Alea Reeves, vampire princess lost
Tag 5 | Er wird größer?
Dass im Moment meine höllisch brennenden Füße mein größtes Problem waren, hätte ich echt nicht gedacht. Ich meine, der Tag war fast um – nein, halt, die Nacht war fast um – und wir sind die ganze Zeit nur durch dieses endlose Stück Wald spaziert.
»Also ich wäre jetzt dafür, dass wir die Zelte aufschlagen. Die Sonne geht bald auf«, teilte ich den anderen mit, die mir nickend zustimmten. Plötzlich spürte ich eine kalte Hand an meiner rechten Schulter… Jayden. »Am liebsten würde ich mir das Zelt mit dir teilen«, flüsterte er an mein Ohr, was bei mir eine Gänsehaut auslöste. »Aber ich kann Ali doch nicht mit zwei Jungs zusammen schlafen lassen.« »Wieso nicht? Ich finde, einer mehr oder weniger macht den Kohl auch nicht fett. Außerdem ist Max doch ein anständiger Vampir.« »Das ist ja auch nicht das Problem. Ich dachte nur, dass Ali vielleicht ihre beste Freundin brauchen würde, wenn sie sich schon freiwillig dafür geopfert hat, sich das Zelt mit einen von den Casses zu teilen.«
Jayden seufzte, da er wusste, dass ich Recht hatte. »Mir gefällt es nur nicht, wenn du dir das Zelt mit einem von denen teilst.« »Er wird mir schon nichts tun, Jayden. Immerhin ist er mitgekommen, um zu helfen.« »Das mag er behaupten, aber du darfst denen nie voll und ganz vertrauen. Früher hast du das gewusst. Ich meine, du hast deine Erinnerungen schließlich nicht ohne Grund verloren. Dieser Jared wusste, dass du und deine Fähigkeiten dazu in der Lage wären, sie alle zu vernichten. Deshalb musste er schnell handeln, weil er wusste, dass du es sonst getan hättest. Das musst du dir immer wieder in Erinnerung rufen, Alea. Und wie es aussieht, könnte es nicht schaden, wenn du Ali gleich miterinnerst.«
Ich schaute ihn eindringlich an. »Natürlich wissen wir das bereits beide, sonst wären wir nicht hier. Dass wir Daniel in unser Zelt lassen, liegt daran, dass a: Wir es tun müssen, da er sonst keinen Platz zum Schlafen hat und b: Er nicht misstrauisch werden darf, worum es hierbei wirklich geht.«
Jayden zog mich sichtlich erleichtert an sich. »Du warst schon immer die Schlauere von uns beiden in dieser Beziehung.« Ich grinste ihn an. »Ach ja? Und was warst du?« Wir waren nur noch wenige Zentimeter voneinander entfernt. »Das wirst du schon noch herausfinden«, murmelte er geheimnisvoll und küsste mich anschließend.
»Ist ja schön, dass ihr zwei euch wieder gefunden habt, aber die Zelte bauen sich nicht von selbst auf«, ließ uns Alis Stimme hochfahren. Nur wiederwillig lösten wir uns voneinander und gingen zu den anderen herüber, die bereits die Stäbe durch das Zelt hindurch gefädelt hatten. Das drei-Mann-Zelt von Ali, Daniel und mir dauerte zwar an sich länger bis es aufgebaut war, aber da wir dieses Zelt auch mit mehreren Leuten aufbauten, nahm sich das nicht sonderlich viel. Sowohl Max als auch mein Zelt, waren beide unglaublich blickdicht. Für Vampire gegen die Sonne sicherlich von Vorteil.
Unser Gnom-Begleiter Herish hatte sich einfach ein Platz draußen in den Wäldern genommen, da ihm die Sonne ja – anders als uns – nichts ausmachte.
