Der vertauschte Sohn
Zweiter Teil
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SIZILIANISCHE FREUNDSCHAFT
Endlich hatte der vertauschte Sohn es geschafft, einen auch in Kilometern zu messenden - Abstand zwischen sich und der Familie zu etablieren, in die er irrtümlicherweise hineingeboren worden war. Er besucht die Abiturklasse und bezieht mit seinem Freund Carmelo Faraci ein gemietetes Zimmer. Faraci, ein intelligenter Junge und äußerst aufmerksamer Beobachter, erahnt die Außerge-wöhnlichkeit seines Zimmergenossen, und um ihm Unannehmlichkeiten und Zeitverluste zu ersparen, kümmert er sich um die praktischen Belange des Zusam-menlebens, vom täglichen Einkauf bis zum Kochen. Er macht ihm sogar jeden Morgen das Bett. Carmelo ist Luigi ergeben, doch Luigi ist es ebenso Carmelo gegenüber. Er begreift, daß, wenn der Freund dies alles tut, er dies nicht aus serviler Unterwürfigkeit oder aus anderen Gründen tut, sondern die unangenehmen Aufgaben ausschließlich aus seiner ureigenen Auffassung von Freundschaft übernimmt, damit Luigi sich allein dem Lernen und dem Gedichte- und Novellenschreiben widmen kann. »Kratz deinen Freund, wo's ihn juckt«, sagt ein sizilianisches Sprichwort, darin bestehe die Aufgabe der Freundschaft, und Carmelo erfüllt sie ganz und gar. Nachdem sie eine Weile zusammengelebt haben, bedürfen sie in Anwesenheit dritter Personen keiner Worte mehr, sie verständigen sich durch einen raschen Blick.
Später wird Pirandello eine große Zahl von Freunden in den intellektuellen Kreisen Roms gewinnen. Doch der wirkliche Freund, der, dem man auch noch die ver-borgensten, geheimsten Gedanken gestehen kann, bleibt Nino Martoglio. Der Band mit ihrem Briefwechsel ist ein
-115- lückenloses Handbuch einer sizilianischen Freundschaft.
Darüber, was man anderenorts allgemein als Freundschaft bezeichnet, was oftmals aber keine Freundschaft ist, hat Pirandello ein erschöpfendes Bild im negativen Sinn in der amüsanten Novelle Engste Freunde gezeichnet. Eines Tages ergab es sich, daß ich im Theater mit einem alten, ganz ungewöhnlich großartigen sizilianischen Schauspieler gearbeitet habe, der Turi Pandolfini hieß und lange Mitglied des von Martoglio geleiteten Ensembles war, als dieser die geschriebenen oder in Dialekt gestalteten Stücke seines Freundes Pirandello auf die Bühne brachte.
»Wenn Pirandello und Martoglio bei den Proben zusammen waren, haben sie dann miteinander geredet?« fragte ich ihn eines Tages.
»Na, und wie! Sie redeten ununterbrochen miteinander!«
»Und worüber sprachen sie so?«
»Also, das weiß ich nicht. Sie blickten sich an.«
Sie sahen sich an, sie redeten mit den Augen. Und das Gespräch zwischen ihnen war endlos, ohne Unterbrechung und für die anderen nicht verständlich. In diesem Zusammenhang gibt es ein ›Mimenspiel‹, das erzählt, daß zwei Sizilianer in einem fernen fremden Land eingesperrt wurden. Man brachte sie in getrennten Zellen unter, damit sie sich nicht unterhalten und somit auf einen gemeinsamen Verteidigungsplan verständigen konnten.
Am folgenden Tag wurden sie vor den König gebracht, der das Urteil über sie sprechen sollte. Bei dieser Gelegenheit konnten sich die beiden einen schnellen Blick zuwerfen. Das hatte der Erste Minister des Königs gesehen, der ebenfalls Sizilianer war, und er rief:
»Majestät, es ist alles vergebens, sie haben geredet!«
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Wenn die Entfernung vom Freund keine von Worten überschwellenden Pausen und keine von komplexen Sätzen erfüllten Blicke zuläßt, ist das der Augenblick, in dem der Sizilianer sich gezwungen sieht, zu Papier und Feder zu greifen, um die Entfernung durch das Unmaß, die Fülle, die beinahe schon schamlose Darstellung seiner Gefühle aufzuheben.
