Der vertauschte Sohn

Andrea Camilleri · Kapitel 20 von 75

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Der vertauschte Sohn

Die Imaginierte Flucht

 

»Wieso hast du mir noch nicht das Zeugnis gebracht?«

Seit langem hat sich Luigino darauf vorbereitet, diese Worte zu hören, und die Antwort hat er selbst vor dem Spiegel viele Male wiederholt. Doch als die Frage dann wirklich gestellt wird, hat sie die Kraft einer Explosion, eines Schusses mitten in die Brust. Er reißt sich zusam-men, und es gelingt ihm, die Lüge auszusprechen, dabei blickt er dem Vater unverwandt scharf in die Augen, weiß, daß der Vater, wenn er den Blick abwendet, auf Anhieb die Täuschung begreift, die in der Familie gegen ihn ange-zettelt wurde. Aber er, der Vater, scheint von der Entschuldigung überzeugt zu sein, die sein Sohn ihm geliefert hat, und er beharrt nicht weiter. Doch so, wie Luigino diesen Fremden kennt, den alle seinen Vater nennen, weiß er, daß Don Stefano die Frage nur für den Augenblick beiseite gelassen hat und sie innerhalb der nächsten Tage ganz sicher noch einmal stellen wird. Wenn es dazu kommt, wird die Mutter ihn vor dem ungestümen Zorn dieses Mannes nicht schützen, das kann sie nicht.

Während der Nacht wirft er sich im Bett von einer Seite auf die andere. Auch wenn er bleiernen Schlaf auf seinen Augenlidern fühlt, kann er sie nicht zumachen, oder wenn es passiert, handelt es sich um kurze Augenblicke, in denen er in Schlaf sinkt, aber dann fährt er schlagartig wieder hoch und ist gezwungen, bei schweißgebadetem Körper die Augen weit aufzureißen.

Zwei, drei schlimme Nächte. Donna Caterina legt ihm morgens, als er mit diesem völlig verstörten Gesicht vor ihr erscheint, die Hand auf die Stirn, um zu sehen, ob ihr Sohn nicht etwa Fieber hat.

 

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Am vierten Tag bringt Don Stefano einen Freund von Porto Empedocle zum Essen mit nach Hause, den Kom-mandanten eines Dampfschiffs, auf dem Waren trans-portiert werden. Diesen Mann hatte Luigino ins Herz geschlossen, jedesmal, wenn er in Porto Empedocle anlegte, wurde er eingeladen und brachte immer ein kleines Geschenk für Don Stefanos Kinder mit.

Während des Essens erfuhr Luigino zwei Dinge. Das erste war, daß Don Stefano am nächsten Morgen bei Tagesanbruch nach Caltanissetta reisen mußte, weil er dort geschäftlich in einer Mine zu tun hatte. Das zweite war, daß das von dem Gast kommandierte Schiff mit einer für Como bestimmten Ladung Schwefel am nächsten Tag nach dem Mittagessen um drei in Richtung Genua auslaufen würde.

Auch in dieser Nacht macht Luigino kein Auge zu, diesmal allerdings, um die Einzelheiten der Flucht von Zuhause auszuarbeiten, die ihm als die einzige Lösung des Problems vorkommt.

Am nächsten Morgen, nachdem er sich von seiner Mutter verabschiedet hat, geht er zur Schule, doch dann nimmt er die Abkürzung, die ihn in einer halben Stunde zu Fuß nach Porto Empedocle führt.

Um halb zehn steht er vor dem Freund der Familie, dem Kommandanten, und bittet ihn, ihn an Bord zu nehmen, er wolle nach Genua reisen und Verwandte besuchen, die die Pirandellos dort hatten.

Der Kommandant erwidert, daß er nichts dagegen habe und die Sache arrangiert werden könne, doch:

»Ist dein Vater einverstanden?« fragt er.

»Mein Vater weiß nichts davon«, antwortet Luigino. »Und er darf davon auch nichts wissen. Ich will ihn überraschen.«

 

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Der Kommandant schaut ihn sprachlos an.

»Was fällt dir denn ein? Wie kannst du glauben, daß ich so etwas tue, ohne mit Don Stefano zu reden, der doch mein Freund ist?«

Es war nichts zu machen. Luigino konnte ihn nicht umstimmen. Er mußte wieder die Abkürzung nach Girgenti nehmen, die unentwegt anstieg, und diesmal wurde ihm der Anstieg schwerer als sonst. Doch genau auf diesem Weg fiel ihm eine mögliche Lösung ein. Da fest-stand, daß die Flucht von Zuhause der einzige Weg war, gab es noch eine andere Möglichkeit, auch wenn sie noch gewagter war.

Er aß mit der Familie bei Tisch, so wie an allen anderen Tagen auch. Und wie an allen anderen auch, lernte er nach dem Mittagessen. Dann aß er zu Abend und legte sich schlafen. Während der Nacht stand er auf, steckte in einen kleinen Koffer einen Anzug und ein bißchen Unterwäsche, öffnete die Wohnungstüre, stieg die Treppe im Dunkeln hinunter, versteckte den kleinen Koffer in einem Kabuff unter der Treppe, kehrte wieder zurück und legte sich hin.

