Der vertauschte Sohn
Die Beiden Krankheiten
Lange wird Professor Monaci auf Nachrichten seines ehemaligen Studenten Pirandello aus Sizilien warten, der ganze Sommer wird vergehen und es wird Mitte September 1889 werden. Tatsache ist, daß Luigi gleich nach seiner Rückkehr in den Kreis der Familie erkrankt: es handelte sich, schreibt er später an Monaci, um eine Krankheit, die ihn an den Rand des Todes brachte: eine schwere Form von Endocarditis, von Herzklappenent-zündung.
Möglicherweise ist die Krankheit eine Folge der Anhäufung von Anspannungen, von dem, was man heutzutage Streß nennt.
Im Januar desselben Jahres beginnt bereits seine Cousine Lina, offiziell immer noch Luigis Verlobte, an einer Krankheit zu leiden, die bei ihr häufig hysterische Anfälle hervorruft.
Die junge Frau ist längst davon überzeugt, daß »ihr Luigi« sie niemals heiraten wird. Um sie auf andere Gedanken zu bringen, laden die Pirandellos sie zu sich nach Porto Empedocle ein, doch die Einladung bewirkt genau das Gegenteil: Tag für Tag im Haus ihres Verlobten zu wohnen, in jedem Buch, in jedem kleinsten Gegenstand Luigis Spuren zu entdecken, läßt Lina in immer tiefere Depressionen versinken. Donna Caterina bittet ihren Sohn, für eine Woche nach Sizilien zu kommen und sich mit Lina zu treffen. Luigi tut es nur sehr ungern. Dann, nachdem er seiner Pflicht nachgekommen ist, flüchtet er wieder nach Rom. An die Schwester schreibt er:
Die letzte Illusion, die mir verblieben war, ist dahin: die
-136- Liebe. Nein, nein… ich liebe nicht mehr, ich kann es nicht, es gelingt mir nicht, so sehr ich mich auch dazu verstehen möchte, es gelingt mir nicht mehr, diese bedauernswerte kranke Lina zu lieben. Als Schwester, als meinen Nächsten, das schon - als Verlobte nein, nein, niemals mehr… Ach, was für Szenen mußte ich mir ansehen, ach, was für schreckliche Worte mußte ich mir von ihr anhören (ich vergehe vor Scham und Kummer allein beim Gedanken an sie), ach, was für Handlungen, was für Fertigkeiten habe ich gesehen… Zerrissenes Herze mein… Das dicht geknüpfte Netz der Illusionen, die die Liebe bilden, und die nur ein kräftigerer Hauch als der sonst gewohnte in der Lage ist aufzulösen, das schöne, überaus zarte Netz ist völlig zerrissen… Was bleibt mir? Oh, wieviel besser wäre es gewesen, würde sie mir gestorben sein!
Dieser Brief strotzt nur so von Heuchelei. Was wird die bedauernswerte kranke Lina ihm schon so Entsetzliches gesagt haben, daß der schamvolle Luigi vor Scham ver-geht? Sie wird ihm mit Sicherheit die Entfernung vorge-halten haben, die Gleichgültigkeit, die Nichteinhaltung des gegebenen Wortes, die Schwindelei, vor allem diese, zu der Luigi gegriffen hat, um nach Rom zu gehen, unter dem Vorwand, schnell sein Studium abzuschließen, um sie dann gleich heiraten zu können. Doch mit jesuitischer Fertigkeit werden Linas Gründe in diesem Brief zu Linas Sünden.
Himmel nochmal, ein bißchen Anstand! scheint Luigi aus der Tiefe des zerrissenen Herzens sein zu schreien.
Als er im Sommer desselben Jahres nach Porto Empedocle zurückkehrt, hat Luigi bereits beschlossen, zwischen sich und Lina noch wesentlich mehr Kilometer zu legen als zwischen Palermo und Rom. Kaum ist er genesen, macht er sich nach Bonn auf.
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Und die Krankheit wird ihm während des Aufenthalts in Porto Empedocle als Alibi gedient haben, um sich gegen-über seinen Verwandten nicht zu der Verlobung mit Lina äußern zu müssen. Die Cousine ist in den Augen aller Luigi inzwischen ›versprochen‹, auch wenn er sie nicht mehr liebt, und der Tradition entsprechend hätte er sich in die Ehe flüchten müssen. Doch Luigis Taktik, die sich letzten Endes als erfolgreich erweist, ist die, die Lage dermaßen brandig werden zu lassen, daß am Ende nur noch eine Amputation hilft.
Die Krankheit enthebt Luigi auf freundliche Weise noch einer anderen Pflicht: nämlich der, Don Stefano ins Schwefellager im Hafen begleiten zu müssen. Der Anblick dieser infernalischen Tätigkeit würde ihn peinigend daran erinnern, daß er sich, eben wegen seiner Liebe zu Lina, die er jetzt von sich stößt, in diese Hölle hinabgelassen und damit seine so hart erkämpfte Wesenseigentümlichkeit als vertauschter Sohn verraten hat.
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