Alea Reeves, vampire princess lost
Nacht 10 | Überraschung!
Jamie blieb wie angewurzelt im Türrahmen stehen. »Alea? Was machst du denn hier?« Als ich ihr die gleiche Gegenfrage stellen wollte, kam mir Jared zuvor: »Jamie, du lebst?«
Und dann machte es plötzlich klick in meinem Kopf. Oh mein Gott, Jamie war… unmöglich! Andererseits war es aber auch ziemlich wahrscheinlich. Sie war für lange Zeit an diesem Ort gefangen gewesen. Man hätte sie irgendwann für tot erklärt. Jetzt wurde mir auch klar, warum Jared nie richtig mit ihrem Tod abschließen konnte. Er war sich nie hundertprozentig sicher gewesen.
»Oh, wow, awkward«, war das einzige was ich herausbrachte. »Ihr zwei kennt euch?«, fragte Jared jetzt. »Nicht nur das. Ich habe sie wieder mit Nachhause gebracht. Sie war jahrelang an dem Ort gefangen, wo auch die Steine versteckt waren.« »Bitte was?«, fragte mich Jared als verstand er die Welt nicht mehr.
»Und woher kennt ihr zwei euch jetzt bitte?«, wollte Jamie wissen. Jared musste grinsen. »Sie könnte unsere zukünftige Schwiegertochter sein. Obwohl die Chancen darauf in letzter Zeit eher schlechter stehen. Du erinnerst dich doch noch daran, dass du ein Kind hattest, oder Jamie? Für mich sieht es nämlich nicht so aus. Sonst wärest du damals nicht auf diese Reise gegangen, obwohl unser Sohn noch so klein war.« Tränen liefen über Jamies Gesicht. »Ich wusste nicht, was diese Reise für Risiken mit sich bringen würde.« »Egal welche Risiken, du hättest erst gar nicht gehen sollen. Du hättest bei uns bleiben sollen. Er hätte eine Mutter gebraucht, denn ich bin kein guter Vater gewesen.«
»Stopp!«, rief ich plötzlich und stellte mich zwischen Jamie und Jared. »Erstens: Jared, du warst kein schlechter Vater. Zweitens: Hör auf Jamie anzuschreien. Sie wurde an diesem Ort schon genug bestraft.« Okay, ich hatte Jared noch nie so wütend wie jetzt gerade gesehen. »Du wirst dich unserem Sohn nicht nähern, verstanden? Der Zug dafür ist schon lange abgefahren.« Mit diesen Worten verschwand er hinter die Tür der Bar, die in den Wohnbereich führte.
»Er hasst mich. Ich wusste es«, murmelte Jamie. »Hassen würde ich jetzt nicht sagen. Er kann mit der Situation nur nicht umgehen. Das alles hat ihn ziemlich mitgenommen, weshalb er gefühlsmäßig kaum Leute an sich ran gelassen hat.« »Du denkst, irgendwann könnte sich das wieder gerade biegen?« Darauf wusste ich keine Antwort.
Also erwiderte ich nur: »Er braucht jetzt Zeit, um die Sache zu verarbeiten. Was danach ist wird man sehen.« Eine Weile war es still, bis Jamie plötzlich fragte: »Stimmt es, was Jared gesagt hat? Du… du kennst meinen Sohn ziemlich gut?« Wenn Jamie nur wüsste, dass sie ihn selber auch besser kannte, als sie zu glauben schien. Am liebsten wollte ich ihr sagen, dass sie Daniel bereits kennengelernt hatte, doch das würde mir Jared wohl nie verzeihen. Seine letzten Worte waren ziemlich deutlich gewesen. Deshalb nickte ich einfach nur. »Würde… würde es dir etwas ausmachen mir etwas über ihn zu erzählen? Ich weiß, Jared wollte nicht-« »Kann ich machen«, unterbrach ich sie. »Aber nicht hier. Komm wir gehen ein Stück.«
Ich zerrte sie zu einer Bank, die sich in der Nähe eines Flusses befand. Hier habe ich mich früher auch öfter mit Daniel aufgehalten. »Er erinnert mich oft an dich. Und das nicht nur, weil auch er diese komische Magie besaß, wie du sie so schön nennst.« »Er hat auch diese Magie?«, fragte Jamie ungläubig.
