Alea Reeves, vampire princess lost

Annika Ha · Kapitel 2 von 46

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Alea Reeves, vampire princess lost

Tag 1 | Wer bin ich?

 

»Was guckst du denn so entgeistert? Als ob du mich noch nie nackt gesehen hättest…«, sagte der Junge, der nun seinen Finger kreiste, ähnlich wie Jared in der Kneipe, um anschließend wieder mit Kleidung gesegnet zu sein. Ich starrte ihn immer noch entgeistert an. Hatte er sich jetzt echt gerade von einer Fledermaus in einen Menschen verwandelt? Und wie hatte er das mit dem Finger gemacht? So viele Fragen… so wenige Antworten.

»Bitte was?«, war das einzige was ich nach einer gefühlten Ewigkeit endlich heraus brachte. »Was glotzt du denn so?«, fragte er erneut. »Wie ich dich hier gefunden habe? Ach, tu doch nicht so. Als ob es so abwegig wäre…«

Warum redete dieser Verrückte mit mir so als würde ich ihn schon ewig kennen? »Entschuldigung… aber muss ich dich kennen?«, sagte ich jetzt etwas patzig, da ich meine allbekannte Selbstsicherheit zurückerlangt hatte.

»Lass den Scheiß, Alea.« Okay, das erklärte jetzt so einiges. »Du musst mich mit Jemandem verwechseln. Ich bin Jenny, nicht Alea.« »Was zum…« Er kam jetzt einige Schritte auf mich zu. Nervös wich ich von dieser Halb-Mensch-Halb-Fledermaus. »Du meinst das ernst, nicht wahr? Oh, verdammt. Was haben sie nur mit dir gemacht?«

»Niemand hat was mit mir gemacht. Ich will doch nur endlich nach Hause. Meine Mutter macht sich sicher schon Sorgen.« Der Junge setzte sich wieder auf den Stein und zeigte neben sich, da er anscheinend wollte, dass ich mich zu ihm setzte. »Okay. Du musst mir jetzt alles über dein Leben und deine Vergangenheit erzählen.«

Nein, das werde ich sicherlich nicht machen. Idiot. Aber damit er mich endlich in Ruhe lassen würde, begann ich alles zu erzählen, was nicht privat oder geheim war. »Ich lebe alleine mit meiner Mutter in New York. Wir leben ziemlich miserabel… dreckig und so… aber das ist mir eigentlich egal.«

»New York? Wo genau soll das sein?«, fragte er mich. Ernsthaft? Was für einer war er bitte, dass er nicht New York kannte. »Amerika?«, entgegnete ich verdattert. Tat der so doof, oder war er es wirklich? »Jetzt hör mal ganz genau zu, Alea. Dein Amerika gibt es gar nicht. Diese Welt haben sich deine Freunde-«, er zeigte rüber zu der Hütte, in der ich mich bis vor kurzem noch befunden hatte. »-die Casses, nur ausgedacht als sie anscheinend deine kompletten Erinnerungen verpfuscht haben. Wie genau sie das geschafft haben, ist mir allerdings auch noch ein Rätsel. Fakt ist nur: Sie haben es.«

Okay, Jenny. Es gab jetzt zwei Möglichkeiten: Entweder du glaubst diesem Verrückten – oder eben nicht. Meine Erinnerungen wurden verpfuscht? So ein Schwachsinn! Ich wusste genau wie mein Leben abgelaufen ist. Andererseits… hatte sich dieser Junge gerade vor meinen Augen von einer Fledermaus in einen Jungen verwandelt. Auf der Erde ist das doch überhaupt nicht möglich.

»Eigentlich sogar ziemlich schlau von den Casses. Sie haben dir glauben lassen, dass du aus einer Welt kommst, wo es Magie nicht gibt. Jetzt musst du wahrscheinlich erst wieder lernen deine Kräfte zu kontrollieren. Und ohne dich sind wir nun Mal geschwächt.«

Bitte was? Ich verstand diesen Typen echt nicht. »Okay, nehmen wir jetzt mal an, du hast Recht.« »Natürlich hab ich Recht«, unterbrach er mich. »Ich hab immer Recht. Und eigentlich weißt du das auch… Dafür vergötterst du mich sogar.« Himmel, sein Blick verriet mir schon, dass er nicht die Wahrheit sagen konnte. Nicht was dieses Vergöttern angeht.

