Der vertauschte Sohn
Die Universität
An der Sapienza, der römischen Universität, läßt Luigi sein Studium der Rechtswissenschaften sausen und schreibt sich ausschließlich für Literaturwissenschaft ein. Wenn er sich in Palermo noch für beide Fächer eingeschrieben hatte, war das zum Teil sicher auch Don Stefano zuzuschreiben, der es sich so in den Kopf gesetzt hatte und immer die Hoffnung hegte, daß sein Sohn sich in den Jahren nach dem Studium bei den Geschäften mit dem Schwefel an seiner Seite finden würde, und sei es auch nur als Rechtsberater.
Doch was für ein vertauschter Sohn wäre er, wenn er auch auf Entfernung den Anweisungen seines NichtVaters Folge leisten würde? Daher: Weg mit Jura. Doch es ist auch nicht so, daß in der Literaturwissenschaft alles eitel Freude gewesen wäre. Der einzige Professor, zu dem Luigi ein gutes Verhältnis entwickelt, ist der Romanist Ernesto Monaci. Ansonsten gefällt ihm dieses Gebiet sehr. Der Professor für Latein war der Verehrte Onorato Occioni, großer Bart, Rektor der Universität. Sein Schüler Gabriele D'Annunzio hat geschrieben, daß Occioni eine »volltönende Lehrkunst« vortrug, was in einfachen Worten wohl bedeutet, daß seine Rhetorik unerträglich gewesen sein muß. Und da ist noch etwas: in einem Brief an seine Familie beurteilt Luigi diese Vorlesungen als allenfalls tauglich für Schüler der oberen Gymnasialklassen.
Und dann kam es zu der verhängnisvollen Auseinander-setzung. Eines Tages übersetzt Professor Occioni eine Komödie von Plautus. Dabei unterläuft ihm ein grober
-133- Fehler. Das kann zwar jedem passieren, aber man weiß, daß Studenten gegenüber ihren Professoren besonders grausam sein können, sie lassen auch nicht das Geringste durchgehen. Nun muß gesagt werden, daß Occioni sich gleich darauf seines Irrtums bewußt wird und versucht, ihn zu verbessern. Aber da ist es schon zu spät. Ein junger Priester, der gleich neben Luigi in der ersten Bank sitzt, gibt seinem Studienkollegen einen Stoß mit dem Ellbogen, um Occionis Fehler damit zu unterstreichen, und feixt los. Wahrscheinlich versucht er nicht einmal, dieses Feixen zu unterdrücken. Als Occioni die Störung bemerkt und sie als Hänselei versteht, wird er beinahe wahnsinnig.
Er steigt vom Katheder, verprügelt den jungen Priester mit einem Stock wie einen Hund, achtet allerdings sehr genau darauf, daß er den Grund für seinen Zorn nicht preisgibt. Denn wenn der eine oder andere Student den Fehler nicht bemerkt hat, besteht ja kein Anlaß, daß er sie darauf aufmerksam macht.
Bis zu diesem Augenblick war Luigi nicht in die Auseinandersetzung zwischen dem Professor und dem jungen Priester hineingezogen worden. Er hat sich durchaus als unbeteiligt bezeichnen können, hat nicht an dem Handgemenge teilnehmen müssen, denn er hat ja nichts weiter als einen Stoß mit dem Ellbogen bekommen und auch erwidert, aber er hat nicht über Occionis Fehler gelacht. Aber da nun läßt ihn die impulsive Seite in ihm aufspringen, diese Seite gehört eindeutig zu Don Stefano und wohl weniger zum vertauschten Sohn. Er springt auf wie eine dieser Puppen, die auf ihrer Spiralfeder hervorschießen, wenn man den Deckel von der Schachtel nimmt. Vor den Mitstudenten, die ihm erstaunt zuhören, obwohl Occioni versucht, ihm das Wort abzuschneiden, indem er ihn überbrüllt, erzählt Luigi in allen Einzelheiten, wie sich die Dinge zugetragen haben, wirft dem Professor
-134- Heuchelei vor, weil er nicht zugeben wolle, daß alles mit seinem Übersetzungsfehler angefangen hat. Dann, als er ausgeredet hat, verläßt er den Lehrraum. Occionis Wut verändert das Ziel, sie richtet sich jetzt ganz gegen Luigi. Das Ende der Geschichte war, daß nach der Zusammen-kunft des Fakultäts- und des Disziplinarrats der junge Pirandello von der Universität flog.
Luigi entschloß sich, Professor Monaci um Rat zu fragen. Dieser riet ihm in Anbetracht der Neigungen seines Schülers zu dem Studium der Romanistik, und nach Bonn zu gehen, wo Professoren lehrten, die in diesem besonderen Fach die bedeutendsten waren.
Nach Deutschland fahren zu können, bedeutete für Luigi, daß er sich unvermeidlicherweise zwei Demütigungen aussetzen mußte, zum einen der, dem Vater mitzuteilen, daß er von der Universität geflogen war, zum anderen der, ihn um eine beträchtliche Erhöhung des monatlichen Betrages zu bitten.
Er muß also zu seiner Familie nach Sizilien zurückkehren und seinem Vater von Angesicht zu Angesicht gegenübertreten.
Diese Begegnung würde in jedem Fall schwierig sein. Sciascia hat im Hinblick auf Giuseppe Antonio Borgeses Befürchtung, der Vater würde ›ihn einseifen‹, geschrieben, daß »in einer sizilianischen Familie, und zwar bis zum Beginn unserer Kindheit und Jugend noch, an eine Vertraulichkeit mit dem Vater überhaupt nicht zu denken war«. Daher stelle man sich den Ton des Gesprächs zwischen Luigi und Don Stefano vor, nachdem zwischen ihnen vorgefallen war, was vorgefallen war.
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