Der vertauschte Sohn
Der Sarazenen-Ölbaum
Stefano erzählt, daß sein Vater die vorletzte Nacht seines Lebens äußerst unruhig verbracht hat. Am nächsten Morgen erklärte er seinem Sohn, daß er im Kopf den dritten Akt der Riesen geschrieben habe, den, den er nicht rechtzeitig mehr schreiben konnte.
»Ich erfuhr von ihm an diesem Morgen nur dies: daß er einen Sarazenen-Ölbaum gefunden hatte. ›Es gibt‹, sagte er mir lächelnd, ›einen Sarazenen-Ölbaum, einen großen, in der Mitte der Bühne: damit habe ich alles gelöst.‹ Und weil ich nicht richtig verstanden hatte, fügte er hinzu: ›Um die Plane daran zu spannen‹… Auf diese Weise verstand ich, daß er sich, vielleicht schon seit einigen Tagen, mit der Lösung dieser Detailfrage beschäftigte. Er war sehr zufrieden, daß er ihm eingefallen war.«
Das Schema des dritten Aktes hatte er bereits in Zügen festgelegt, so daß Stefano es abschrieb, und es ist das, an das sich alle Regisseure gehalten haben, die die Riesen auf die Bühne gebracht haben. In diesem Schema wird die Plane, vor der die Aufführung des Märchens stattfindet, an einem Seil zwischen dem Olivenbaum und der Fassade des Hauses aufgespannt, in dem die Riesen wohnen. Die Aufführung sollte vor den Dienern der Riesen stattfinden, die sich mit einem gigantischen Bankett auf dem Vorplatz beschäftigten. Nun ist klar, daß es für einen Regisseur wie Pirandello ein Leichtes gewesen wäre, etwas auf die Bühne zu stellen, woran er das eine Ende des Seils hätte befestigen können, um die Plane zu halten. Weil die Diener der Riesen Arbeiter für große Arbeiten waren, hätte sich auf dem Vorplatz durchaus ein Kran befinden
-310- können, auch Holzstämme für Gerüste oder für das Stützen von Zelten und Beleuchtungskörpern für die Hochzeit der Riesen. Nein, Pirandello denkt an einen Sarazenen-Ölbaum. Und man muß sich immer vergegen-wärtigen, daß es auf der Bühne des von Pirandello selbst geschriebenen ersten Akts einen anderen Baum gibt.
Etwas erhöbt, etwa in Bühnenmitte, eine vom Alter ziemlich mitgenommene Zypresse, deren Stamm einer Bohnenstange und deren Wipfel einer Lampenbürste ähneln.
Wenn es nun also im ersten Akt eine Zypresse ist, ein typischer Friedhofsbaum, Baum des Hades (»rechts vom Brunnen wirst du eine Zypresse finden«… heißt es häufig in den orphischen Gesängen), was bedeutet es dann, daß Pirandello im dritten Akt alles mit einem Olivenbaum auflöst? Die Wahl ist nicht zufällig, und diese Wahl macht ihn sehr zufrieden. Zu Recht schreibt Sciascia:
»Das war nicht nur eine ›Detailfrage‹, wie der Sohn dazu bemerkt, eine szenische Auflösung für dieses Theaterstück, das Pirandello nicht vollendet hat: es war eine Auflösung, die eine Bedeutung hatte, eine Katharsis, die sein gesamtes Werk, sein gesamtes Leben definierte und abschloß. Der Sarazenen-Ölbaum als Symbol für einen Ort, als Symbol für sein Gedächtnis, für das große, umfassende Gedächtnis. Wir könnten wohl auch sagen: für die Mnemosyne, die Mutter aller Musen und der Pirandellos in besonderem Maß, für eine Mnemosyne, die an diesem ›Ort der Metamorphosen‹ sich in einen Olivenbaum verwandelt hat: erdigverbunden, tief wurzelnd, frei rauschend…«
Und wenn die Plane zerrissen wird, wenn die Gräfin Ilse ermordet und zerfleischt wird von den armen fanatischen Dienern des Lebens, wenn der Graf schreit, daß die Poesie in der Welt zerstört worden sei, wenn sie alle
-311- weggegangen sind und Ilses toten Körper auf dem Fuhr-werk mit sich genommen haben, mit dem sie angekommen sind, wird der Ölbaum da bleiben, in der Mitte der Bühne, und in seinem einheitlich geschlossenen Körper die Vergangenheit, die Gegenwart und die noch zu erleidende Zukunft symbolisieren.
… In Wahrheit, wie von jeher geboren, wie auf jehin lebendig, sind wir hier.
(Gerade als ich diese Seiten schrieb, kehrte ich für ein paar Tage in meinen Heimatort zurück, nach Porto Empedocle. Nach vielen, vielen Jahren überkam mich die Lust, von oben her die Scala dei Turchi, die Türkentreppe, zu sehen, einen Hügel aus hellem Mergel, der langsam zum Meer hin abfällt. Aber inzwischen war dort ein Restaurant gebaut worden, das den Blick versperrte. Der sehr freundliche Sohn des Eigentümers ließ mich ein-treten, obwohl das Restaurant geschlossen war. Und gleich sah ich einen riesigen Sarazenen-Ölbaum »mit krummem, verdrehtem Stamm, mit dunklen Rissen, als würde er gefoltert und man könnte fast sein Stöhnen hören« (Sciascia). Ich wunderte mich, daß einer von ihnen überlebt haben sollte. Da erklärte mir der junge Mann, daß dieser Olivenbaum aus einem Ort im Inneren der Insel dort hingebracht worden sei, daß er mit größter Sorgfalt und der Hilfe eines Botanikers verpflanzt worden sei. Stolz sagte er mir, daß der Olivenbaum angegangen sei und zeigte auf die neuen zarten Triebe mit silbergrünen Blättern.
»Wer weiß, wie alt der wohl ist!« sagte ich.
»Das wissen wir«, sagte der junge Mann, »der Botaniker hat eine Bohrung gemacht.«
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Er wollte damit sagen, daß aus dem tiefsten Inneren des Baumes eine Probe entnommen worden war, die für die Untersuchung ausreichte.
»Also, wie alt ist er?« fragte ich.
»Eintausendzweihundert«, antwortete mir der junge Mann.)
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Andrea Camilleri