Der vertauschte Sohn
Die Fundamentierung
In der neuen Wohnung in der Via Borgo, gegenüber der Kirche der Heiligen Lucia, widmet sich Luigi intensiv dem Lernen, allerdings nicht dem für die Schule. Sein Sohn Stefano wird darüber schreiben:
›Er übersetzte für sich das gesamte Werk eines lateinischen Autors, von dem man in der Schule gerade einmal ein Buch durchnahm… Zwischen seinem dreizehnten und achtzehnten Lebensjahr führte er seine Aufgabe zu Ende, die darin bestand, unmittelbare Bekanntschaft mit Texten der griechischen, lateinischen und italienischen Literatur zu schließen.‹
Und noch einmal ist es der Sohn Stefano, der erzählt, daß Luigi, ohne der Mutter etwas davon zu sagen, in dem Augenblick, als er zu Bett ging, die Matratze vom Bett nahm und sich auf die Holzplanken legte, weil es ihm so schwerer fiel einzuschlafen und er noch lange, beim Schein einer Kerze, weiterlesen konnte. Einige dieser Lektüren hatte er nur widerwillig auf sich genommen, fühlte sich aber verpflichtet, über sie Bescheid zu wissen, und er las sie immer zu Ende.
Auch Dichter verschlingt er, die Romantiker des 19. Jahrhunderts, Giosué Carducci, Arturo Graf.
Sein Sohn Stefano hat durchaus richtig gesehen, wenn er schreibt, daß Luigi die sich selbst gestellte Aufgabe zu Ende führen wollte, die allerdings nicht darin bestand, unmittelbare Bekanntschaft mit den Klassikern zu schließen. Diese dienten ihm als feste, sichere Grundlage für etwas wesentlich Ehrgeizigeres: er wollte Dichter werden, »sich die Gestalt des Dichters anverwandeln«,
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wie Gaspare Giudice schreibt.
Und er macht sich daran, Gedichte zu schreiben. Aus dieser Zeit sind viele erhalten, in Heften mit der Aufschrift Prime Note (Erste Meinungen) und Nuovi Versi (Neue Gedichte).
Aber warum ›sich diese Gestalt anverwandeln‹? Hier wird nur eine Vermutung geäußert, aber vielleicht hat Luigi seine Genesung von der tödlichen Krankheit als die neue Geburt, das Erscheinen in der Welt - doch diesmal als eigene Entscheidung - des vertauschten Sohnes aufge-faßt. Jetzt muß das, was seine innere, seine heimliche Überzeugung war, den anderen deutlich gemacht werden, die seine Alterität zur Kenntnis nehmen müssen. Ein Dichter ist unendlich weit entfernt von einem Schwefel-händler und unendlich anders als dieser. Dieser Vorsatz war ihm möglicherweise nicht in aller Deutlichkeit bewußt, lag aber mit Sicherheit in einem Teil seines Herzens verborgen.
Und ebenso peinlich genau wie stolz notiert er in seinen Heften, daß Der Traum des Umherirrenden in einem Kulturzirkel in Palermo vorgelesen wurde, daß das Sonett Getrocknete Blumen in der Zeitung ›Sogni e fiori‹ (Träume und Blüten) erschienen ist, und daß seine erste Novelle mit dem Titel Die Laube in der ›Gazzetta del Popolo‹ in Turin erschienen ist. Luigi ist gerade siebzehn Jahre alt.
Diese Anerkennungen befriedigen nicht nur seinen persönlichen Stolz, sondern sind auch die öffentliche Beurkundung für die erfolgte Fundamentierung des vertauschten Sohnes.
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