Der vertauschte Sohn
Der Wiedergefundene Vater
Wie tiefgreifend die Wandlung des Verhältnisses unter-dessen zwischen Luigi und seinem Vater ist, kann man aus den Notizen erkennen, die er Lietta schickt und hier in chronologischer Abfolge vorgelegt werden.
7. März 1922:
Unten, bei Tante Lina, geht es allen gut, einschließlich Nonno. Jedesmal nach dem Mittagessen gehe ich hinunter und besuche sie…
1. April 1922:
Ich habe vergessen, daß Nonno neulich morgens beim Aufstehen aus dem Bett gestürzt ist und sich weh getan hat… Wir haben den Arzt gerufen, der uns glücklicher-weise versichert hat, daß es nichts Schlimmes wäre. Tatsächlich geht es ihm jetzt besser, obwohl er sehr leidet und Schwierigkeiten beim Atmen hat. Aber er wird schon wieder.
24. Mai 1922:
Natürlich wurde die Nachricht über die Geburt gleich telefonisch der Mama übermittelt und auch Tante Lina und der Familie mitgeteilt, und selbstverständlich auch Nonno, der nun noch einmal Urgroßvater geworden ist.
18. Juni 1922:
Ich bin bereits in der Zeit der Schulprüfungen, die mich beklemmen; und zusätzlich, als ob das alles noch nicht genug wäre, hat Nonno vor acht Tagen einen Gehirn-schlag bekommen und ist dabei, von uns zugehen. Vielleicht wird er von uns gegangen sein, wenn Dich dieser Brief erreicht, armer Nonno!
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2. Juli 1922:
Um das Leben unerträglicher zu machen, kommt zu Nonnos gesundheitlicher Situation jetzt auch noch die durch Artheriosklerose hervorgerufene Demenz. Physisch scheint er sich von dem Schlag erholt zu haben, aber er ist im Bett geblieben und wahnsinnig und treibt alle zum Wahnsinn, weil er Tag und Nacht schreit, wirres Zeug redet und sich gegen die medizinische Versorgung der Krankenschwester wehrt, die wir haben nehmen müssen (auf meine Kosten versteht sich) für tags und für nachts.
5. September 1922:
…die Steuern erhöhen sich, die Ausgaben für Nonno und die Krankenschwester erhöhen sich…
Luigi räumt in seinen Briefen dem Großvater von Lietta, Don Stefano, mehr Platz ein als seiner in eine Klinik eingewiesenen Frau. Oft rechtfertigt er sich damit, indem er sagt, über die Mama würden Stefano und Fausto schreiben, die, weil sie sie oft besuchten, besser über alles Bescheid wüßten als er. Doch die Situation mit dem Vater entwickelt sich sehr schnell.
5. Januar 1923:
Ich bin in Mailand gewesen, um mit der Nationalen Theatercompagnie Ruggeri-Borelli-Talli Die Nackten kleiden auf die Bühne zu bringen. Ich war bei den Proben, als mich wie ein Blitz ein Telegramm von Stefano erreichte, mit dem mir Nonnos Flucht aus der Wohnung seiner Tochter Lina (ich will sie nicht mehr Schwester nennen) und die Invasion meines Bettes durch den »Autor meiner Tage« mitgeteilt wurde; Aufforderung also, gleich nach Rom zurückzukehren, für die Maßnahmen in diesem Fall. Ich komme zurück und finde das Schauspiel vor, das Du Dir wohl vorstellen kannst. Die Vorkommnisse unten, während meiner Abwesenheit, waren furchtbar
-271- beschämend und abgeschmackt. Nonno sagt, er habe Monate und Monate die bösartige Behandlung der Tochter und der beiden Enkelinnen hinuntergewürgt. Man darf nicht alles für bare Münze nehmen, was er sagt, denn eigentlich ist der Arme inzwischen verdummt und von Altersdemenz heimgesucht. Aber es ist unstrittig, daß ihn unten niemand ausstehen konnte und man mit der Sonderernährung herumknauserte, die der Arzt ihm nach dem Schlag verordnet hatte: und für die bin ich insgesamt aufgekommen. Stell' Dir vor, statt der Brühe hatte man ihm Wasser mit einem Hauch von Butter verabreicht, aus einem einzigen Eidotter wurden zwei Tassen Creme gemacht (das übrige war Mehlzugabe); und das gesamte Kochobst hatte in einer Untertasse von der Größe zweier Geldmünzen Platz. Unter dem Strich gaben sie für ihn zwischen achteinhalb bis neun Lire aus, von mir aber nahmen sie zehn. Der Streit zwischen Nonno und seiner Tochter brach in seiner ganzen Gewalt über einen völlig vordergründigen Vorwand aus: über eine Truhe, die Linuccia in dem kleinen Zimmer abstellen wollte, in dem Nonno schlief. Wutausbrüche, Ungeheuerlichkeiten, Flüche, Schmähungen.
