Der vertauschte Sohn
Der Stechende Verdacht
Antonietta, die darauf brennt, ihrer Vernunft zu folgen, macht sich wieder einmal auf den Weg nach Girgenti, in das abseits gelegene Haus von Bonamorone, wo ihr Vater nun nicht mehr lebt. Sie nimmt Lietta und Fausto mit, während Stefano in Rom bei seinem Vater bleibt. Sie bleiben einige Monate dort, dann läßt Antonietta ihren Mann wissen, daß sie zurückkommen möchte. Luigi macht sich auf, um sie in Bonamorone abzuholen, nur hat Antonietta inzwischen ihre Meinung geändert, jetzt will sie bleiben. Die Sache ist durchaus nicht einfach: während die Kinder für die Schule wieder nach Rom zurück müssen, gibt es auch für Antoniettas Aufenthalt einige Probleme. Denn ihre Brüder können sie nicht ständig versorgen, weil sie wegen ihrer Geschäfte in Girgenti leben müssen und nicht in einem einsamen Haus auf dem Land. Luigi und die Portolano-Brüder treffen eine Über-einkunft, sie siedeln Antonietta in ein abseits gelegenes Haus in Girgenti um und nehmen eine Krankenschwester, die ihr ununterbrochene Anwesenheit gewährleisten kann. Eines Abends beim Essen aber springt Antonietta unversehens vom Stuhl auf, nutzt die Verdutztheit der Krankenschwester aus, läuft in ihr Zimmer, schließt sich dort ein, reißt das Fenster weit auf und beginnt, verzwei-felt zu schreien. Die Krankenschwester versucht, die Türe einzurammen, aber es gelingt ihr nicht. Nun liegt das Haus zwar isoliert, doch in der Nähe kommt immer jemand vorbei, Bauern, die von der Feldarbeit zurückkommen, Tagelöhner, vorüberziehende Girgentaner. So kommen also durch das ständige, verzweifelte Schreien Leute herbeigelaufen, die glauben, etwas Schlimmes sei passiert.
-222- Sie versuchen auf alle nur mögliche Weise, die Wahn-sinnige zu beruhigen. Was dann passierte, ist nicht ganz klar, das einzig Sichere ist, daß Luigi, sobald er informiert ist, von Rom herbeieilt, eine Verfügung des Polizei-präsidenten vorfindet, mit der ihm die Pflicht auferlegt wurde, seine Frau in eine Irrenanstalt einsperren zu lassen. Antonietta, die verstanden hat, klammert sich an Luigi, fleht ihn an, sich dieser Verfügung zu widersetzen. Luigi braucht nicht erst Antoniettas Verzweiflung zu sehen, um dem Polizeipräsidenten Nein zu sagen, er würde sie nicht einmal im Traum einschließen lassen, es wäre gegen seine ureigensten Grundüberzeugungen. Auf der Rückreise läßt er sie von einem hochangesehenen Arzt untersuchen: dessen Antwort gibt keinen Anlaß zur Hoffnung, auch er rät zur Einlieferung in eine geschlossene Anstalt. Doch Luigi nimmt die gesamte Verantwortung auf sich und bringt Antonietta nach Hause zurück.
Natürlich reicht ihm das Geld für die Krankheit seiner Frau nicht aus. An Nino Martoglio schreibt er am 27. Mai 1913:
… Samstag brauche ich wenigstens 500 Lire. Könnte ich die von der »Cines« bekommen? Ich weiß, daß Lucio Dir von meiner Absicht erzählt hat, Dir einige bis in alle Einzelheiten ausgearbeitete und drehbuchmäßig durch-gestaltete Filmthemen vorzuschlagen. Ich habe eines Im Zeichen - sehr schön - fast fertig; weitere könnte ich in ein paar Tagen fertigstellen, und ich wäre auch bereit, mich durch Vertrag zu verpflichten, zu einem angemessenen Betrag für jeden Film, wenn ich nur gleich in Form eines Vorschusses diese 500 Lire bekomme.
Martoglio, der künstlerische Leiter der Cines (später ist er in der gleichen Position bei der Morgana Film, mit der er Sperduti nel buio (Verloren im Dunkel) produziert und inszeniert, dieses Meisterwerk des Realismus ante
-223- litteram), ist im Augenblick nicht in der Lage, ihm eine Antwort zu geben. Luigi fährt noch einmal ein derartiges Geschütz am 5. Februar des folgenden Jahres auf.
