Der vertauschte Sohn
Das Verfluchte Jahr 1903
Die Vermutungen Calogero Portolanos hinsichtlich der Unüberlegtheit bestimmter Spekulationen von Don Stefano, die Luigi abgetan hatte, erweisen sich alle als richtig. Don Stefano hatte eine große Schwefelmine in der Umgebung von Aragona gepachtet, das nur wenige Kilometer von Girgenti entfernt lag. Die Mine, deren Maschinen und sonstige Ausrüstung er mit dem Einsatz seines gesamten Vermögens erneuert hatte, lief anfangs gut. Dann überflutete sie ganz plötzlich (es könnte auch sein, daß sie in Brand geriet - wie auch immer, sie wurde zerstört und verursachte Tote, Ruin, Trostlosigkeit allenthalben) und die Schadensschätzung überstieg den Betrag von vierhunderttausend Lire. Das war das Ende. Und Don Stefano schrieb das alles an seinen Sohn Luigi. Doch weil Luigi in der Lehranstalt war, wurde der Brief Antonietta ausgehändigt, die, als sie die Handschrift ihres Schwiegervaters erkannte, den Brief wie gewöhnlich öffnete und las.
Ein paar Stunden später kam Luigi nach Hause und fand Antonietta halbgelähmt, mit verlorenem Blick, zerstört in einem Sessel vor. Das ist der offenkundige Beginn jener Geisteskrankheit, die, in den ersten Jahren ihr Auf und Ab hat, sich aber mit der Zeit verschlimmert.
Bei der Lektüre kurzer biografischer Anmerkungen zu Pirandello stößt man oft unweigerlich an einem bestimmten Punkt auf die Behauptung, daß Antonietta auf-grund des Verlusts ihrer Mitgift wahnsinnig geworden wäre, eines Verlusts, der durch falsche Spekulationen ihres Schwiegervaters eingetreten sei. Gewiß, die Sache
-191- verhält sich im wesentlichen so, doch wenn man alles auf das Wesentliche reduziert, führt das letzten Endes dazu, daß sich im Kopf des nicht ganz so erfahrenen Lesers der Eindruck von einer Frau festsetzt, die so sehr dem Geld hörig ist, daß sie den Verstand verliert, sobald das Geld verschwunden ist.
Ist das Eheleben für Luigi ganz sicher nicht glücklich geworden, so ist es für Antonietta noch viel weniger glücklich verlaufen. Mit ihr sprach Luigi nicht über seine Arbeit als Schriftsteller, denn er hielt sie nicht für eben-bürtig, und es ist zu vermuten, daß er ihr nicht einmal etwas über die Probleme erzählte, mit denen er während des Unterrichts konfrontiert war. Wenn er nach Hause zurückkam, fing er an zu schreiben, Aufsätze zu korrigieren und manchmal konnte er es einrichten, seine Freunde zu besuchen. Wenn andererseits Antonietta sich als Mutter um drei kleine Kinder kümmern mußte, so lebte sie als Frau in unglaublicher Einsamkeit, gewissermaßen ausgegrenzt, was fraglos ihr zartes Nervenkostüm schwer belastete, wofür die Krise während Faustos Stillzeit ein Anzeichen war, aber von allen - und allen voran ihrem Mann - unterschätzt worden war.
Das Bindemittel, das ihre Identität als Ehefrau zusammenhielt, war ja gerade die Rendite aus ihrer Mitgift: durch sie bekräftigte Antonietta tagtäglich ihre Präsenz, ihr Dasein. Sie war es, die das tägliche Brot für alle garantierte, und sie war es auch, die es ihrem Mann letzten Endes ermöglichte, weiter zu schreiben.