Plötzlich kamen mir wieder seine ersten Worte in den Sinn: Was guckst du denn so entgeistert? Als ob du mich noch nie nackt gesehen hättest… Nein, bitte nicht. »Sag jetzt nicht, du bist mein Freund oder so? Laut meiner Erinnerung bin überzeugter und glücklicher Single.«

»Ach, noch so viel was du nicht weißt. Du bist nicht Single, Alea. Aber nein, du bist nicht meine Freundin.« »In welche Beziehung stehen wir denn zueinander? Sag jetzt nicht Exfreund und Exfreundin. Du musst mich nämlich gleich ein wenig rumführen. Und ich denke, dass man das auch hier nicht gerne mit dem Exfreund machen würde.« Während ich mich mit dem Jungen unterhielt, bemerkte ich, dass ich ihm glaubte. Eigentlich schon von Beginn an. Denn ich musste es mir eingestehen: Das sah hier echt nicht nach New York aus. »Na, dann hast du ja Glück, dass du mit deinem lieben Bruder vorlieb nehmen kannst.« »Ich habe einen Bruder? Ich bin kein Einzelkind?« »Nö. Du hast auch noch eine Schwester, aber das ist nur ein kleiner Teil der Dinge, die sich für dich ändern. Okay, nicht ändern. Sie waren immer so, aber laut deinem vernebeltem Gehirn anscheinend nicht.«

»Wie heißt du denn?«, fragte ich ihn, der daraufhin zusammen zuckte. »Was ist?«, fragte ich ihn. »Nichts. Ich komme nur noch nicht ganz damit klar, dass du dich weder an mich – noch an sonst jemanden erinnern kannst. Okay, egal. Ich bin jedenfalls Maxwell. Aber bitte, nenn mich jetzt nicht so! Du nennst mich wie immer nur Max.«

Ich lächelte. »Max finde ich auch schöner. Ich mochte es auch nie, wenn mich die Leute Jennifer anstatt Jenny nannten.« Ich stockte. Nein! So hieß ich ja gar nicht. Verdammt. Mein ganzes Leben sollte ja eine Lüge sein. Nicht mal Julie gab es wirklich… rein gar nichts. Ich fragte mich langsam, ob es überhaupt etwas für mich Alltägliches wie zum Beispiel Klopapier gab.

Da fiel mir wieder Jared aus der Bar ein. »Aber wenn ich gar nicht so heiße… warum hat mich Jared dann Jennifer genannt?«

»Jared? Na, ich kann mir gut vorstellen, dass er sogar der Grund für deinen Gedächtnisverlust ist.« Hm… Eigentlich kam er nicht so rüber als würde er so was machen. Er war ganz der Gentleman als sich die betrunkene Jenny an ihm ran machen wollte.

»Und kann ich mich etwa auch in eine Fledermaus verwandeln, oder wie jetzt?« Max grinste mich total breit an. »Klaro. Das kann jeder Vampir. Also… Vampire, so nennt man die Leute in Vellance. Ich weiß ja nicht, wie das in deiner Fantasie in New York war.«

»Über Vampire gab es in New York Geschichten… aber sind die denn wahr? Sag bitte nicht! Ich möchte kein Blut trinken.« »War klar, dass die Casses deine Erinnerungen an die Vampirwelt nicht komplett auslöschen konnten. Ich frage mich sowieso, wie sie es überhaupt konnten… Aber ja, Blut musst du natürlich trinken. Warum sollten die Casses die Vampire in deinen Erinnerungen auch falsch darstellen? Aber lass mich raten, dass sie Fähigkeiten besitzen wusstest du nicht?«

Ich schüttelte den Kopf. Aber diese Fähigkeiten machte die Sache etwas erträglicher… das war irgendwie cool. »Habe ich mir gedacht. Damit du es später noch schwieriger hast sie wieder zu erlernen.«

»Wer sind diese Casses eigentlich? Und was unterscheidet sie von anderen? Und welche Arten von Vampiren gibt es sonst noch?«, wollte ich von Max wissen. »Arten kannst du nicht wirklich sagen. Wir Vampire sind alle gleich. Aber es gibt eben die Casses – die Unterschicht, die kaum Geld haben und sich nicht an Regeln halten. Und dann gibt es uns: die Feences, oder besser bekannt als die Oberschicht. Wir haben ein Königreich und Ordnung und Regeln sind uns extrem wichtig.«

Ich stöhnte. »Ja, das gab es in New York quasi auch. Ich lebte in Verhältnissen, die waren nicht sonderlich angenehm.« Ich wusste was Max jetzt dachte: Nein, das hast du nie. Das denkt sich dein verrückter Kopf aus. Aber für mich waren das nun Mal alle Gedanken und Erinnerungen, die ich besaß.

»Ja, dann kannst du dir glücklicherweise vorstellen, dass unsere komplett unterschiedlichen Lebenseinstellungen uns nicht gerade zu Freunden machen. Deshalb herrscht Krieg in Vellance, den in der Regel die Feences immer gewinnen. Klar, wir haben ein Königreich. Aber im Moment sind wir extrem geschwächt, weil wir dich und deine Fähigkeiten nicht mehr haben … also quasi.«

»Eigentlich kann ich mir das nicht so richtig vorstellen. Worüber streitet ihr euch denn?« »Die Casses meinen, sie könnten sich alles erlauben. Aber Regeln sind nun Mal wichtig… sonst herrscht Chaos in Vellance.« »Und warum seid ihr jetzt wegen meines Verlustes so geschwächt?« Ich war doch immerhin nur ein Vampir unter vielen.

»Weil deine Fähigkeiten besonders stark sind, denn du bist die Vampirprinzessin, Alea.«