Könnte nicht auch ich irgend etwas tun? Ich hätte unendlich viele Themen jeder Art, Du weißt es! Und ich müßte in diesem Augenblick viel, viel, viel verdienen: Du weißt es! Ich bin verzweifelt wegen der 500 Lire, die ich so dringend benötige, und ich weiß nicht, wie und wo ich sie finden kann. Könntest du nicht dafür sorgen, daß ich sie als Vorschuß bekomme, der mich verpflichtet, Dir eine Arbeit zu liefern, was ich sofort auf Anfrage könnte?… aber ich brauche auf der Stelle diese 500 Lire.
Ich bitte Dich, tu' alles, daß ich sie bekomme: ich werde Dir unendlich dankbar sein.
Und noch einmal fünf Tage später:
Danke toto corde für das, was Du für mich getan hast… Alles geht gut; nur… Du verstehst mich, ich brauche unbedingt und sehr dringend einen Vorschuß von 500 Lire, wie wir vereinbart haben… mir steht das Wasser bis zum Hals, wie Du siehst!
Pirandello sieht sich gezwungen, sich an Sabatino Lopez zu wenden, den Präsidenten der Autorenschutzver-einigung, der ihm ein Darlehen von tausend Lire gewährt.
Jedenfalls werden in diesen Jahren, dank des Einsatzes von Ojetti und Martoglio, ein paar Theaterstücke Luigis, Der Biß (La morsa), Zitronen aus Sizilien (Lumìe di Sicilia), Die Pflicht des Arztes (Il dovere del medico), mit Erfolg in Rom aufgeführt. Auf der Stelle verändert Antoniettas Eifersucht ihr Ziel: jetzt sind es nicht mehr die Studentinnen, die ihren Mann belagern, sondern die Schauspielerinnen, die für eine wie sie, die von den Schwestern erzogen wurde, die absolute Verkörperung des Bösen darstellen müssen. Nur um sie ruhig zu halten, geht
-224- Luigi nicht zu den Proben, es sei denn heimlich oder unter demütigenden Vorwänden. Um die Wohnung zu verlassen, folgt er einer bestimmten Prozedur, die darin besteht, daß er Antonietta den Grund für sein Weggehen mitteilt, die ungefähre Zeit kalkuliert, die er benötigt, um das zu tun, was er ihr gesagt hat, und sich dann zum fest-gelegten Zeitpunkt wieder zu Hause präsentiert. Manch-mal muß er sich gleich nach seiner Rückkehr erschöpft in einen Sessel werfen. Er hat schneller laufen müssen als ein Hundertmeterläufer, aber wenigstens kann seine Frau ihm keine Szenen machen.
Doch da beginnt ein anderer Verdacht in Antonietta zu bohren. Sie fängt an, Lietta, ihre Tochter, schief anzusehen und sie schlecht zu behandeln. Und dabei liegt die ganze Last der Haushaltsführung und der Krankenpflege auf den Schultern dieses armen Mädchens, das, wenn es ein bißchen Freizeit hat, sogar als Sekretärin für ihren Vater arbeitet. Luigi vergöttert sie, er ist voll zärtlicher Rührung für ihre hingeopferte Jugend.
Eines Tages weigert Antonietta sich, das zu essen, was ihre Tochter für sie gekocht hat, sofern Lietta in ihrem Beisein nicht zuerst probiert. Sie befürchtet, vergiftet zu werden, sie argwöhnt eine Übereinkunft zwischen Vater und Tochter, um sie umzubringen und sich in den Besitz des wenigen Geldes zu bringen, das sie hat. Dann, eines Tages, platzt es aus Antonietta heraus. In einem Brief vom 15. April 1916 beschreibt Luigi das, was vorgefallen war, auf folgende Weise:
Die unglückselige Frau, die meine Frau ist, ist, nachdem sie seit ihrer Rückkehr aus Sizilien die arme Lietta gemartert hat, eben jetzt, gepackt von einer ihrer schrecklichsten Krisen, mit unerhörter Bösartigkeit über sie hergefallen. Und mein armes Kind, so von dem Schrecken ergriffen, hat sich in einem Augenblick der
-225- Verzweiflung in seinem Zimmer eingesperrt und versucht, sich umzubringen.