Eine Konstante der sizilianischen Freundschaft ist die Pflicht, die einem im Erahnen dessen obliegt, wie der andere sich unter bestimmten Voraussetzungen verhalten wird, ohne daß darüber vorher eine Absprache stattgefunden hätte: Kopf und Herz des einen müssen in perfektem Einklang mit dem Kopf und dem Herzen des anderen handeln, die Gleichzeitigkeit muß absolut sein, die geringste Auslassung, der geringste Vorgriff, die geringste Verzögerung kann einen Riß hervorrufen, der im Lauf der Zeit unweigerlich zu einem unüberbrückbaren Abgrund wird.
Zudem: die gegenseitige Hingabe kann keinerlei Zurückhaltung oder Schattenbereiche oder Geheimfacher zulassen; wenn es sie gibt, beschränken sie die Fülle der Hingabe und machen gleichzeitig das Mißverständnis deutlich, das dieser fälschlich als Freundschaft bezeichneten Beziehung zugrunde liegt.
Kurz, die sizilianische Freundschaft ist eine schwierige Kunst und vielleicht sollte man ihr einen anderen Begriff geben, Wahlbrüderlichkeit oder Wahlblutsverwandtschaft. Zwischen zwei sizilianischen Freunden entsteht so etwas wie ein Zauberkreis, der die anderen, die Ereignisse der Welt und auch der Geschichte außen vor läßt.
Das beweist ein Brief Pirandellos an Martoglio vom 21. März 1919. Es ist die Zeit, in der sich Martoglio kämpferisch für die Schaffung eines »Mediterranen Theaters« einsetzt, das eine Neubewertung der Kultur
-117- Süditaliens in den Jahren in Gang bringen soll, in denen die Herrschaft Giolittis, das allgemeine Wahlrecht, die sozialen Errungenschaften paradoxerweise (das heißt eigentlich überhaupt nicht paradoxerweise) das wirtschaftliche Mißverhältnis zwischen dem Norden und dem Süden des Landes nur noch stärker betonen. Martoglios nur teilweise verwirklichtes Projekt zerbricht sehr bald schon an der Realität der Lohnzettel und der ökonomischen Verpflichtungen. Martoglio fühlte sich von seinem Freund nicht völlig unterstützt. Und dieser schreibt ihm, um jede Wolke zwischen uns zu vertreiben, die - sofern sie sich weiter verdichten kann - am Ende unsere schöne brüderliche Freundschaft verkümmern lassen könnte. Und er schließt seine Mitteilung mit einem brüderlichen Kuß. Doch das Unheil ist bereits eingetreten. Der Verhaltenskodex ist nicht respektiert worden, das Gedächtnis hat die Anomalie registriert: die Erklärungen, die beiderseitigen Rechtfertigungen unterstreichen, ver-größern nur den bereits erfolgten Bruch. Die Mißachtung und Übertretung des Kodex sind der Beginn einer Rück-bildung, gegen die die sizilianische Freundschaft nicht ankämpfen kann, indem sie Antikörper produziert. In demselben Brief steht ein beispielhafter Satz: Unauslöschlich bleibt mir ein Wort im Gedächtnis haften, das du gesagt hast… Dieses Wort, lieber Nino, hättest du mir nicht sagen dürfen. Unauslöschlich. Ein Wort. Aber dieses eine Wort genügt, um diese Schwächung, diesen Abfall der Spannung, diese Enttäuschung, doch vor allem den unterschwelligen Groll in dem hervorzurufen, der sich verraten fühlt. Der andere hat nicht ›verstanden‹. Aber das hätte er tun sollen, welchen Sinn hätte es sonst gehabt, sich ganz hinzugeben, welchen Wert hätte sonst die Komplizenschaft des Schweigens und der Blicke?
In diesem letzten Gymnasialjahr erweist sich Luigi, trotz
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Tatsache ist, daß in Luigi die Liebe zu seiner Cousine Lina voll aufgebrochen und leidenschaftlich entflammt war. Über diese quälende Liebesgeschichte hat Pirandello später eine Novelle mit dem Titel Zwischen zwei Schatten (Tra due ombre) geschrieben.
Nach Abschluß des Gymnasiums ist Carmelo Faraci gezwungen, wegen eines Trauerfalls in der Familie wieder in seinen Heimatort Sant'Agata Militello zurückzukehren. Daraufhin zieht Luigi in die Via Bontà um, wo er zahlender Gast bei einer Großtante ist, deren wirtschaft-liche Verhältnisse sehr ungünstig sind, und die auch für ihn kocht. Luigi hat jetzt viel Zeit für sich und kann sehr viel eifriger und ausdauernder das Elternhaus seiner Cousine Lina besuchen als vorher.
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