Der vertauschte Sohn
Der Schwefel
Um die Vereinbarung mit der Familie der Verlobten zu erfüllen, reist Luigi im Sommer 1886 nach Porto Empedocle, um mit seinem Vater zusammenzuarbeiten. Das ist das Jahr, in dem nahezu dreihundert Tonnen Schwefel aus 271 funktionstüchtigen Minen im Insel-inneren in dem kleinen Hafen verschifft werden. Der Abbau des Schwefels, seine Bearbeitung und der Handel mit ihm war eine wirklich bestialische Arbeit. Nach drei Monaten mühevoller Tätigkeit gelangt Luigi zu der Einsicht, daß diese diabolische Welt aus Schwefel nur ungute Gedanken hervorbringen kann. Und über diese Erfahrung wird er noch lange in Novellen und Romanen schreiben. Ich will hier keine entsprechende Stelle aus dem Werk Pirandellos zitieren, vielmehr möchte ich einen Abschnitt aus einer Abhandlung über Porto Empedocle von Alfonso Marullo folgen lassen, der lange Bürger-meister des Ortes und fast gleichaltrig mit Pirandello war: nur um eine entfernte Vorstellung von der Hölle zu geben, in die hinabzusteigen Luigi aus Liebe bereit war und damit auf die so schwer erlangte Identität des vertauschten Sohnes verzichten wollte.
»Auf knappem Raum ein brodelndes Gewimmel von Menschen, von Fuhrwerken, von Stegen. Jedes Fuhrwerk trifft auf seine Gruppe Männer, jeder Mann auf sein Boot, jedes Boot auf sein Schiff, für das der Schwefel bestimmt ist. Ein undurchdringliches Gewühl, dessen Geheimnis man unmöglich erklären kann: es sind dicht an dicht hin-gleitende Boote, zwischen denen die Männer un-unterbrochen wogenartig herumwimmeln. Fuhrwerke, die ankommen und wieder abfahren, ein Durcheinander von Stimmen, bei dem jeder auch noch den Wind und das
-123- Meer zu übertreffen scheinen will: das ist ein fiebernder Wirbel! Wer reguliert die Arbeit an diesem Ort? Wer schützt in diesem Zentrum hitziger Tätigkeit, das nur Gott selbst durchdringen kann, die unterschiedlichen Interessen, die dort aufeinanderprallen? Dieser Schutz ist dort nur etwas Vorgetäuschtes… Doch wenn der Verkehr, der sich in Porto Empedocle beim Be- und Entladen ent-faltet, völlig neugestaltet werden muß, um mit der Würde der Arbeit wieder in Einklang gebracht zu werden, dann ist das, was die Träger im Hafen vollbringen - ich kann es nicht anders bezeichnen - ein Affront des Empfindens menschlicher Solidarität. Sie sind Alte, Junge, Kinder sogar, gebeugt unter der Last, die sie auf ihren Schultern tragen. Der erste, der die Reihe anführt, ist im allgemeinen der Willigste; er nähert sich den Lastenwuchtern, von denen er seine Ladung bekommt: in den ersten Korb, in den zweiten, in den dritten… Ein Rucken und Schütteln in den Schultern, um die statischen Bedingungen eines Lasttiers anzunehmen und dann… los, im Laufschritt, immer gleich, wie beim Rhythmus einer Musik, der sich durch lange Hörgewohnheit im Ohr festgesetzt hat. Auf den ersten folgt ein zweiter, auf den zweiten ein dritter, und dann zehn, zwanzig, Hunderte, verteilt über die gesamte Ladestrecke und über den ganzen Tag, wie Schußspulen eines Webstuhls, von der Laufwaage oder dem Fuhrwerk zum Boot und wieder zurück, ohne je eine Klage, sich Mut zusprechend, sich schubsend, manchmal auch herumalbernd.«
Luigi steht an der Laufwaage, wiegt den Schwefel ab, der in den Korb kommt, und führt darüber Buch. Er darf sich keinen Augenblick ablenken lassen, er steht un-unterbrochen neben der Waage unter einer erbarmungs-losen Sonne, inmitten lautstarker Stimmen, Flüche und Verwünschungen. Wenn er abends nach Hause kommt,
-124- hat er nicht einmal mehr Lust, die Kleider zu wechseln oder sich zu waschen, gelb vom Schwefel wie er ist, muß er sich in einem Sessel erst einmal ausstrecken, wieder zu Atem kommen und wenigstens ein bißchen von der Anspannung und Müdigkeit abschütteln.
Im Hafen beobachtet Don Stefano, wenn er kann, seinen Sohn, schaut ihm zu, wie er sich verhält, und gelangt mehr und mehr zu der Einsicht, daß das alles nichts für ihn ist, sein Sohn ist für diese Arbeit, für dieses Leben der Verdammten nicht geschaffen. Und Luigi weiß seinerseits nicht so genau, ob er wegen dieser Niederlage nun weinen oder sich freuen soll, denn einerseits ist sie zwar ein offenkundiger Beweis für seine Existenz als vertauschter Sohn, andererseits aber könnte sie auch die endgültige Loslösung von Lina bedeuten.
Es sind drei entscheidende Monate für Luigis Zukunft. Sciascia hat darüber geschrieben: »Ohne das Abenteuer des Schwefelhandels hätte es das Abenteuer des Schreibens, des Erzählens nicht gegeben.«
Und Gaspare Giudice: »Hier, in Porto Empedocle, mißt Pirandello mit neunzehn Jahren die eigene Teilnahms-losigkeit an den praktischen Unternehmungen der Welt, an der konkreten Eigenschaft der Dinge in ihrer ganzen Tiefe aus.«
Die Lage, in die Luigi sich gebracht hat, läßt keinen leichten Ausweg erkennen. Den wird ausgerechnet Don Stefano finden, der mit Sicherheit eine Übereinkunft mit Linas Vater gefunden hat. Luigi wird sich an der Universität immatrikulieren, und wenn er erst einmal promoviert hat, dann soll er auch heiraten dürfen. Mit seinem Geld steht Don Stefano, der inzwischen wieder zu Vermögen gekommen ist, für den guten Ausgang dieser gesamten Angelegenheit ein. Linas Familie stimmt dem zu, und so hat Luigi konkret nichts mehr mit Schwefel zu
-125- tun und kann wieder dem geliebten Rascheln des Papiers seiner in Palermo zurückgelassenen Bücher zuhören.
Sein Vater hat ihm gesagt, er solle sich in Jura einschreiben, und Luigi folgt prompt, schreibt sich aber auch in Literatur ein.
Doch fast unmittelbar nach seiner Rückkehr beginnt die Krise mit Lina.
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