Der vertauschte Sohn

Andrea Camilleri · Kapitel 41 von 75

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Der vertauschte Sohn

Ein Altar im Herzen

 

Während seines Aufenthalts in Bonn, erreicht Luigi ein Telegramm von zu Hause, in dem seine Eltern ihm zu seiner Überraschung ihre Bereitwilligkeit mitteilen, die Druckkosten für die Veröffentlichung der Gedicht-sammlung Ostern, Gäa zu übernehmen. Luigi ist über-rascht und tief bewegt. An Lina, seine Schwester, schreibt er:

Unser angebeteter Papa hat mir das Geschenk machen wollen, auf seine Kosten meinen Gedichtband Ostern, Gäa zu veröffentlichen. Als mich diese Nachricht per Telegramm erreichte, befand ich mich in außerordentlich trauriger Stimmung, so daß ich zu Tränen gerührt war. Wieviel Großzügigkeit und wieviel Feinsinn! Oh, unsere Eltern, meine Lieben, sind doch wirklich die wunderbarsten Eltern der Welt! Sie verdienen es, auf Knien angebetet zu werden.

Was Papa für mich getan hat ist so viel und derart, daß längst alles, was ich tue oder im Begriffe stehe zu tun, mich nicht einmal zu einem Tausendstel entschulden kann. Ich habe ihm indessen einen Altar in meinem Herzen errichtet, und ich verehre ihn im Stillen, ohne dessen je müde zu werden.

In diesen Worten ist ein pathetischer Ton hörbar, der äußerst falsch klingt. Und dieser Ton läßt sich noch oft vernehmen, wenn Luigi indirekt über seinen Vater spricht: er wechselt mit der gleichen Vehemenz von einem Extrem zum anderen. Er ahnt mehr oder weniger dunkel, daß hinter dieser Geste die bangende Liebe von Donna Caterina steckt (gewiß war sie es, die Don Stefano

 

-151- überredet hat), aber dahinter liegt auch so etwas wie ein väterlicher Plan, um Luigis nicht nur wirtschaftliche ›Abhängigkeit‹ deutlich zu machen. Mit anderen Worten: es ist Don Stefano, der in die offizielle Weihe seines Sohnes als Dichter einwilligt. Und Luigi fühlt sich in dieser Situation immer gefesselter und hilfloser. In einem Brief vom 1. März 1891, das heißt zwanzig Tage vor seinem Rigorosum, bittet er seine Schwester Lina und ihren Gatten um ein Darlehen:

… selbst wenn es mich beide Hände kosten sollte, will ich an Papa nicht schreiben und werde es auch nicht. Er hat mir so unendlich viel geschickt (er hat mir ja auch die Veröffentlichung von Ostern bezahlt), so viel, sage ich, daß ich nicht den Mut und die Überzeugung aufbringe, ihn auch nur um einen Centesimo zu bitten. Ihr werdet verstehen, daß ich ihm nicht schreiben kann »schicke mir 300 Lire, die ich Dir Ende März zurückzahlen werde…«

Lina und ihr Mann schicken ihm postwendend den Betrag, und so kann sich Luigi unbeschwert auf das Rigorosum vorbereiten.

Doch die ganze Angelegenheit der Veröffentlichung von Ostern könnte man auch anders, bösartiger sehen. Gedruckt und veröffentlicht zeugen diese Gedichte von der Beziehung zwischen Luigi und Jenny (der dieser Band im übrigen gewidmet ist) und belasten damit schwer die sich in voller Krise befindliche Verlobung mit seiner Cousine Lina. Eine unbesonnene Geste von Don Stefano oder kalt kalkuliert?

 

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