Nonno sagt, er sei aus der Wohnung geworfen worden; die Tochter sagt, er sei es gewesen, der gehen wollte, und daß er jetzt, ein für allemal, keinen Schritt mehr in ihre Wohnung setzen darf, anderenfalls geht sie. Tatsache ist, daß ich Nonno in meinem Zimmer installiert vorgefunden habe. Ich habe gleich Onkel Giovanni telegrafiert, um einen Familienrat einzuberufen und zu entscheiden, was gemacht werden muß, denn in meiner Wohnung gibt es keinen Platz, um noch jemanden dort logieren zu lassen, und ich kann Fausto nicht dazu verdonnern, an meiner Stelle auf dem Boden zu schlafen wie ein Hund. Den Hund wollte ich zwar machen, aber Fausto hatte das nicht
-272- zugelassen: er hat mir sein Bett und sein Zimmer gegeben.
Inmitten dieser ganzen Herrlichkeit ist dann auch noch Olindas Entbindung am ersten Tag des Jahres gewesen… Ein ganz bezauberndes Mädchen… Die unten haben begriffen, daß ich Nonno unmöglich bei mir behalten kann, und wollen ihn in ein Altersheim geben. Aber wie Du wohl verstehen kannst, ist es mir verhaßt, einen alten Mann von 87 Jahren aus dem Haus zu geben.
Auch wenn man nicht alles für bare Münze nehmen kann, was Don Stefano erzählt, ist klar, daß Luigi Partei für den Vater ergreift und sich mit einem seiner typischen Wutausbrüche sogar weigert, Lina weiterhin als seine Schwester zu bezeichnen, ihr sogar sehr kleinlich die Ausgaben vorrechnet und implizit vorwirft, sie würde noch Geld davon abzweigen.
Aus diesem Brief geht deutlich hervor, daß alle römischen Ausgaben für den Vater, einschließlich des Essens, des Arztes und der Krankenschwester, alleine Luigi trug: Lina hatte ein kleines Zimmer in ihrer Wohnung zur Verfügung gestellt, das sie von Zeit zu Zeit in eine Abstellkammer verwandeln wollte, womit sie Don Stefanos Zorn herausforderte. In Luigi scheint bittere Ironie mitzuschwingen, wenn er seinen Vater, in Anführungszeichen, als Autor meiner Tage bezeichnet, aber der Kern seiner Aussage ist ein einziger: er wird es nicht zulassen, daß Don Stefano in ein Altersheim eingeliefert wird, er will nicht, daß er unter fremden Menschen stirbt. Andererseits muß eine Lösung gefunden werden, die Wohnung ist zu klein, sie bricht schon aus allen Fugen: dort wohnen Luigi, sein Sohn Stefano mit seiner Frau Olinda und das Neugeborene, Fausto und der gerade dazugekommene Don Stefano. Wenige Zeilen später teilt Luigi der Tochter seine Absicht mit, eine Wohnung zu kaufen, um dort mit seinem Vater und mit
-273- Fausto zu wohnen, weil Stefano mit seiner Familie in eine andere Wohnung ziehen will. Luigis Absicht ist klar: den Vater bei sich behalten oder ihn allenfalls bei einem anderen Verwandten unterbringen, der in der Lage ist, ihn bei sich als Gast aufzunehmen. Für diesen zweiten Fall versteht es sich von selbst, daß sämtliche Kosten Luigi übernehmen würde.
19. Januar 1923:
Ich habe meinen Vater wieder bei mir zu Hause, ich glaube, ich habe es Dir in meinem letzten Brief gesagt und auch die Gründe dafür genannt. Ich habe alle Beziehungen zu denen unten abgebrochen. Ich habe Onkel Giovanni für einen Familienrat aus Siena kommen lassen, der zu nichts geführt hat, denn wir waren übereinge-kommen, an Tante Annetta zu schreiben und sie zu bitten, Nonno bei sich aufzunehmen für einen Monatsbetrag von 650 Lire, doch Tante Annetta antwortete mir, daß sie nicht könne, und zwar aufgrund des überaus traurigen Gesundheitszustands ihres Mannes, der sie zwinge, ihre ganze Pflege ihm zukommen zu lassen. So ist Nonno bei mir geblieben und schläft in Deinem Zimmerchen, das Fausto ja einmal in Beschlag genommen hatte, der sich zum Schlafen auf eine Metallbespannung in seinem Atelier geworfen hat, sich dabei aber der Gefahr aussetzt, sich durch die Farbausdünstungen zu vergiften. Zu Hause ist alles, wie Du Dir vorstellen kannst, alles drunter und drüber, auch wegen der Geburt des Mädchens, das alle auf Trab hält und nachts häufig schreit, weshalb keiner schlafen kann, auch wegen der Hellhörigkeit der Wohnung. Auch wenn Nonno nicht da wäre, könnte Fausto gewiß nicht im Nebenzimmer schlafen. Ich habe es drei Nächte lang probiert, und ich habe kein Auge zumachen können. Nonno ist taub und hört nichts. Aber so kann es nicht weitergehen.