Wenn nun aber diese Rendite ausblieb, reduzierte sich ihre Stellung innerhalb der Familie auf den engen Rahmen einer Versorgung der Kinder, die acht, sechs und vier Jahre alt waren (was jetzt, ohne Geld, vor allem zu einem großen Problem wird). Da sich ihr »Wert« aufgelöst hat (und das in einem ganz und gar kommerziellen Sinn, denn
-192- auf dieser Grundlage war die Ehe ja errichtet worden), ist sie in den Augen ihres Gatten nur noch eine tote Last. Und die Lähmung ist nichts anderes als die Konkretisierung dieser Metapher.
Und Luigi? Mit Bitterkeit muß er sich in die Einsicht fügen, daß er sich nur dem Augenschein nach von der Kette um seinen Hals zu befreien vermocht hatte, sie war da, sie blieb auch weiterhin da, und wie! Ein unerwartetes Rucken mit der Kette, von der er sich befreit zu haben glaubte, reichte aus, um ihn zu ersticken. Wieder kommt der Vater zurück, um Schaden bei ihm anzurichten, und dieses Mal gibt es keine Auswege. Der vertauschte Sohn muß wieder ganz von vorne anfangen. In den Tagen, die unmittelbar auf diesen Schlag folgen, denkt er ernsthaft daran, sich das Leben zu nehmen. Er will einen über-legten, durchkalkulierten Selbstmord begehen. Wenn er tot ist, können Antonietta und die Kinder nach Girgenti zurückkehren, wo Calogero Portolano sich notwendiger-weise um sie kümmern muß.
Doch fast unmittelbar darauf erhält er von seinen Freunden, kaum daß sie von seinen Schwierigkeiten erfahren haben, Zeichen konkreter Solidarität. Über die dramatische Veränderung seiner wirtschaftlichen Verhältnisse schreibt er an Angiolo Orvieto:
Ich, lieber Angiolo, will nicht nur nicht ausruhen, sondern kann es auch nicht, kann es nicht mehr. Du mußt wissen, daß seit etwa einem Jahr die finanziellen Verhältnisse meiner Familie aufgrund eines plötzlichen Unheils nicht mehr die von früher sind. Eine große Schwefelmine, die meinem Vater und uns allen ein angenehmes Leben ermöglichte, ist überflutet, und die Überflutung hat Schäden von mehr als vierhunderttausend Lire verursacht. Dieses Unheil ist nicht völlig uner-setzlich. Mein Vater hat in einem Jahr bereits zwei-
-193- hunderttausend Lire für den Bau einer Wasserleitung und einer Rampe ausgegeben. Jetzt fängt die Mine an sich zu entleeren, aber es braucht mindestens noch ein weiteres Jahr, bevor man wieder mit dem Abbau des Minerals beginnen kann. Unterdessen bin ich… mit drei Kindern und meiner Frau… verblieben, Du kannst Dir vorstellen, in welchem Zustand! Das armselige Gehalt als außerplanmäßiger Professor an der Lehranstalt reicht gerade einmal, um die Miete zu zahlen. Ich muß mir mit Händen und Füßen helfen, um Geld zu verdienen, indem ich schreibe. Das ist eine schreckliche Prüfung, mein Freund! Eine unerwartete!
Du weißt, daß ich der ›Marzocco‹ seit vielen Jahren unentgeltlich meine Mitarbeit zur Verfügung stelle. Du kannst Dir vorstellen, mit wieviel Freude ich weiterhin von Zeit zu Zeit die eine oder andere Novelle schicken würde. Aber… ich hab's dir gesagt, ich hatte eine, und für fünfundzwanzig Lire habe ich sie an eine andere Zeitung geschickt!
