Der vertauschte Sohn

Andrea Camilleri · Kapitel 42 von 75

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Der vertauschte Sohn

Die Promotion

 

Das Rigorosum findet am 21. März 1891 statt, und zwar in einem erschlagenden, fürchterlichen Rahmen. In der Aula steht eine riesige Tribüne, zu der drei Stufen hinaufführen. Auf diesen stehen Katheder. Auf der obersten Stufe sitzen die Professoren, in Robe und Barett. Der Kandidat auf die Doktorwürde der Philosophischen Fakultät sitzt auf der untersten Stufe. Vor dem eigentlichen Rigorosum steht ein sehr langes, sehr er-müdendes Magister-Examen in Philosophie, Geschichte und Naturwissenschaften. Luigi weiß, daß sein Schwach-punkt die Naturwissenschaften sind: ihm werden sogar Fragen aus der Zoologie gestellt. Der Beinahe-Zusammen-bruch kommt aber mit den Fragen zur Mathematik: er ist so verwirrt, daß der Professor anfängt, ihn freundlich zu hänseln, indem er ihm mit einem Kindertrick beweist, daß die Finger beider Hände elf und nicht zehn ausmachen. Drei Stunden lang beantwortet er die Fragen von Buechler, dem berühmten Latinisten, über Grammatik und Geschichte von Texten. Nicht weniger komplex das Examen in Romanistik. Jedenfalls hatte er mit Genügend bestanden. Die Dissertation wird, außer gegenüber den Professoren, auch gegenüber den Opponenten verteidigt, das heißt einem Studenten des letzten Jahrganges und einem bereits auf diesem Gebiet Promovierten. Am Ende wird die Dissertation Laute und Lautentwicklung der Mundart von Girgenti allseits anerkannt und zugelassen, und Luigi kann von seiner Richtstatt niedersteigen, auf der er, wie ein heiliger Sebastian, allen möglichen Pfeilen ausgesetzt war.

Ihm wird die Toga angelegt, der große Doktorhut

 

-153- aufgesetzt, und so gewandet läßt man ihn auf die silbernen Stäbe schwören, welche die Diener kreuzweise vor ihm halten. Dann ist das Ritual zu Ende.

Die Dissertation wird mit einer Widmung für Professor Foerster veröffentlicht, und der große Meyer-Lübke rezensiert sie positiv in dem angesehenen »Literaturblatt für germanische und romanische Philologie«.

An dieser Stelle gibt es nun etwas Mysteriöses.

Im März 1891 erlangte ich die Doktorwürde in Romanistik zur großen Zufriedenheit meines unver-geßlichen Lehrers in Rom, Ernesto Monaci, und verbrachte das folgende akademische Jahr noch in Bonn in der Eigenschaft als Lektor für italienische Sprache an der Universität.

Gaspare Giudice erzählt, daß Luigis Bruder Innocenzo das Lektorenamt in Deutschland bestätigte und ausdrück-lich darauf hinwies, daß der Kursus sich mit Dantes Hölle beschäftigte; seine Tochter Lietta fügte noch hinzu, daß der Vater für die Lektorentätigkeit annähernd viertausend Lire pro Jahr bekam, dazu die Einkünfte aus den Einschreibungen in diesen Kursus und eine Mietbeihilfe. Doch in den peinlich genau geführten Bonner Archiven taucht der Name von Luigi Pirandello niemals unter irgendeiner Funktion des Lehrkörpers auf.

Vielleicht sprach man ja über eine solche Stelle, was aber ohne Folgen blieb. Wenn Luigi schreibt, er sei ein ganzes Jahr nach der Promotion in Bonn geblieben, handelt es sich um eines seiner Phantasiegebilde, wie das, als er einem Journalisten sagte, er sei von zu Hause geflohen, um in Como weiter zur Schule zu gehen.

Dagegen ist gesichert, daß er nach einem ganz kurzen Aufenthalt in Wiesbaden im wahrsten Sinn des Wortes nach Sizilien flieht.

 

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Und Jenny? Was will Jenny eigentlich von ihm? Hat er sie denn nicht in Gedichten genügend besungen?

Kein Versprechen hat er dir gegeben. Ja und? Soll sie doch in Bonn bleiben, mit den Erinnerungen und dem Hund Mob, den er ihr großzügig geschenkt hat!

Von Sizilien aus schreibt er ihr von Zeit zu Zeit, dann bricht die Korrespondenz endgültig ab. Viele, viele Jahre später will er sie in New York nicht wiedersehen, und zwar unter dem Vorwand, Jenny müsse in seiner Erinnerung unversehrt bleiben, unversehrt, jung und schön. Der wirkliche Grund ist wahrscheinlich eine unerträgliche Verlegenheit angesichts der Erinnerung an den absoluten Egoismus seiner Jugend. Und möglicher-weise gibt es einen noch stärkeren Grund. Jenny war in jenen Jahren zu einer Schriftstellerin mit einem gewissen Bekanntheitsgrad geworden. Etwas hatte also in ihr gelegen, das Luigi überhaupt nicht erkannt hatte, für ihn war die junge Frau lediglich ein Geschöpf von einer gewissen Intelligenz, das Klavier spielen, nähen und singen konnte und ihn nachts im kalten Bett wärmte. Etwa also eine gewisse Furcht vor dieser reifen Frau, die längst in der Lage war, andere Worte zu benutzen als die der Jugend?

 

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