Bevor Don Stefano sich auf die Reise machte, hatte er ihm den wöchentlichen Betrag vorausgezahlt, und Luigino hatte eisern das Geld gespart, das der Vater ihm an den vorausgegangenen Tagen gegeben hatte.

Am nächsten Tag verließ er das Haus so wie immer, um zur Schule zu gehen, in dem Kabuff unter der Treppe tauschte er die Bücher gegen das Köfferchen aus und eilte zum Bahnhof. Dort gab es einen Zug, der innerhalb der nächsten halben Stunde nach Palermo fahren sollte. Er kaufte ein Billett und verschwand in einer Toilette, aus Angst, er könnte jemanden treffen, der seine Familie kannte.

Er hatte mindestens fünf Stunden vor sich, bevor man

 

-78- seine Flucht zu Hause bemerken würde: gerade so viel Zeit, wie er brauchte, um nach Palermo zu kommen, wo er vorher nur ein einziges Mal gewesen war, als kleiner Junge.

Gleich vor dem Bahnhof von Palermo machen ihm der Verkehr der Fuhrwerke und die Stimmen der Menschen einigermaßen Angst, er hat den Mut eines Esels und den eines Löwen, er weiß nicht, ob er mit dem nächsten Zug wieder nach Girgenti zurückfahren oder weiter auf seiner Flucht bleiben soll. In seiner Phantasie taucht sein Vater wie der homerische Polyphem auf, der ihn lebendig verschlingt. Er fragt, in welcher Richtung der Hafen liege: er weiß, daß das Schiff des befreundeten Kommandanten, das von Porto Empedocle in See gestochen ist, in Palermo Zwischenstation machen muß.

Er läuft die Kais ab, schließlich sieht er das Schiff, das gerade in diesem Augenblick eingelaufen ist. Es wird noch am selben Abend weiterfahren: dies ist die letzte Gelegen-heit, die ihm verbleibt, er muß das Spiel jetzt gut spielen. Er geht nicht gleich an Bord, er will nicht, daß der Kommandant ihn ausgelaugt und nervös sieht. Er verbringt an die zwei Stunden in der Nähe, kauft sich Brot und Brei aus Kichererbsen, um den Hunger unter Kontrolle zu halten, und danach, mit einem rosigeren Gesicht, tritt er dem Kommandanten gegenüber.

»Papà hat mir die Erlaubnis gegeben! Er selbst hat mich auf den Zug gesetzt!«

Der Kommandant kennt Luigino, er hat immer gesehen, wie er sich im Hause Pirandello verhält: ein verständiger, gehorsamer Junge, respektvoll gegenüber dem Vater. Außerdem weiß er, daß die Sache mit den Verwandten in Genua stimmt. Er beruhigt sein Gewissen und läßt Luigino einschiffen, ohne seine Anwesenheit an Bord den Hafen-behörden mitzuteilen.

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Er wird in der Kabine des Kommandanten als Gast aufgenommen. Dort steht ein Etagenbett mit jeweils zwei Schlafplätzen.

In der ersten Nacht versinkt Luigino in einen bleiernen Schlaf, wohl wegen der Unvertrautheit des Ortes, der Müdigkeit, vielleicht auch wegen der nachlassenden nervösen Spannung, vielleicht aber auch wegen der Zu-friedenheit, daß es ihm gelungen ist, dem väterlichen Zorn zu entgehen. In der zweiten Nacht übermannt ihn, gerade als er die Augen zumachen will, der Gedanke an die Mutter, an die schreckliche Sorge, die er ihr bereitet. Diese Nacht verbringt er wachend. Das Schlimmste aber kommt in der folgenden Nacht, als er die Tränen nicht mehr zurückhalten kann. Von Schluchzen geweckt, gewinnt der Kommandant gleich die Überzeugung, daß die Dinge sich nicht so verhalten, wie Luigi sie ihm erzählt hat. Er überhäuft ihn mit Fragen, und der Junge erzählt ihm endlich die Wahrheit.

Gleich nach dem Anlegen des Schiffes in Genua, telegraphiert der Kommandant Don Stefano. Es ist ein langes Telegramm, in dem der arme Mann erklärt, wie Luigino ihn durch eine Täuschung überzeugt habe und die Absicht verfolge, die Schule in Como weiterzumachen, wo weitere Verwandte wohnen. Don Stefanos Antwort fällt völlig anders aus, als die beiden es erwarten: der Vater ist einverstanden, daß Luigino nach eigenem Gutdünken weitermachen soll.

In Como blieb Luigino bis zur dritten Gymnasialstufe. Danach kehrte er nach Sizilien zurück, genauer gesagt nach Palermo, wohin die Familie inzwischen umgezogen war, um dort seine höhere Schulausbildung weiter zu betreiben.

 

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