Liettas Grauen muß ungeheuer gewesen sein, als sie sich von ihrer Mutter die Anschuldigung anhörte, sie habe eine inzestuöse Beziehung mit ihrem Vater: Grauen, gewiß, für eine ebenso schreckliche wie unbegründete Beschuldi-gung, aber noch mehr und noch verwirrender wegen des brodelnden Vipernnestes, zu dem Antoniettas krankes Ge-hirn geworden war. Lietta ist erschüttert und aufgewühlt, sie findet einen Revolver im Haus und schießt auf sich. Doch die Waffe versagt. Daraufhin verläßt sie die Wohnung und will sich in den Tiber werfen, aber sie weiß nicht, wie man zum Tiber gelangt, denn ihr Leben war bis dahin das einer Klausur und der Aufopferung. Sie läuft mit starrköpfiger Verzweiflung durch Straßen und Gassen, bis ein Freund des Vaters sie trifft, ihre tiefe Verwirrung erkennt, mit sich nimmt und Luigi verständigt. Der eilt herbei, um seine Tochter wieder an sich zu nehmen, doch kann er sie nicht nach Hause führen.
»Entweder sie oder ich«, sagt Antonietta gnadenlos.
Und Lietta fährt nach Florenz, wo sie Gast der Familie ihrer Tante Lina ist.
Luigi stimmt der Einlieferung Antoniettas in eine geschlossene Anstalt erst nach der Rückkehr der Söhne Stefano und Fausto aus dem Weltkrieg zu, im Jahr 1919. In die Klinik begleiten sie Stefano und Fausto, Antonietta folgt ihnen zufrieden, denn seit langem fleht sie darum, von Luigi getrennt leben zu können. Den will sie nie mehr wiedersehen. Luigi bleibt alleine.
Neun ganze Jahre hatte er nur für diese Frau gelebt, hatte sich sein Denken nur um sie gedreht, ausschließlich und quälend, damit sie niemals einen Grund haben sollte, sich zu beklagen oder über ihn auch nur im geringsten zu
-226- argwöhnen; mit ausdauernder, gewissenhafter, furcht-voller Überwachung seiner selbst. Sozusagen mit geschlossenen Augen, mit verstopften Ohren hatte er neun Jahre lang gelebt. Gewissermaßen abseits der Welt, so als hätte die Welt gar nicht existiert. Er fühlte sich plötzlich so, als wäre er ins Leere gesprungen, vernichtet… in dieser leeren Wohnung, die doch gleichzeitig voll war, wie seine Seele, von den stechenden Verdächtigungen seiner Frau…
Luigi weist die Söhne an, ihre Mutter jeden Tag zu besuchen. Auch er selber würde sich liebend gern jeden Tag auf den Weg zu ihr machen, und das nicht nur aus einem Pflichtgefühl heraus, doch Antoniettas Verhalten hindert ihn daran: sie wird zur Furie, sobald sie ihn nur auftauchen sieht. Die letzten fürchterlichen Szenen gegen-über ihrem Mann hat sie während des Krieges gemacht, als sie erfährt, daß Stefano in Gefangenschaft geraten ist. Zu Luigis Angst über das Schicksal des Sohnes kommen die tätlichen Angriffe Antoniettas, die ihren Sohn, koste es, was es wolle, zurückhaben will. Aus der Novelle Berecche und der Krieg (Berecche e la guerra):
Die verzweifelte Mutter will nichts hören: sie schreit und schreit, bis es ihr schier die Kehle zerreißt, und dazu hebt sie die Arme empor und schüttelt die Hände… sie sieht nichts, sie hört nichts; und ab und zu wirft sie sich gegen die Tür des Studierzimmers; sie stößt sie auf, indem sie mit Faustschlägen und Stößen der Schultern und Knie dagegen trommelt, und stürzt sich auf den Gatten, pflanzt sich vor ihm auf mit gekrallten Fingern, als wolle sie ihn zerfleischen, und schreit ihm mit Ingrimm zu: »Ich will meinen Sohn wiederhaben, meinen Sohn!Mörder!Meinen Sohn will ich, meinen Sohn!«
Wie es logisch und vorhersehbar ist, werden die Besuche der Söhne immer seltener. Luigi beklagt sich darüber bei
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der fernen Lietta.
Da Deine Brüder die Mama, nicht besuchen gehen, wenn ich es ihnen nicht drei- bis viermal die Woche sage…
Als er erfährt, daß Antonietta sich gehen läßt, sich nicht mehr pflegt, immer dasselbe, inzwischen längst ver-schlissene Kleid anzieht, schickt er eine Schneiderin in die Klinik, die ihr ein neues schneidern soll. Doch Antonietta will sie nicht einmal sehen.
Antonietta Portolano wird am 20. Dezember 1959 in der psychiatrischen Klinik sterben.
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