Ich will Adolfo unter gar keinen Umständen drängen: du verstehst mich! Wenn er will, könnte ich mich für denselben Betrag verpflichten, auch ihm eine kleine Novelle jeden Monat zu schicken, anfangend mit dem kommenden Januar… Ach, wenn Du wüßtest, wie sehr ich leide, Dir in dieser Form zu schreiben… Die Antwort von Adolfo Orvieto, des Bruders von Angiolo und des Herausgebers der Zeitschrift, kommt postwendend: er zahlt nicht nur dreitausend Lire für die Novellen, die Luigi ohne irgendein Honorar veröffentlicht hatte, sondern er erhöht die Vergütung für jede Novelle auf dreißig Lire. Die Zeitschrift ›Nuova Antologia‹ (Neue Anthologie) öffnet ihm ihre Türen. Er selber trifft die Entscheidung, Privatunterricht in Italienisch für ausländische Schüler zu erteilen und deutschen Sprach-
-194- unterricht für italienische Schüler. Außerdem stellt er den Antrag, als Prüfungskommissar außerhalb von Rom geschickt zu werden, weil er mit den Sonderzulagen etwas auf die Seite legen kann, und seinem Antrag wird entsprochen.
Doch so wahr es einerseits ist, daß der Ruck an der Eisenkette ihn aufgrund seiner Heftigkeit, vor allem aber aufgrund seiner Unvorhersehbarkeit fast erstickte, ist es andererseits ebenso richtig, daß mit diesem Ruck die Halskette endgültig zerbrochen ist. Dieses letzte Element, das ihn mit seiner Familie verband, existiert nicht mehr, jetzt ist er wirklich der vertauschte Sohn, der seinen Weg selber gehen muß, und zwar mit dem einzigen, wirklichen Reichtum, über den er verfügt: dem Schreiben.
Und just in den Tagen bittet ihn Giovanni Cena, der Herausgeber der ›Nuova Antologia‹ um einen Roman, den er in Fortsetzung in seiner Zeitschrift veröffentlichen will. Um Luigis Lust anzustacheln, überweist er ihm einen Vorschuß von tausend Lire. Das wäre nicht nötig gewesen. In den freien Stunden, wenn er weder öffentlich noch privat unterrichten muß, stürzt sich Luigi, der sich bäuchlings neben seiner Frau aufs Bett geworfen hat, die sich nicht bewegen kann, verzweifelt in die Niederschrift einer Geschichte, die er sich Seite für Seite erfinden muß.
Er beendet sie im November desselben Jahres: und während er dies seinem Freund Orvieto mitteilt, bietet er ihm Novellen und kleinere Gedichte für ›Il Marzocco‹ an. Er kann sich keine Ruhepause gönnen.
Der Roman erscheint in der ›Nuova Antologia‹ zwischen April und Juni 1904, dann wird er im selben Jahr noch in Buchform veröffentlicht. Der Roman ist gleich ein großer Erfolg, und das ist die so lange erwartete und ersehnte
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Anerkennung.
Und von dieser unverhofften Aufnahme macht er gleich seinem Freund Orvieto Mitteilung.
Noch während der Drucklegung ist er für die französische Übersetzung von Henry Bigot angefordert worden, der ihn wahrscheinlich in der ›Revue de Paris‹ veröffentlichen wird, und danach in einem Band; und auch aus Deutschland bin ich danach gefragt worden, von Signora Nina Knoblich, die bereits zahlreiche Novellen von mir übersetzt hat.
Nur daß Matilde Serao wollte, daß eines ihrer Bücher in der ›Revue de Paris‹ veröffentlicht wird und daher mit allen Mitteln Ganderax, den Herausgeber der Zeitschrift, zu überzeugen versuchte, ihren Roman dem von Pirandello vorzuziehen. Ganderax, der Bigot bereits seine Zusage gegeben hatte, befand sich damit in einer Lage, von der er nicht wußte, wie er da herauskommen sollte.
Graf Primoli übernahm es zu vermitteln und erreichte es, daß Luigis Roman zunächst in ›L'Écho de Paris‹ veröffentlicht und danach als Buch von dem Verleger Calmann-Lévy gedruckt wurde. Pirandello akzeptierte widerwillig. Mit Deutschland ging es wesentlich besser: von der am weitesten verbreiteten Zeitschrift Wiens gedruckt, wurde Pirandello ein Vorschuß von sechshundert Mark überwiesen, das war ein stattlicher Betrag.
Der Roman war Mattia Pascal.
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