge, wieder an der Hand der Mutter, all diese abschüssigen Gassen hinauf-geschleift und heruntergeschleift werden, Gassen, die mit Flußsteinen gepflastert waren wie Betten von Wildbächen und alle im Schatten lagen, eingeengt von Häusermauern gleich vor einem, Gassen mit einem bißchen Himmel, den man in ihrer Enge sehen konnte, sich dabei den Hals verrenkte und ihn dann doch nicht zu sehen bekam…

Von den abschüssigen Gassen Girgentis in das Palermo, wie es sich Donna Mimma darstellt, einer seiner Theaterfiguren:

Das eine Piazza? Wieviel Grandezza!… Zwischen all diesen Palais Albträume von riesenhaften, lampen-durchlöcherten Schatten, eine Piazza geblendet von Umtriebigkeit unten, von gefährlichem Spiel, und oben von so vielen Lichterstreifen, Girlanden, Lichterketten auf langen, geraden, endlosen Straßen, mitten in dem Gewühl von Menschen, die hier und da zu ihnen hochspringen, ganz plötzlich, feindlich, und der Höllenlärm, der von allen Seiten über sie hereinbricht, von Wagen, die eilig davonbrausen…

Doch der junge Luigi hat seine Oase im Garten gefunden, der die schöne, verborgene Villa umgibt, in die er mit seiner Familie gezogen ist. Auf der oberen Etage wohnen die Eigentümer, wohlhabende, freundliche Leute, mit denen die Pirandellos sich anfreunden. Sie haben eine kleine Tochter, die während der Schulzeit ein von Nonnen geführtes Pensionat besucht, in das die Töchter der Großbourgeoisie von Palermo gehen: sie heißt Giovanna und ist fast elf. Sie ist sehr schön, sehr anmutig, sie bewegt

 

-87- sich mit Eleganz, ganz den Verhaltensunterweisungen entsprechend, die sie im Pensionat erlernt.

 

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