Der vertauschte Sohn
Der Vergleich
Im übrigen war Don Stefano ja bereits eine Theaterfigur in den drei Akten von Das Recht der anderen (La ragione degli altri), in denen es um die Beziehung des Vaters mit der Cousine und früheren Verlobten ging. In der Wirklich-keit war diese Episode unauflösbar mit einer Handlung verbunden: der nämlich, daß Luigi der Geliebten des Vaters ins Gesicht gespuckt hatte, während sich der Vater hinter einem Vorhang versteckt hielt und man nur seine Schuhspitzen erkennen konnte. Jetzt geht es darum, diesen Vorhang aufzureißen, den ins Scheinwerferlicht zu stellen, der sich hinter dem Vorhang verbirgt, ihn als Theaterfigur neu zu gestalten, und zwar nicht mehr mit dem damals beleidigten Blick des Sohnes, sondern mit dem des Autors, einem anderen Blick. Doch um das zu tun, ist keine lange, eingehende Beobachtung notwendig, sondern ein ständiger, ein täglicher Vergleich. Und es ist ein Vergleich, der sich auf zwei Ebenen entwickelt: einmal der realen des alten Vaters und der Ebene Luigis, der seinerseits Vater ist, und der des Gedächtnisses, der Erinnerung, als Luigi ein Sohn war, der sich als solcher aber nicht hatte annehmen wollen, sondern sich als vertauschter Sohn verstand.
Aus diesen Jahren stammt eine Novelle mit dem bezeichnenden Titel Wenn man begreift (Quando si comprende). Sie spielt in einem Eisenbahnabteil, es ist ein Dialog zwischen einem Elternpaar, das Abschied von seinem Sohn nimmt, der in den Krieg zieht, und den anderen Reisenden. An einem bestimmten Punkt sagt einer von diesen:
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Die Söhne kommen, nicht weil wir sie wollen, sondern weil sie kommen müssen; sie wollen das Leben; und nicht nur das ihre, sondern auch das unsere wollen sie. So steht es! Und wir sind für sie da, nicht sie für uns. Und wenn sie zwanzig sind, ach, dann sind sie genau so, wie ich und Sie mit zwanzig waren. Da war unsere Mutter; unser Vater; aber da waren auch viele, viele andere Dinge, die Laster, das Mädchen, die neuen Krawatten, die Illusionen, die Zigaretten…
Und wir sind da für sie; nicht sie für uns: die Wahrheit dieser Feststellung hat er selber hart erfahren. Er hat sich so sehr eingesetzt, daß er fast seine Würde eingebüßt hätte, nur damit Stefano aus dem böhmischen Konzen-trationslager befreit würde; er hat sich in den Augen eines Generals beinahe lächerlich gemacht, um zu Gunsten seines Sohnes Fausto Protest zu erheben; er hat Lietta ins Exil schicken müssen, um sie vor dem wilden Zorn ihrer Mutter zu bewahren… Doch was hat er erreicht? Bereits jetzt ist er gewahr, daß Fausto es immer verstehen wird, eine gewisse Distanz zwischen sich und den Dingen, die er tut, zu legen, und zwar sowohl als Mensch wie auch als Maler, ganz abgesehen von seiner Kindesliebe; er weiß, daß Lietta bereit ist, ihn zu verlassen, weil sie das Exil als ungerecht empfindet, zu dem er sie gezwungen hat. Und Stefano, hat er die Ratschläge befolgt, die er ihm per Post hatte zukommen lassen, vor allem den, nicht nachzu-denken? Oder ist etwa dieses aufdringliche, liebevolle Vatergefühl, das nicht nur in den Handlungen, sondern möglicherweise auch in den Gedanken der Kinder stets gegenwärtig ist, eine Form der in ihrer Substanz zwar ähnlichen, aber in ihrer Form andersartigen Gewalt, die Don Stefano gewohntermaßen in seiner Familie ausübte?
Fragen, Zweifel, Sprachlosigkeit.
Und immer wieder kehrt die Schlüsselepisode in seine
-253- Erinnerung zurück, die den Bruch mit dem Vater bezeichnete, als er ihn mit der Geliebten überraschte. »In ihm blieb ein stilles bekümmertes Bewußtsein von Schuld und Gewissensbiß zurück«, schreibt Gaspare Giudice. Und als Pirandello in der 1923 geschriebenen Novelle Rückkehr auf diese Episode zurückkommt, sagt er, daß er sich seit langem schon von dem geheimen Gewissensbiß geplagt fühlte, den Vater verlassen zu haben… ohne sich darauf einzulassen.
Und jetzt, wo er ihn jeden Tag vor sich sieht, in diesem schlimmen Zustand, bis wohin reicht da das Unbehagen, das »stille bekümmerte Bewußtsein«?
Und dann vor allem: Wieso riß der damals vierzehn-jährige Luigi den Vorhang nicht auf, sondern begnügte sich lediglich, die Frau anzuspucken? Das wäre doch so leicht gewesen und auch logisch und natürlich, zumal er doch so angewidert war und ein Opfer der grausamen Unnachsichtigkeit der Jugend.
Tat er es nicht, um dem Blick seines Vaters nicht begegnen zu müssen? Warum sollte der vom Vorhang verborgene Körper ohne Gesicht bleiben, das sich auf ewig dem Gedächtnis einprägen würde? Spürte er schon damals, daß eines Tages die Stunde der Vernunft kommen würde, die Stunde, wenn man begreift?
VATER: Für mich liegt das Drama darin, Herr Direktor: mir ist bewußt, daß jeder von uns sich für »Einen« hält, aber das stimmt nicht. Er ist »Viele«, Herr Direktor, »Viele«, entsprechend all den Möglichkeiten des Seins, die in uns liegen. »Einer« für diesen, »Einer« für jenen - und alle völlig verschieden! Und dabei bewahren wir uns die Illusion für alle immer »Einer« zu sein, und zwar stets dieser »Eine«, für den wir uns bei jeder unserer
-254- Handlungen halten. Das stimmt aber nicht! Das ist nicht wahr. Und das wird uns klar, wenn wir durch einen unglücklichen Zufall plötzlich an irgendeiner unserer Handlungen wie angekettet und aufgehängt sind. Das heißt: wir erkennen, daß diese Handlung nicht unser ganzes Wissen ausdrückt und daß es daher eine fürchterliche Ungerechtigkeit wäre, uns allein nach ihr zu beurteilen, uns an ihr angekettet und aufgehängt am Pranger stehen zu lassen für die Dauer einer ganzen Existenz, als ob die in dieser einen Handlung bestünde.
Das ist die Kernaussage des Vaters in Sechs Personen suchen einen Autor (Sei personaggi in cerca d'autore). Gewiß, die Beweggründe, die die Aufhebung der Vaterfigur notwendig machten, waren zahlreich, aber es besteht kein Zweifel: der Kernpunkt ist darin zu erblicken, daß Luigi den Vater in dem Augenblick sprachlos und in der Schwebe gehalten hat, als er ihn mit der Geliebten überraschte. Und gleich nach dieser Passage bringt der Sohn (der hier teilweise Luigi selbst ist) wieder seine Nicht-Verwandtschaft mit der Familie vor, sein Anders-sein, sein Vertauschtworden-Sein, wie er damals noch glaubte:
SOHN: (gereizt) Laß mich in Ruhe. Ich habe damit nichts zu tun!
VATER: Wieso nicht?
SOHN: Ich habe nichts damit zu tun und ich will nichts damit zu tun haben. Du weißt genau, daß ich nicht dazu da bin, hier mit euch zu erscheinen.
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