Irgendwann waren wir endlich soweit und konnten uns es in unserm Zelt gemütlich machen. Ich hatte den Platz in der Mitte eingenommen und mich bereits in meinen Schlafsack eingekuschelt. Anders als Daniel, der vor dem Schlafengehen anscheinend noch Lust auf ein wenig Smalltalk hatte: »Du musst es gut haben, Ali, gleich zwei Arten von Magie zu besitzen.«
Sie zuckte mit den Schultern. »Aber du hast die Magie doch auch.« »Ja, Casses Magie schon. Aber will Mal einfach nur ein Feuer entzünden mit der Absicht, dass es ausschließlich wärmt. Keine Chance, außer das Feuer soll irgendwas zerstören. Du kannst beides. Ich frage mich nur, warum.« Aha, jetzt wurde der Smalltalk also doch ernster.
»Naja, so stark ist meine Magie jetzt auch nicht. Ich war ja erst einmal bei euch. Alea ist früher ständig bei euch gewesen, weshalb ihre Fähigkeiten früher auch ziemlich stark waren. Doch da sie sich daran nicht mehr erinnern kann, sind die jetzt weg.« Ach, Ali… Ich bin mir echt nicht sicher, ob wir Daniel so viel verraten sollten. Sonst würde er noch dahinter kommen, warum sein Vater mir meine Erinnerungen nahm.
Doch glücklicher Weise dachte er darüber nicht länger nach. Ihn beschäftigte ein anderes Thema. »Warum ist Alea denn früher so oft nach uns gekommen? Wegen meinem Vater?« Da ich weil ich eure Steine und somit euch vernichten will natürlich schlecht sagen konnte, sagte ich einfach: »Das versuchen wir ja herauszufinden. Wie gesagt… meine Erinnerungen sind ja futsch und deshalb kamen wir neulich, um es herauszufinden. Doch… keine Chance.«
»Vielleicht habt ihr euch gestritten und er möchte nicht, dass du dich daran erinnerst.« Genau… als ob. Doch das sagte ich natürlich nicht laut. Stattdessen meinte ich: »Aber hätte es denn nicht gereicht nur diesen Teil zu löschen? Musste er mich gleich glauben lassen, dass ich ein komplett anderes Leben als sogenannter Mensch führen würde?«
Gerade als er antworten wollte, hörte ich von draußen plötzlich ein lautes Geräusch, was uns alle hochschrecken ließ. Als schließlich auch ein lautes Gebrüll ertönte, öffneten wir das Zelt, obwohl die ersten Sonnenstrahlen bereits den Himmel erfüllten. Auch Max und Jayden schienen ihr Zelt verlassen zu haben, da der Eingang ihres Zeltes ebenfalls offen stand.
Die leichten Sonnenstrahlen auf meiner Haut brannten zwar total unangenehm, doch das vergas ich gleich wieder, als ich das große Ungetüm vor uns erblickte. Das Monster sah Herish verblüffend ähnlich, nur das dieses Etwas brutaler und angsteinflößender war – eindeutig. Apropos Herish: Wo war er überhaupt?
Max brüllte mir die Antwort auf meine Gedanken entgegen: »Es sieht so aus, als hätte sich Herish von einem Gnom in einen Troll verwandelt!« Ach-herr-je! Und das musste ausgerechnet zu dieser Uhrzeit passieren? Oder war das gerade so geplant, weil wir jetzt am verwundbarsten sind? In seiner Hand hielt Herish eine Keule, mit der er anscheinend schon ununterbrochen versucht hatte, Jayden und Max zu schlagen. Diese konnten bis jetzt zum Glück immer noch haarscharf ausweichen, doch erst jetzt wurde mir klar, wie selbstsüchtig ich doch war.
Das war meine Mission! Ich wollte meine Erinnerungen zurück haben und ich war die Vampirprinzessin, die die Casses vernichten soll. All diese Vampire um mich herum setzte ich in Gefahr – in tödliche Gefahr. Man, was bin ich dämlich.