»Naja… er bekam die Magie erst später… als er mich kennenlernte. Es war also etwas anders.« »Habt ihr euch zerstritten oder was meinte Jared vorhin mit seinen Worten?« »Ich wünschte es wäre so einfach. Nein. Du weißt ja, dass meine Erinnerungen manipuliert wurden. Nun, seine wurden auch manipuliert, wenn auch anders. Er erinnerst sich an alles, bis auf eine Tatsache… mich.«
»Oh… das tut mir leid.« »Wieso? Es ist doch nicht deine Schuld.« Sondern Jareds. Wieder kochte die Wut über ihn in mir hoch. Es war alles seine Schuld. Doch trotzdem nahm ich es ihm nicht so sehr übel, wie ich es eigentlich sollte. »Trotzdem. Ich finde es einfach nur toll, dass du mich nicht für die Fehler meiner Vergangenheit verurteilst.« »Was glaubst du wie viele Vampire ich wegen ihrer Vergangenheit verurteilen könnte? Würde ich das, säße ich irgendwann allein da.«
Wir blickten noch eine ganze Weile schweigend auf den Fluss, bis Jamie irgendwann fragte: »Alea? Könntest du mich vielleicht beim Kauf meines Kleides beraten? Ich kenne mich als Casses ja nicht so gut mit Kleidern aus.« »Wozu brauchst du denn ein Kleid?«, fragte ich neugierig. »Ach, du weißt es noch nicht? Dein Bruder Max hat auch Daniel und mich zu seiner Hochzeit eingeladen, weil er findet, dass wir in den letzten Tagen ganz schön viel zusammen durchstehen mussten.« Er hat was?
»Ähm, klar kann ich dir helfen. Ich kenne da einen super Laden.« Okay, dann werde ich jetzt mit Daniels verstorbener Mutter Kleider shoppen gehen. Damit hätte ich wohl auch nie gerechnet.
Bei Wear it! gab es einfach die schönsten Kleider. Das konnte keiner bestreiten. Aus diesem Grund wählte ich auch diesen Laden aus, um für Jamie das passende Kleid für die Hochzeit zu finden. Da fiel mir ein, vielleicht könnte ich auch ein neues gebrauchen. Die Hochzeit von Max und Justine war immerhin etwas Besonderes. Jamie fand so gut wie jedes Kleid bezaubernd. Klar, im Gegensatz zu dem Karohemd, das sie trug, waren sie das ja auch. Ob ich mir gleich zwei Kleider kaufen sollte? Eins, welches ich sofort tragen konnte und eins für die Hochzeit? Immerhin wurden wir ziemlich angestarrt, weil ich ja auch noch mein blaues Oberteil trug. Underdressed für diesen Laden, eindeutig. Aber das war mir im Moment egal. Aber für den Weg nach Hause sollte ich mir vielleicht etwas anderes anziehen.
»Wie willst du deine Haare eigentlich zur Hochzeit tragen?« Die Frage war berechtigt, immerhin hatte sie die Farbe schon wieder geändert. Sie waren jetzt pink. »Ich dachte einfach an meine Naturhaarfarbe… also braun.« Braun also… überlegte ich, während ich nach ein Kleid suchte, das dazu passen könnte. Jamies Hautfarbe war ja nicht sonderlich blass. Ich kramte ein beiges Kleid hervor, welches vorne kurz war und hinten immer länger wurde. An der Taille hatte es eine schwarze Schnalle.
»Wie wäre es damit?«, fragte ich und bemerkte förmlich, wie Jamies Augen zu leuchten begannen. Auch nach der Anprobe wurde nur noch deutlicher… das war Jamies Kleid! Für den Heimweg schnappte ich mir einfach schnell ein Kleid, welches unten schwarz und oberhalb der Brust ein niedliches Blümchenmuster besaß. Die Auswahl für mein Hochzeitskleid war dann doch eindeutig schwieriger. Letztendlich fanden ich und auch Jamie, das rosafarbene am schönsten. Oben war es mit Glitzersteinen besetzt und unten fiel es lang á la Ballkleid auf den Boden. »Wow, Alea. Du siehst echt bezaubernd aus.« »Danke«, murmelte ich, während ich mir das erste Kleid wieder anzog, um bezahlen zu gehen. Ich konnte es tragen und trotzdem bezahlen, das ging. Hatte ich schon unzählige Male bei Wear it! gemacht.
Wir wollten gerade den Laden verlassen, als ich Halsüberkopf in jemanden hinein rannte. Oh Gott, dieser jemand war Daniel! Sprachlos starrte ich ihn einfach nur an… man, wie peinlich.
Zum Glück rettete Jamie die Situation: »Ach Daniel! Willst du auch schon einen Anzug für die Hochzeit kaufen?« »Ja, ich dachte mir, besser früher als später. Wie es aussieht seid ihr ja schon fündig geworden. Schickes Kleid, Alea«, sagte ich lächelnd. Und ehe ich es hätte verhindern können, merkte ich, wie mein ganzer Kopf rot anlief. Na toll. Damit er es ja nicht merkte, murmelte ich nur noch unbeholfen: »Bis später dann« und verließ endlich Wear it! ohne mich noch einmal umzudrehen.