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Unterdessen ist es das erste Mal, daß Luigi in diesem Brief Don Stefano Vater nennt, wohingegen er ihn in den vorausgegangenen, auch weil er an seine Tochter schreibt, Nonno nennt. Nicht einmal im Traum fällt es ihm ein, den endlich wiedergefundenen Vater wegzuschicken, Fausto soll sich für den Augenblick arrangieren, schließlich kann es so nicht weitergehen.
Aber es geht weiter:
5. Juli 1923:
Nonno geht es weiterhin einigermaßen gut. Aber er wird von Tag zu Tag unleidiger.
3. August 1923:
… Nonno, dem es mit seinen 88 Jahren äußerst gut geht…
Es gibt ein Foto gerade aus diesen Tagen des Jahres 1923. Ein schöner sonniger Vormittag. Auf einem Balkon stehend und lächelnd, hält Luigi Stefanos kleine Tochter im Arm, die beglückt lächelt. Neben den beiden lächelt auch Stefano, sein Kopf ist ganz leicht nach vorne geneigt. Vor den dreien sitzt Don Stefano, in einem schweren schwarzen Anzug gekleidet, mit zahnlosem Mund, der zwischen Backen- und Oberlippenbart halb verdeckt ist, mit Brille, den Kopf leicht gegen eine Schulter geneigt, beide Hände auf dem Stock. Wenn man genau hinsieht, lächelt er, der Urgroßvater.
Der Schriftsteller Arnaldo Frateili erinnerte daran, daß Luigi in dieser Zeit die wenigen Freunde dazu überredete, »lange mit dem Vater Karten zu spielen, der, fast schon blind und taub, allerdings immer noch hart und autoritär, immer aufrecht in seiner hochgewachsenen rüstigen Gestalt, diese abendliche Ablenkung forderte, und so bürdete sich Pirandello selbst die Langweiligkeit dieses Spiels auf und auch die Verpflichtung, regelmäßig zu
-275- verlieren, um nur ja nicht die Unzufriedenheit des alten Mannes zu wecken«.
Und wenn er gezwungen war, sich wegen der Auf-führung eines Stücks von Rom zu entfernen, legte er vor seiner Abreise seinen Freunden mehrere Male ans Herz, den Vater zu besuchen und ihm ein bißchen Gesellschaft zu leisten.
Gibt es einen »echteren«
Vater? Gibt es einen »echteren«
Sohn?
Daher ist wohl auch der Augenblick gekommen, das zu tun, was er als die letzte Geste der Befreiung ansieht: die Niederschrift von Maria Stellas weit zurückliegender Geschichte. Es ist eine ganz kurze Erzählung nur und trägt den Titel Der vertauschte Sohn (Il figlio cambiato), die mit anderen Erzählungen in einem Band 1925 erschienen ist. In ihr gibt es ein erzählendes Ich, einen Skeptiker, der den herzzerreißenden Schmerz einer Mutter miterlebt, die vergebens von anderen Müttern zu trösten versucht wird, die blind an diese magischen Künste glauben. Die Er-zählung fährt fort mit der Mutter, die sich voller Verzweif-lung zu einer Hexe begibt, Vanna Scoma, um Nachrichten über den anderen Sohn zu erhalten, den richtigen, echten, ihren Sohn, der ihr weggenommen wurde. Die Hexe versichert ihr, daß es dem anderen Sohn gut gehe und es ihm auch weiterhin gut gehen werde, wenn sie den behinderten Sohn gut behandle, der ihr anstelle des anderen zurückgelassen wurde. Was die Mutter auch tut, und hin und wieder kam, nicht mehr gefragt, nicht mehr gesucht, im Lauf der Zeit Vanna Scoma, um ihr Nachrichten zu überbringen und etwas Eßbares aus ihr herauszuholen: angenehme Nachrichten., daß ihr Sohn schön und gesund aufwachse und daß er glücklich sei.
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Don Stefano Pirandello stirbt in Rom, in der Wohnung des Sohnes Luigi, im Juni 1924.
Luigi kümmert sich selbst um die Einzelheiten der Trauerzeremonien, die mit einer gewissen Feierlichkeit durchgeführt werden sollen, dabei liegen die vier Garibaldi-Medaillen des Vaters deutlich sichtbar aus. Er wird auf dem Friedhof des Verano in der Familiengruft beigesetzt, neben seinem Schwager Rocco Ricci Gramitto, seinem Waffengefáhrten. Erst beim Tod des Vaters versöhnt sich Luigi wieder mit seiner Schwester Lina, schuldig - in seinen Augen -, daß sie Don Stefano Unrecht angetan hat.
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