Der vertauschte Sohn

Andrea Camilleri · Kapitel 56 von 75

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Der vertauschte Sohn

Stefano, Lietta, Fausto

 

Luigi hatte der Kinder wegen sehr gelitten, die, noch klein, dem Fortschreiten der Krankheit der Mutter zusehen mußten, ohne zu verstehen, was da geschah. Oft wurden sie in aller Eile angezogen, voneinander getrennt und zu Freunden hier und Verwandten dort gebracht, in Erwar-tung, daß eine Krise ihrer Mutter vorübergehen würde, die bei ihnen sicher ungeheuere Angst auslöste, eben weil alles so unerklärlich war. Luigi hat über sie gewacht, so gut er konnte. Als sie anfangen, größer zu werden und eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln, kann Pirandello wirklich eine tiefe Zufriedenheit über ihre noch zarten und unsicheren Neigungen empfinden: Stefano, der Erst-geborene, ist eindeutig für die Schriftstellerei bestimmt, während Fausto instinktiv und sehr natürlich der bildenden Kunst zuneigt.

Die beiden Jungen können sich ganz eindeutig nicht als vertauschte Söhne bezeichnen, auch weil ihr Vater sich vorgenommen hat, sich so zu verhalten, daß sie nie, aber auch wirklich nie das Gefühl haben müssen, anders zu sein als die Familie. Außerdem kann Fausto die Wieder-aufnahme des unterbrochenen Diskurses mit der Malerei darstellen, mit dem Luigi ja ebenfalls begonnen hatte.

Pirandello hatte Lucio D'Ambra gegenüber geäußert: Ich bin kein geborener Bühnenschriftsteller. Vielmehr fühlte er sich als geborener Maler. Antonio Alessio hat dazu geschrieben:

»Wohin er auch ging, vor allem im Sommer, nahm er seine Farbenschachtel und hielt auf Holztäfelchen, mit denen er sich immer versorgte, die Impressionen fest, die

 

-235- die Natur in ihm wachrief, deren Schönheit er schätzte, doch noch wichtiger war es ihm, in ihre Bedeutung und ihr Geheimnis einzudringen. Die Beobachtung der Natur führte ihn eher zur Meditation als dazu, sich abzulenken. Einmal, als er einen dicht mit Bäumen bewachsenen Hang betrachtet und, anders als sonst, die Natur als dumm bezeichnet hatte, antwortete er jemandem, der ihn fragte, warum er sie dann male: ›Tja… gerade deswegen‹… und malte gleich darauf intensiv weiter.«

Er malte durchaus nicht wie ein (im positiven Sinn) Dilettant. Auf seinen Holztäfelchen, die im allgemeinen das Maß von fünfzehn mal zehn Zehntimetern hatten, ist nichts Naives zu erkennen, allenfalls die Anpassung an einen Zeitgeschmack (sein großer Freund Ugo Fleres, mit dem er sogar Malwettstreite austrug, wurde später der Direktor der Nationalgalerie für Moderne Kunst in Rom). Einige seiner Bilder waren in Rom während einer Gewerk-schaftsausstellung am Trajansmarkt ausgestellt worden. Außerdem rezensierte Pirandello in den Jahren 1895-96 zahlreiche Ausstellungen in Tageszeitungen und Kunst-zeitschriften.

Und was bleibt über Lietta zu sagen? Bereits als kleines Mädchen lebt sie ein aufopferungsreiches Leben. Sie geht mit der Mutter weg und begleitet sie beim Einkaufen. Das tut sie sowohl, um ihr zu helfen, aber auch, um sie unter Kontrolle zu halten. Von Rom kennt sie nicht viel mehr als die Geschäfte in unmittelbarer Nähe der Wohnung, sie hat keinen ihrem Alter angemessenen Zeitvertreib. Sie reift sehr schnell, sie wird sich ihrer Verantwortung und ihrer Pflichten sehr rasch bewußt. Sie so heranwachsen zu sehen, erfüllt Luigi mit Genugtuung und gleichzeitig mit Schmerz, für seine Lillinetta möchte er ein normales Leben, wie das der Mädchen in ihrem Alter. Und zu der überaus starken väterlichen Liebe fügt sich so etwas wie

 

-236- herzzerreißendes Mitleid, wie wehmütiges Verständnis, das die Beziehung zwischen beiden so fest zementiert, daß sie vor Antoniettas von Eifersucht verzerrtem Blick Argwohn erregt.

 

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